Kapitel III: Cor (4)

Horas saß im Schutz der Barrikade, die seine Wachen aus Metalltrümmern aufgetürmt hatten. Vorsichtig strichen seine Finger über die glatte Oberfläche seines besten Zauberstabes. Eine arkane Waffe, die den allumfließenden Aether so stark verdichten konnte, dass er zu spitzen, tödlichen Nadeln wurde.
Diese Nadeln, die in der Akademie auch als magische Geschosse bezeichnet wurden, konnten mit Hilfe eines simplen Kommandowortes auf einen Feind geschleudert werden. Bei den einfachen Leuten waren diese Zauberstäbe wegen ihrer leicht gekrümmten Form auch als Nadelhörner bekannt. Absolut treffsicher und problemlos zu bedienen. Normale Rüstungen aus Metall oder Leder booten nicht den geringsten Schutz. Lediglich mit arkanen Schildzaubern konnte man sich die Dinger vom Leib halten.

Allerdings waren die Nadeln so filigran, dass sie dem Körper verhältnismäßig wenig Schaden zufügten. Den Treffer einer einzelnen Nadel konnte man durchaus überleben. Zwei Geschosse reichten aber bereits aus, um einer Reitechse oder einem erfahrenen Soldaten den Garaus zu machen.
Horas überprüfte noch einmal die arkanen Symbole auf dem gekrümmten Schaft der Zauberwaffe. Dieses Nadelhorn stammte aus den berühmten aureolischen Waffenschmieden von Kardaraal und konnte drei Nadeln gleichzeitig verschießen.

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Horas konnte keinerlei Beschädigungen feststellen. Zufrieden befestigte er die Waffe an seinem Gürtel. Seine Ausrüstung war in perfektem Zustand. Noch einmal griff er nach der Phiole mit den Kriegstrank. Er spürte das sanfte Wiegen der energetischen Flüssigkeit in dem winzigen Metallfläschchen.
Schnell und klar werde ich mich fühlen.
Wäre es nicht von Vorteil, schon jetzt einen Schluck des Trankes zu nehmen?
Die Wachen brauchten dringend etwas Motivation. Mit einem kleinen Schluck Entropie in den Adern könnte er schnell eine aufpeitschende Rede halten, um die Stimmung wieder etwas anzuheizen. Nur ein paar Worte über Kardaraal und die Heimat, über Extrasold und baldige Wachablösung. Seine Finger spielten mit dem Metallverschluss. Bevor er aber die Phiole öffnen konnte, riss ihn der Ruf eines Wachposten aus seinen Gedanken:
„Schritte im Hauptgang! Macht euch bereit für den Kampf!“
Als erstes war Dremail auf der Barrikade. Die restlichen Wachen kletterten ihm nach.
Dann flogen brennende Ölflaschen ins Lager. Beim Aufschlag zerplatzten sie und hinterließen flammende Pfützen. Verletzt wurde niemand – aber der beissende Qualm nahm den Verteidigern die Sicht und die Luft zum Atmen. Auf der anderen Seite des Walls waren die Gefangenen nun heran gekommen. Sehen konnte Horas sie nicht, doch er hörte ihre wütenden Schreie und das Krachen der Metallstücke, als sie auf die Absperrung kletterten. Dann begannen die Zweikämpfe.
Horas griff an seinen Gürtel und zog das Nadelhorn. Seine Hände zitterten, als hätte er eine Quecksilbervergiftung. Die Sklaven waren deutlich in der Überzahl und hatten schnell den Wall überwunden. Auf der rechten Seite der Höhle prügelte ein Daemon mit einem primitiven Stahlrohr auf Horas Männer ein, als wären sie nasse Sandsäcke.
In den Kampf eingreifen!
Der Kerkermeister machte mit dem Nadelhorn im Anschlag ein paar Schritte auf den tobenden Gegner zu. Eine normale Waffe konnten die dichte Haut des Daemons kaum durchdringen, aber eine Aethernadel war keine normale Waffe…
Horas zielte und versuchte sich auf den Schuss zu konzentrieren.
Was wäre, wenn die erste Salve nicht sofort töten würde? Das Vieh würde seine gesamte Wut auf ihn richten. Überall pfiffen Armbrustbolzen die Luft.
Plötzlich wurde er zur Seite gerissen. Dremail hatte ihn gepackt und zerrte ihn in Deckung.
„Wenn ihr nicht kämpfen könnt, passt wenigstens auf eure verfluchte Haut auf!“ knurrte der Reptiloide und diesmal war die Wut in seiner rauen Stimme nicht zu überhören.
Schon im nächsten Augenblick war der Hauptmann wieder bei seinen Leuten an der Barrikade und mähte mit seinem Langschwert die Angreifer nieder, die es wagten, in die Stellung einzubrechen.
Horas duckte sich tiefer in die Deckung. Dann riss er Amathirs Phiole auf und der Geruch der Flüssigkeit stieg ihm sofort in die Nase. Es war ein starker Kriegstrank, gesättigt mit reinster Entropie. Wahrscheinlich hatte der junge Priester ein Vermögen dafür bezahlt. Die Hälfte des Trankes würde ausreichen. Nur die Hälfte. Nicht alles. Er stürzte den Kriegstrank herunter und tatsächlich schaffte er es, nach drei Zügen die Phiole abzusetzen, bevor er sie komplett geleert hatte.
Die entropische Essenz fuhr wie ein glühender Speer in seine Eingeweide und erhellte seinen ganzen Leib mit Licht und Energie.
Er sprang auf.
Das Nadelhorn war in seiner Rechten und fühlte sich hart und real an, wie eine machtvolle Verlängerung seines Willens.
Er sah, wie die Sklaven mit ihren gestohlenen Waffen wie ein Welle schmutzigen Wassers über die Absperrung schwappten… und bestrafte ihre Impertinenz sofort mit einem Schauer aus Aethernadeln. Fast geräuschlos fuhren die unendlich spitzen Geschosse in das widerliche Fleisch der Humanos, Halbriesen, Reptiloiden, und allen anderen Gewürms, das es wagte, vor seine Augen zu treten.
Auch den Daemon mit der Stahlstange spickte der Kerkermeister mit den magischen Geschossen. Doch der unreine Körper dieses Rebellen brach nicht wie die anderen Opfer zusammen. Der Daemon heulte vor Wut, Schmerz und Hass und sprang mit unmöglich langen Sätzen auf den Kerkermeister zu.
Horas schoss einfach weiter und presste durch seine Zähne immer wieder das arkane Kommandowort des Nadelhorns: „Xar, Xar, Xar…
Projektil um Projektil bohrte sich in den mächtgen, grotesken Körper.
Bevor der Daemon den Kerkermeister erreichen konnte, tauchte Dremail zwischen den beiden Kontrahenten auf. Blitzend durchschnitt sein Schwert die feste Haut des Daemons und trennte den Kopf vom Hals.
Ekstatisch riss der Hauptmann seine Waffe hoch und brüllte: „Lang lebe der Magistrat!“
Horas nickte ihm mit blitzenden Augen zu und brüllte heiser zurück: „Der Magistrat!“
Dann stürzten sie sich zusammen in den Kampf und machten den Sklaven ein für allemal klar, warum Demos Kratein die vorherrschende Macht in den Humanoschalen war.

Kapitel III: Cor (2)

Die uralte Eingangshalle des Dran Kadaar war gebaut wie eine Kathedrale der Göttlichen Rassen. Hoch aufragende Säulen, jede verziert mit den uralten, arkanen Mustern der Konstrukteure. Sie trugen eine stolz geschwungene Decke, die in einem spitzen Bogen zusammen lief, hoch über den winzigen Humanos, die wie hektische Felsameisen in der Halle umher liefen.
Eine dieser Ameisen war Horas, der Kerkermeister. Verschwitzt und mit zittrigem Blick hastete er durch die Reihen der Wachen, die sich hier gesammelt und verschanzt hatten, um die Sklavenhorde an der Flucht zu hindern.

Seit ihn Dremail hier abgesetzt hatte, war er nicht mehr zur Ruhe gekommen. Seine Gedanken kreisten um den blonden Kerl, an dem Heresial so brennend interessiert war, und der bei seiner Gefangennahme fünf Sklavenjäger mit einem rostigen Kurzschwert getötet hatte.

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Der blonde Knabe, den sie wegen Dremails Sturheit in der Absicherungskammer gelassen hatten.
Eine Rückkehr dorthin war inzwischen ausgeschlossen. Die geflohenen Sklaven hatten sich längst zu eine Bande zusammen getan und kontrollierten nun alle Kammern, bis auf die Eingangshalle. Das hier war das letzte Bollwerk, das verhindern musste, dass sich die Flut der Gefangenen durch das Ausgangsportal des Dran Kadaar in die Freiheit ergießen würde.
Freiheit ?
Auf Donjon war niemand frei. Weder in den reichen Städten von Demos Kratein mit all ihren Annehmlichkeiten, noch in der Wildnis der 6. Schale. Warum riskierten die Flüchtlinge Leib und Leben, um durch das Portal von einer kleinen Zelle in eine etwas größere zu gelangen? Horas versuchte die Zweifel aus seinem Bewusstsein zu verbannen. Der Kampf mit der Sklavenbande stand unmittelbar bevor und er befand sich in einer miserablen Verfassung. Aber er hatte eine Idee was dagegen getan werden könnte.
Und deshalb ging der Kerkermeister auf das stolze Banner mit dem Kreiskreuz des Stahl zu. Amathir, der Priester des Kerkers, hatte es hier aufgepflanzt. Direkt vor dem Ausgangsportal. Ein Zeichen für Angreifer und Verteidiger: der Ausgang des Dran Kadaar bleibt verschlossen. Im Namen von Stahl dem universellen Gott der Ordnung. Im Namen der Göttlichen Rassen.
Unter dem Banner lagen die Verletzten.
Amathir war unter ihnen und wirkte die heilende, magische Gnade der Götter. Unermüdliche beteten seine Lippen. Das dunkle, lockige Haar klebte vor Schweiß auf seiner Stirn. Wo seine Hände die geschundenen Leiber berührten, leuchtet weißes Licht… und Wunden und Brüche verschwanden spurlos.
Horas war jedes Mal aufs Neue beeindruckt, wenn er das Werk eines Priesters beobachten konnte, aber er wusste, dass ihm der Pfad der Heiligkeit durch seine Zweifel verwehrt war. Die Gerechtigkeit der Götter zu akzeptieren, hieße die Gerechtigkeit der Verlieswelt anzuerkennen. Das war dem Kerkermeister, der ohne jedes eigenes Verschulden in diese Welt hineingeboren worden war, unmöglich.
Sinnlose Zweifel.
Was ihm wirklich etwas nützen würde, wäre etwas entropische Hilfe für den Kampf gegen die Flüchtlinge. Und er war sich sicher, dass Amathir ein kleines bisschen von dem besaß, das ihm, Horas, einen entscheidenden Vorteil verschaffen könnte.
„Ihr seht krank aus, Kerkermeister.“ Die Stimme des Priesters riss Horas aus seinen Gedanken. Er blickte in Amathirs graue Augen, die ihn fixierten. Wie immer, wenn ihn der Priester in diesen unsichtbaren Griff nahm, fand Horas keine Worte, bis er schließlich den eigenen Blick zu Boden gesenkt hatte.
“Ihr habt Recht. Der seltsame Sturm. Die Sklavenrevolte. Die Verantwortung lastet schwer auf mir, Vater.“ Die traditionelle Anrede des Priesters kam ihm nur schwer über die Lippen. Weder durch Alter, noch durch Macht oder Geburt stand der Priester über ihm. Und doch war es ratsam, den Dienern der Göttlichen Rassen Respekt entgegen zu bringen.
Und sei es nur, um in Situationen wie diesen, auf ihre Hilfe zurückgreifen zu können.
Der Kerkermeister setzte an: „Amathir, ich weiß, ihr seid aufs Äußerste bemüht, die Kampfkraft meiner Wachen zu stärken. Aber was nützt die beste Armee, wenn ihr Hauptmann im Fieber liegt? Ich brauche eure Hilfe!“
Der Priester zog eine Augenbraue hoch: „Was fehlt euch? Leidet ihr an einer Krankheit, Kerkermeister? Sprecht ein Wort und ich werde mit der Wahrheit des göttlichen Stahl euren Körper reinigen und alle Infektionen aus ihm verbannen.“
„Keine Krankheit. Die Sorge wiegt schwer auf meiner Seele…“ Nun war es Zeit das Schwafeln zu beenden, dachte Horas und fuhr fort: „Ich weiß aus den Verkaufsbüchern, dass ihr im Besitz eines entropischen Kriegstrankes seid. Ich bitte euch, Vater, gebt ihn mir, damit ich die Wachen gegen die Ausbrecher anführen kann.“
Einen Herzschlag lang herrschte Schweigen. Das Stöhnen der Verletzten drang dumpf wie durch Watte an Horas Ohren. Dann wurde das Gesicht des Priesters zu einer abweisenden Maske. Er reckte das Kinn vor und sagte: „Als reicher, adliger Arkanist mit den besten Verbindungen solltet ihr über eigene Vorräte für eine Situation wie diese verfügen.“ Er machte eine kurze Pause und fixierte Horas erneut mit seinen kompromisslosen Augen. „Oder verhält es sich vielleicht so, dass ihr durch eure widerlichen Sucht sämtliche entropischen Elixiere längst in euren schwachen Leib hinein gepumpt habt?“
Diesmal musste Horas dem Blick des Priesters stand halten. Nachgeben und sterben. Zu Boden blicken und krepieren.
Mit gesenkter Stimme antwortete Horas: „Bei der Weisheit Anasporas, sprecht leise! Wir sind im Krieg, Vater! Hört auf, meine Führung in Frage zu stellen, oder der Kampf gegen die Sklaven ist bereits verloren.“ Amathir blickte verärgert zur Seite und schüttelte den Kopf. Sofort spürte Horas dass er den richtigen Punkt getroffen hatte. Politik lag seiner Familie im Blut. So schmerzhaft konnte kein Entropie-Entzug sein, dass er dieses Talent verlieren würde. Alles was fehlte war eine offensichtliche Lüge, die es Amathir erlauben würde, sein Gesicht zu waren.
Also sagte Horas: „Meine Vorräte sind durch den unheiligen Sturm komplett vernichtet worden. Gebt mit den Kriegstrank, oder wollt ihr die Wachen selber in den Kampf führen?“
„Vielleicht sollte ich das wirklich tun“, sagte der Priester, griff aber dabei an seinen Gürtel und löste eine kleine Metallphiole. Ohne weitere Worte reichte er dem Kerkermeister den Trank. Horas drehte auf dem Absatz um und überließ Amathir seinen Pflichten zwischen den Verletzten.
Während er die prächtige Halle durchschritt, legte er sich seine nächsten Schritte zurecht.
Als erstes musste er die Barrikaden inspizieren, die Dremails Wachen errichtet hatten.
Es wird zum Kampf kommen, das war klar.
Aber es gab keinen Grund zur Unruhe, denn nun waren der Kerkermeister und seine Wachmannschaft perfekt vorbereitet. Und in nicht allzu ferner Zukunft würde Verstärkung aus den umliegenden Sklavenjäger-Camps eintreffen.
Horas hatte seine linke Hand zur Faust geballt. Und in der Faust war die Stahlphiole.

Kapitel II ist fertig, Kapitel I ist als PDF Download bereit

Lange hat es gedauert. Sorry, aber das ist mein Arbeitstempo. Immerhin bin ich bisher dran geblieben. Sollte tatsächlich jemand gespannt auf das dritte Kapitel warten, so kann ich versichern, dass es bereits fertig geschrieben ist und nur noch online gestellt werden muss.

Außerdem habe ich es geschafft, eine überarbeitete Version von Kapitel I mitsamt aller Zusatztexte (Prologe, Prologe…) als PDF aufzubereiten und hier zu verlinken. Hat Spaß gemacht. Ich hoffe, Ihr habt genau so viel Spaß beim Lesen und verzeiht mir die Schreibfehler.

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Kapitel II: der Sturm (6)

Um Jerune herum brach das Chaos los. Noch war er unverletzt, doch angesichts der kalten Präzision, mit der die Maschine die Flüchtlinge niedermetzelte, war es nur noch eine Frage von Augenblicken, bis ihn eines der Geschosse erwischen würde.
Während er verzweifelt nach Deckung suchte, spürte er in seinem Inneren, wie seine Seele erneut vom allumfließenden Aether abgeschnitten wurde. Der Musterorkan hatte sich endgültig gelegt und der Eisenwächter absorbierte nun sämtliche verbliebene arkane Energie, die sich noch in der Kugelhalle befand.

Nur ein paar Schritte vor Jerune ragte das Portal auf. Davor hatte sich aber eine dichte Traube von Gefangenen angestaut, die panisch versuchten, sich in Sicherheit zu bringen und so den Ausgang komplett verstopften.
Doch der Druck der Menge ließ plötzlich nach. Aus dem Augenwinkel heraus sah Jerune, wie der Halbriese, der ihn und Saark bis eben eingeklemmt hatte, von einer schweren Messinglanze durchbohrt wurde und nach hinten weg kippte. Saark hob eine zerborstene Armbrust auf, die kurz zuvor noch in den Händen einer Wache gewesen sein musste. Dann packte er Jerune am Arm und zerrte ihn hinter sich her, während er sich mit der Armbrust – wie mit einer Keule – eine Schneise durch die Menge prügelte. Ohne Rücksicht drosch er von hinten auf die Flüchtlinge vor dem Portal ein. Jerune wollte protestieren, doch statt dessen kniff er die Augen zusammen, um das Grauen nicht mit ansehen zu müssen.
Und während der Eisenwächter einen kurzen Herzschlag inne hielt, um den Wald aus Waffen nachzuladen, bahnte Saark einen blutigen Weg für sich und Jerune durch das Tor. Raus aus der Kugelhalle.

Der Kerkermeister saß zitternd auf einem der harten Steinthrone der Kontrollkammer.
Die Entscheidung, den Eisenwächter zu aktivieren, war in der Tat nicht die Beste gewesen. Die Maschine hatte sowohl die Sklaven als auch seine eigenen Leute niedergemetzelt. Dann hatten die Wachen am Portal die Nerven verloren und ihren Posten aufgegeben.
Ein ganzer Haufen der verkommenen Sklaven war daraufhin aus der Halle entkommen.
Die waren jetzt dort draußen, vor der Tür der Kontrollkammer.
Mit einer unsicheren Bewegung überprüfte er seine einzige Waffe: den Nadelhorn-Zauberstab. Er hätte nicht gedacht, dass er ihn irgendwann mal benützen müsste. Höchstens um eine aufsässige Wache einzuschüchtern, aber nicht im Kampf gegen die Gefangenen.
Er war mit einer handvoll Leute zurück geblieben, während Dremail mit drei seiner besten Krieger die Lage in den Gängen des Dran Kadaar auskundschaftete. Es galt heraus zu finden, wie viele der Gefangenen dem Gemetzel entkommen waren und nun frei in den Gängen herum streunten.
Nach einer kleinen Ewigkeit schließlich ertönte das vereinbarte Klopfsignal an der schweren Metalltür. Horas sprang auf und ließ Dremail mit seinen Getreuen in den Raum. Die Rüstung des Retiloiden war nass von Blut. Sklaven-Blut.
Obwohl es schwer war, in dem starren Echsengesicht eine Gefühlsregung zu erkennen, wusste Horas sofort, dass die Lage außerhalb des Kontrollraumes nicht gut war.
„Mindestens fünfzig Gefangene sind durchgebrochen. Waffen haben sie sich von meinen toten Leuten verschafft. Inzwischen hat sich der Abschaum in den umliegenden Kammern und Gängen verkrochen.“
„Wie sieht es in Richtung Ausgang aus?“ fragte Horas unsicher.
„Besser. Unsere restlichen Kämpfer haben sich in der Eingangshalle gesammelt. Sie versperren den Ausgang. Bisher ist noch kein einziger Sklave entkommen.“
Der Kerkermeister atmete auf. Noch war nicht alles verloren. Die Gefangenen hatten es nicht geschafft, die Kammern des Dran Kadaar gänzlich zu verlassen.
„Wie viele Männer haben überlebt?“
Dremail wiegte den geschuppten Kopf und antwortete ruhig: „Dreißig. Genug um diesen Haufen von Halsabschneider und Verbrechern zurück in die Zellen zu treiben.“ Dann fügte er hinzu: „Die sind feige wie Eidechsen.“
„Gut gemacht, Hauptmann. Kannst du uns zu den restlichen Wachen bringen?“
Dremail deutete auf den Ausgang. „Wir können sofort aufbrechen. Aber wir müssen uns beeilen. Solange die Sklaven zerstreut sind, können wir es leicht bis zur Eingangshalle schaffen. Aber wenn sie sich zu einer großen Bande zusammen rotten, wird es schwer.“
Horas nickte. Dann hob er zögernd die Hand und fragte mit gesenkter Stimme: „Eine Sache noch…hast du den blonden Knaben gesehen? Unter den Flüchtlingen? Oder unter den Toten?“
Der Reptiloide zuckte mit den breiten Schultern.
„Nein Milord. Er ist sicher noch in der Absicherungskammer, wo wir ihn vor dem Sturm hingebracht hatten. Niemand kann ohne Schlüssel die arkane Tür öffnen, die den Raum sichert. Und den Schlüssel habt ihr.“
Im Prinzip war das richtig, aber Horas hatte trotzdem seine Zweifel. Ohne den Meisterschlüssel hätte auch niemand sämtliche Zellentüren auf einen Schlag öffnen können. Und doch war genau das geschehen.
„Wir müssen den Knaben sofort wieder in unsere Gewalt bringen…“
Dremail fiel ihm ins Wort: „Diese Umweg wird uns in grosse Gefahr bringen.“
„Es ist der Wille des Magistrates, dass wir diesen Kerl um jeden Preis in Kardaraal abliefern.“
„Tot nützen wir dem Magistrat nichts. Wenn wir fallen, werden die restlichen Wachen fliehen. Dann sind euer Knabe und die restlichen Gefangenen für immer verloren. Wir haben den Dran Kadaar zu halten. Das ist unsere Pflicht gegenüber dem Magistrat, Kerkermeister.“
Zum ersten Mal seit Horas seinen Posten in diesem verfluchten Höllenloch angetreten hatte, spürte er echten Widerstand in der Stimme seines Offiziers. Er wollte noch einmal ansetzten, um den Reptiloiden umzustimmen, doch dann erinnerte er sich an das Desaster in der Kugelhalle, das er durch seinen Starrsinn ausgelöst hatte… und senkte nur seinen Kopf.

Kapitel II: der Sturm (5)

Die Lage war außer Kontrolle geraten. Die beiden arkanen Gefangenen, die Horas als Entropiespender ausgewählt hatte, waren entkommen. Er war gerade erst aus der Absicherungskammer zurück gekehrt, wo er den verfluchten Knaben persönlich in die Konditionierungsmaschine gefesselt hatte. Als er die beiden Gefangenen übernehmen wollte, war ein Sturm – ein völlig unerklärliches Phänomen – über den Kerker herein gebrochen und hatte die Wachmannschaft durcheinander gewirbelt. Selbst hier in der sicher gebauten Kontrollkammer hatte es einige Verletzte gegeben. In der Kugelhalle aber hatte es zur totalen Katastrophe geführt. Das absolut Undenkbare war geschehen: die Gefangenen waren aus ihren Zellen entkommen.

Horas hatte zwar an der Akademie von der Gewalt der Labyrinthstürme gelesen, doch solche Dinge ereigneten sich bestenfalls alle hundert Jahre. Warum gerade hier und jetzt?
Es war nicht fair, es war ein Albtraum, ein Horror.
Hektisch blickte er sich in der Kontrollkammer um. Seine Augen sprangen von einem Wachmann zum nächsten, doch in keinem Gesicht fand er Rat. Sie blickten auf ihn, den Kerkermeister, und warteten unsicher auf Anweisungen. Nur Dremail, der Reptiloide, glotzte nicht blöde in der Gegend herum, sondern beobachtete mit einem Wolkenstein-Teleskop die Vorgänge in der Kugelhalle.
Ohne seine Augen von den Fernrohr zu nehmen, sagte er: „Ich habe Wachen herein geschickt, die den Eingang blockieren sollen. Sie halten sich gut gegen die Sklavenhunde. Ich werde alle verfügbaren Krieger dort zusammen ziehen.“
„Aber wird das ausreichen?“ fragte Horas.
„Wenn der göttliche Stahl uns beisteht, werden wir den Abschaum wieder in die Zellen zurück treiben.“
Doch da hatte Horas seine Zweifel. Stahl, der universelle Gott der Gerechtigkeit und Strafe residierte auf der fernen Welt Endorpal und sinnierte über komplexe juristische Probleme. Horas war sich sicher, dass sich Stahl für nichts weniger interessierte, als für die Gefängnisrevolte im Dran Kadaar.
„Hier geht es nicht um eine Handvoll Sklaven. Sämtliche Gefangenen sind frei! Wir müssen den Eisenwächter wieder aktivieren,“ sagte der Kerkermeister und blickte nervös zu dem uralten Pult herüber, mit dem das Konstrukt kontrolliert werden konnte.
„Wenn ihr den Wächter wieder scharf macht, verlieren wir nicht nur sämtliche Sklaven, sondern auch alle Wachen, die wir bereits rein geschickt haben!“
„Darauf kommt es jetzt nicht mehr an.“ Mit diesen Worten beendete Horas die Diskussion und wandte sich dem Pult zu.
Worauf es in Wirklichkeit ankam, war der Junge, den er an Heresial ausliefern musste.
Und der Junge war glücklicherweise bereits in der Absicherungskammer. Fest geschnallt, unbeweglich, hinter einer dicken Metalltür, gesichert mit einem Musterschloss.

Mit einem Schritt war der Kerkermeister an dem Schaltpult und legte seine zittrigen Hände auf die Kontrollen. Sofort spürte er die Energie, die durch den Eisenwächter pulsierte…
„Wir danken Stahl, dem präilluminierten, für seine Gerechtigkeit und den Konstrukteuren für ihren Scharfsinn,“ hauchte Horas. Dann legte er den Zentralschalter im Pult um.
Dremail trat hinter ihn und blickte mit kalten Reptilienaugen auf den Schalter. Dann sagte er:
„Wenn ihr den Eisenwächter auf totale Vernichtung einstellt, haben unsere Leute keine Chance, Milord.“
„Leute haben wir genug.“ antwortete der Kerkermeister ohne seine Blicke von den Kontrollen zu nehmen.

Die ersten Wachen, die versucht hatten, die Gefangenen aufzuhalten, wurden von den nackten Füßen der Flüchtlinge nieder getrampelt. Inmitten der heulenden Meute aus Humanos, Reptiloiden, Daemons und mindestens einem Dutzend weiterer niederer Rassen wurden Jerune und Saark auf den Ausgang zu gespült.
Als sie nur noch 20 Schritte von ihrem Ziel entfernt waren, geriet der Strom ins Stocken. Vor dem Portal stauten sich die Flüchtlinge. Es stank nach Schweiß, Angst und Wut.
„Wir stecken fest!“ schrie Jerune. Ein Halbriese, der sich direkt hinter ihm befand, presste ihn unbeeindruckt weiter nach vorne. Der Druck auf Jerunes Körper wurde stärker und stärker, bis der Musterkundige glaubte, dass Knacken seiner Rippen zu hören.
„Nicht die Nerven verlieren!“ rief Saark, der direkt neben ihm fest steckte.
Im nächsten Augenblick schlug das Geheul der Menge in panisches Geschrei um.
Mit einem metallischen Kreischen hoben sich die unzähligen Waffenarme des Kugelgolems und richteten sich auf die Gefangenen. Hundertfach sirrten die Stahlsehnen und eine Wolke aus Pfeilen und Speeren jagte in die Menge hinein.
Der Eisenwächter war wieder erwacht.

Kapitel II: der Sturm (2)

Dremail, der Reptiloid, Hauptmann der Wache, brachte die gefesselte Frau vor den Thron des Kerkermeisters. Horas nickte seinem Offizier zu und schickte ihn dann aus der Kontrollkammer. Alle anderen Wachen und Lakaien hatten den Raum bereits verlassen. Bei seinem Bericht an den Magistrat duldete Horas keine Zuhörer.
Die junge Frau stand mit glasigen Augen inmitten der uralten metallenen Kontrollpulte. Ein goldener Reif, beschrieben mit arkanen Symbolen, saß auf ihre Stirn. Ihr langes dunkles Lockenhaar hatte man abrasiert, damit der Stirnreif möglichst engen Kontakt zu ihrem Schädel bekam. Risiken mussten bei dem Ritual unbedingt vermieden werden, denn der Aufbau einer mentalen Verbindung zwischen zwei weit voneinander entfernten Seelen war keine Kleinigkeit. Hinzu kam, dass zwischen Horas und dem Magistrat nicht nur hundert Meilen Gestein lagen, sondern dass sich der Dran Kadaar in der sechsten Schale der Verlieswelt befand. Der Sitz des Magistrates aber war in Kardaraal in der siebten Schale.
Allein die mächtigen aureolischen Steinreifen, geschaffen von den größten krateinischen Arkanisten waren in der Lage, Hindernisse und Distanzen dieser Art zu überbrücken.
Der Blick des Kerkermeisters blieb noch einmal an ihrem rasierten Schädel hängen. Schade um ihr schönes Haar. Horas erinnerte sich an ein paar wunderbare Stunden, die er mit dieser abgesicherten Sklavin in seinen Gemächern verbracht hatte. Der weibliche Duft, der von ihren dichten Locken ausgegangen war, hatte sich mit der Wirkung des Traumlikörs vermischt und ihn zu unglaublicher Ekstase geführt. Einer der wenigen Lichtblicke in seinem Dienst in der Sklavenschale.

Der Körper der Frau versteifte sich von einem Augenblick auf den anderen. Sie riss ihr glasigen Augen weit auf und starrte angestrengt ins Leere. Dann begann sie zu sprechen:

„Ich rufe Horas, Sohn des Kromantes, Kerkermeister des Dran Kadaar, Günstling des Magistrates.“
Der kratzige Klang der Worte hatte nichts mehr mit der ursprünglichen, weichen Stimme der Sklavin gemeinsam. Ihr Körper war nun nichts weiter als ein Sprachrohr, dessen Hall bis nach Kardaraal reichte. Ihre Augen waren starr, denn die Übertragung ihres Blickes war durch die Stirnreifen nicht möglich. Lediglich die Geräusche, die an ihre Ohren drangen, wurden nach Kardaraal gesendet, wo ebenfalls ein Sklave mit einem Stirnreif als Empfänger genutzt wurde.
Entschlossen trat Horas neben die Frau und sprach in ihr Ohr: „Hier redet Horas, Kerkermeister des Dran Kadaar. Welches Mitglied des weisen Magistrates erweist mir die Ehre, meine Worte in Empfang zu nehmen?“
Es dauerte einen Augenblick bis die gesprochenen Sätze bis in die krateinische Hauptstadt übertragen wurden. Was für ein Sklave war als Mund für Horas Worte ausgewählt worden? Würde er in Kardaraal mit den Lippen eines Mannes oder einer Frau sprechen?
Seine Handflächen wurden feucht.

Die Antwort des Magistrates ließ auf sich warten. Der aureolische Stirnreif?
Hastig begann der Kerkermeister an der Stirn der jungen Frau herum zu hantieren. Doch gerade in dem Moment, als er seine Augen dicht an den goldenen Reif heranführte, um den Kontakt zwischen Metall und Haut zu überprüfen, bellte ihm die Sklavin mit verzerrter Stimme ins Gesicht, so dass er erschrocken zusammen fuhr.
„Kein Mitglied des Magistrates redet, Kerkermeister. Ich bin Heresial und ich verlangte Auskunft über einen Gefangenen, der in den Dran Kadaar gebracht wurde.“
Für einen Herzschlag lang versagt Horas Stimme und nichts weiter als ein erstauntes Hauchen drang aus seinem  Mund.
Heresial, der unerbittliche Handlanger von Thark, dem Unermesslich Reichen.
Heresial, der Engel.
Horas starrte wie blöde in das unbewegliche Gesicht der Sklavin und war zu keiner Antwort fähig. Das war auch gar nicht nötig, denn schon formten sich erneut raue und unnatürliche Worte auf den Lippen der Sklavin: “Es geht um einen Knaben, den die Sklavenjäger vor einem halben Jahr in euer Verließ gebracht haben. Ich habe erfahren, dass er bei seiner Gefangennahme fünf erfahrene Jäger getötet haben soll. Ich wünsche zu wissen, wie es um diesen Knaben steht!“
Horas legte seine zittrigen Finger an seinen Schläfen, um seine Gedanken zu beruhigen, die wie Tunnelhornissen durch seinen Schädel fegten. Warum interessierte sich Heresial für diesen Jungen?
Dass der Engel von dem unrühmlichen Zwischenfall erfahren hatte, überraschte Horas nicht besonders. Heresial war nicht nur die rechte Hand des mächtigsten Merkanes von Demos Karteien, sondern auch der offizielle Regent und Verwalter der Sklavenschale Kanduur. Und zu Kanduur gehörte auch der Dran Kadaar. Heresials erste Pflicht gegenüber Thark, seinem Meister, war es, den stetigen Strom der Sklaven aus der sechsten in die siebte Schale aufrecht zu erhalten. Dass er dabei die meiste Zeit im fernen und bequemen Kardaraal an der Seite seines Meisters zubrachte, spielte keine Rolle. Natürlich verfügte er über ein Netz von Spionen, die ihn stets mit Neuigkeiten aus der Sklavenschale versorgten.
Horas schickte ein Stoßgebet zu Anaspora, der göttlichen Herrin über Zauberkunst und Intrigen und dankte ihr dafür, dass der unerbittliche Heresial den Dran Kadaar nicht persönlich aufgesucht hatte. Wieder drang die unwirkliche Stimme aus dem Mund der Sklavin: „Was ist Kerkermeister? Hat euch meine Frage die Sprache verschlagen?“ Die Ungeduld war selbst durch die kratzige Verzerrung hindurch deutlich zu spüren.
Horas riss sich zusammen und antwortete mit trockenem Mund: „Der Knabe ist meines Wissens nach wohl verwahrt in seiner Zelle, hoher und angelischer Heresial. Wie sollen wir mit ihm verfahren, Hoheit?“ Horas senkte unwillkürlich den Kopf, während er auf die Antwort wartete.
„Wurde der Knabe abgesichert?“
Der Schreck fuhr Horas wie Aethernadeln durch den Leib. Das war die Frage, die er jetzt am wenigsten gebrauchen konnte.
„Unsere Vorräte an Entropie sind leider sehr begrenzt, eure Hoheit. Der Junge ist mit seiner Absicherung noch nicht an der Reihe. Doch wenn ihr es wünscht, kann ich seine Behandlung natürlich beschleunigen.“ Wieder verstrich eine kleine Ewigkeit.
„Ich will, dass der Knabe noch heute abgesichert wird und morgen mit einer 25 Mann-Karawane zum 6. Portal geschickt wird. Ich erwarte seine Ankunft in Kardaraal in spätestens zwei Monaten.“
Horas schlug voller Wut gegen eine uralte, bronzene Kontrolltafel und verletzte sich prompt an seiner dünnen weißen Faust. Er konnte unmöglich zugeben, dass sämtliche Entropie aufgebraucht war, ohne dass in den letzten Wochen ein einziger Sklave abgesichert worden war. Mit beiden Händen packte er den Schädel der starren Sklavin und keuchte in ihr Ohr: “Wir hatten einen Unfall. Eine arkane Explosion. Unsere Entropievorräte sind so gut wie aufgebraucht, eure Hoheit. Aber gebt mir eine Woche Zeit und ich schicke den abgesicherten Knaben auf die Reise. Wenn sich die Karawane beeilt, ist er in neun Wochen in Kardaraal.“
Horas starrte der Sklavin auf den bewegungslosen Mund. Dann kam die Antwort, kalt und emotionslos:
„Wenn der Knabe in acht Wochen nicht hier ist, werdet ihr abgelöst und beendet eure Karriere in der Seelendestille eures eigenen Kerkers. Ich bezweifeln allerdings, dass sich aus eurem schwachen Leib genug Entropie gewinnen lässt, um die Vorräte des Dran Kadaar merklich zu füllen. Ich werde euren Vater von euch grüßen. Euer Bericht ist hiermit beendet.“
Horas wartete verzweifelt darauf, dass noch ein letztes Wort der Gnade zu ihm gesandt wurde – ein kleiner Aufschub, nur ein paar Tage Zeit, um die Entropie zu besorgen.
Doch Heresial schwieg und so schwieg auch die Sklavin.
Der Kerkermeister setzte sich zitternd auf seinen Thron inmitten der alten Schalttafeln. Er schloss die Augen und versuchte sich auf die Lehren von Anaspora, der Mutter der langen Rache, zu konzentrieren.
Um einen mächtigen Feind zum Freund zu machen, ist es manchmal nützlich, ein wertvolles Opfer zu bringen. Auch wenn es dem eigenen Stolz nicht behagt.
So stand es im Canon der Intrigen und so würde er es richten, dachte Horas und sein Herz beruhigte sich etwas. Die wertvollsten Gefangenen mussten in die Seelendestille. Begabte, mächtige Zauberer. Ein paar saßen schon seit geraumer Zeit in ihren Zellen und warteten auf ihre Absicherung. Verflucht sei das Gold, das er für ihren Verkauf erzielt hätte – sein Leben ging vor. Zwei Insassen sollten ausreichen, um genug Entropie für die Absicherung des Knaben zu destillieren. Doch als erstes musste der Bursche in Sicherheit gebracht werden. Dass der Junge unversehrt in einer Einzelzelle saß, war eine glatte Lüge gewesen. Genau genommen hatte Horas nicht die geringste Ahnung, in welcher Verfassung sich das Balg befand. Möglicherweise hatten die Wachen ihn mit irgend einem Dämonen zusammen eingesperrt, der fünfmal am Tag über ihn her fiel. Es galt keine Zeit zu verlieren.
Entschlossen sprang Horas auf und eilte auf den Ausgang zu. Er hatte bereits zwei Gefangene ausgewählt, die er opfern wollte.
Gerade als er die schwere Eisentür erreichte, drang ein schmerzvolles Stöhnen an sein Ohr. Horas blickte über seine Schulter und sah, wie die Sklavin aus der magischen Starre erwachte und erschöpft zusammenbrach. Der goldene Stirnreif löste sich von ihrem Kopf und offenbarte eine hässliche Brandwunde, die durch die arkane Energie verursacht worden war. Sie zuckte kurz mit den schlanken Beinen – dann lag sie für immer still.
Besser so, als wenn sie überlebt hätte. So blieb es Horas erspart, die Sklavin eigenhändig zu töten, wie es das Protokoll des Magistrates vorschrieb.
Die Geheimnisse der Herren von Demos Kratein dürften auf keinen Fall in die falschen Hände geraten.

Kapitel 2 geht online

Endlich habe ich mir die Zeit genommen, an der Verlieswelt-Story weiter zu arbeiten. Kapitel 2 & 3 sind praktisch fertig und können nun Stück für Stück veröffentlicht werden. Außerdem möchte ich mein Versprechen wahr machen und die Kapitel einzeln als PDFs aufbereiten. Wahrscheinlich werde ich dabei gleich nochmal das gesamte Kapitel 1 erweitern, denn irgendwie kommt mir das inzwischen zu dünn vor.

Ungelöst ist noch das Problem des passenden RPG Systems. D&D 3.5 wurde ja nun inzwischen mehr oder weniger durch Pathfinder von Paizo ersetzt. Zudem spricht für Paizo, dass es als OGL veröffentlich wird und eine deutsche Version vorliegt. Auf der andere Seite hört man Gerüchte, daß Monte Cook zu den Wizards of the Coast zurück gekehrt ist, um an D&D 5 zu arbeiten. Das Ergebnis sollte man abwarten!

 

Prolog II

So wie das Licht die Motten anzog, so zogen Geheimnisse Jerune den Musterkundigen an. Er saugte das Wissen auf wie ein durstiger Schwamm und wurde Zeit seines Lebens des Lernens niemals müde. Und es war genau diese Tatsache, wegen der er in die schicksalhaften Geschehnisse, von denen hier berichtet werden soll, verwickelt wurde.

Der hohe Rat der Musterkundigen, der auch als ‚Rat des Zeitmusters‘ bekannt war, ordnete an, dass Benarus, eines der angesehensten Mitglieder dieses Ordens, die magischen Sonnen der Runenwüste aufsuchen sollte, um dort bestimmte Versuche anzustellen. Ziel dieser durchaus gefährlichen Reise war es, das Wissen der Musterkundigen über diese Sonnen zu vervollständigen. Insbesondere sollten die Umstände ergründet werden, durch die eine dieser Runensonnen, die als eines der größten Wunder der Mustermagie galten, zum ewigen Verlöschen gebracht werden konnten. Doch Benarus, dessen Rücken bereits vom Alter gebeugt war, erkrankte und konnte die Reise, die ihn in das umkämpfte und unsichere Grenzgebiet zum feindlichen Reich von Demos Kratein führen würde, nicht antreten. Da trat Jerune, der der Schüler und Neffe von Benarus war, vor den Rat und bat, die Aufgabe seines Lehrmeisters übernehmen zu dürfen. Natürlich war ihm der Ruf seines Onkels wichtig, doch wichtiger noch schien ihm die Möglichkeit, endlich selber in fremde Höhlen ziehen zu dürfen, um Wunder zu sehen, Geheimnisse zu ergründen und neue kunstvolle Muster zu lernen. Und der Rat stimmte zu und entsandte Jerune in die Wüste jenseits von Kamir anstelle seines Onkels, denn schon früh hatte Jerune sein Können und seinen Scharfsinn unter Beweis gestellt und sein Ruf war untadelig.

jerune der musterkundige

Weit führte ihn seine Reise. Wie üblich bei den Musterkundigen, beschritt er seinen Weg allein und seine Kenntnisse und Fertigkeiten schützten ihn vor allen Gefahren auf seinem Weg. Er durchquerte Gänge und Kammern, die nur seinem Orden bekannt waren und erreichte schon bald die Runenwüste.

Hier fand er sein Ziel: eine sterbende Sonne, deren Leuchten schon fast vergangen war. Lange Zeit studierte er ihre Geheimnisse und lebte dabei einsam in der Einöde, bis er schließlich alle Fragen zu beantworten wusste, die den Rat beschäftigt hatten. Als aber der Zeitpunkt seines Aufbruches gekommen war, reiste er nicht etwa zurück nach 100 Höhlen, sondern drang entgegen den Weisungen des Rates tiefer in die Runenwüste ein. Denn bei seinen Studien hatte er nicht nur Antworten gefunden. Jerune war auch auf zahlreiche Geheimnisse gestoßen, die er nun in den Tiefen der Wüste zu ergründen suchte. Dass er damit den Befehlen seiner Meister zuwider handelte, kam ihm nicht in den Sinn. Vielmehr erachtete er es als seine Pflicht, den Rat mit allem Wissen zu versorgen, das er auf seiner Reise ergründen könnte. Und dieses war sein Fehler, denn trotz all seines Könnens und Wissens war er naiv wie ein Engel und unterschätzte die Gefahren der Runenwüste und die Boshaftigkeit der Menschen.

Er machte sich auf die Suche nach einer gänzlich verloschenen Sonne, die er untersuchen könnte und traf dabei auf eine Gruppe von Wüstenwanderern. Er fragte die Fremden, ob sie auf ihren Reisen auf eine solche tote Sonne getroffen wären und war hoch erfreut, als sie seine Frage bejahten. Und mehr noch: die Wanderer boten ihm sogar an, ihn für ein Entgeld direkt zu seinem Ziel zu führen. Was er aber nicht ahnte, war, dass er in Wahrheit an eine Bande von Menschenjägern geraten war, die im Namen des Senates von Demos Kratein Sklaven einfingen. Sie führten ihn nicht zu einer toten Sonne, sondern an ein Rücksturzportal, dass ihn in die Sklavenschale werfen sollte, die sich direkt unterhalb der Humanoschale befand. Die Sklavenschale aber wurde mit eiserner Faust beherrscht von den alten Feinden seiner Heimat: dem Senat von Demos Kratein. Als Jerune die List der Menschenjäger durchschaute, richtete er die ganze Macht seiner magischen Muster gegen die Krateiner und vernichtete auf diese Art eine große Zahl von ihnen. Aber nun zeigt sich, dass unter ihnen ein Seelenmagier Namens Lauthur war, der für seine Kampfkunst weithin bekannt war. Lauthur schließlich zwang den jungen Jerune in die Knie. Schnell legten die Sklavenjäger den Musterkundigen in Ketten und brachten ihn durch das Rücksturzportal in die verfluchte 6. Schale, nach Kanduur, die Sklavenschale.

Dort befand sich seit der Erschaffung der Verlieswelt der Kerker Dran Kadaar. Es hieß, er wäre bereits bei der Erschaffung der Verlieswelt durch die kunstfertigen Konstrukteure erbaut worden, um die wertvollsten und gefährlichsten ihrer Sklaven während der langen Bauzeit gefangen zu halten. In den Tagen Jerunes diente nun der Dran Kadaar den Herren von Demos Kratein als Sammelbecken für den ständigen Strom von Sklaven, die von den umher schwärmenden Jägern gefangen wurden. Er galt als das schrecklichste aller Gefängnisse im schrecklichen Gefängnis der Verlieswelt. Dort hinein warfen sie den jungen Musterkundigen.

Die Rassen des archaischen Universums: von den Menschen.

Anmerkung: die spielbaren D&D Rassen sind eine der einfachsten Möglichkeiten, mit denen man eine Kampagne an den eigenen Geschmack anpassen kann. In den diversen D&D Büchern gibt es eine Menge zusätzliche Wesen und Monster, die Spieler mit an den Tisch bringen können. Das System ist an dieser Stelle sehr modular aufgebaut, so dass sich Änderungen nur schwach auf das restliche Regelwerk auswirken. Es existiert hier also jede Menge Platz zum Experimentieren – solange man die Balance der spielbaren Rassen einhält. Und selbst wenn man sich für stärkere Wesen entscheidet (spielbare Trolle?), bietet das D&D System mit der Anpassung der Charakter-Stufe ein flexibles Instrument an, dass sich mit etwas Übung und Vorsicht gut einsetzen lässt. Für die Verlieswelt-Kampagne ging es mir im Wesentlichen darum, die bestehenden D&D 3.5 Rassen  von den starken Tolkien-Einflüssen (Elfen, Zwerge und Halblinge) zu befreien. Um trotzdem die notwendige Varianz bei den spielbaren Rassen zu bieten, habe ich die Menschen etwas weiter aufgefächert.

Die Rolle der ‚Humanos‘ im archaischen Universum

Die Menschen zählen weder zu den edelsten Rassen im schwarzen Äther des Alls, noch zählen sie zu den langlebigsten. Sie werden von den anderen Rassen des Archaischen Universums oft herablassend als ‚Humanos‘ (verkürzt für ‚Humanoide‘) bezeichnet. Die kurze Zeit, die ihnen vom Schicksal zugeteilt wird, verbringen sie zumeist im Dreck. Respekt flössen die Menschen allenfalls durch die rasende Geschwindigkeit ihrer Vermehrung ein. So jedenfalls stellt es sich für die älteren und weisen Wesen wie die Riesen, die Drachen, die Merkhanes, die Yuan-Ti oder die Betrachter dar. Nur wenige von ihnen erkennen, dass das Menschengeschlecht durch seinen Erfindungsreichtum und seine Energie inzwischen einen wichtigen Platz im archaischen Universum einnimmt. Die Menschen stellen zusammen mit den Echsenmenschen und den Dämons den grössten Teil der sogenannten ’niederen Rassen‘ dar.

Dieses Relief aus dem unheiligen Tempel von Ror Katan zeigt Humanos aus dem Volk der Weissen Menschen.

Dieses uralte Relief aus dem unheiligen Tempel von Ror Katan zeigt Humanos aus dem Volk der Weißen Menschen.

 

Bezeichnung: die Humanoiden (Humanos)

Status: niedere Rasse

Gesinnung: nicht festgelegt

Ursprünglich geht man von drei Ursprungsvölkern aus: den Gelben, den Weißen und den Schwarzen Menschen. Auf vielen Welten jedoch haben sie sich inzwischen zu einer einzigen Rasse vereinigt: Menschen mit meist hellbrauner Haut, mit mandelförmigen Augen und oftmals mit dunklem Haar. Der Heimatplanet der Menschen ist seit längster Zeit in Vergessenheit geraten. Obwohl das Menschenvolk dazu neigt, schnell eigene seltsame Sitten und Bräuche zu entwickeln, hat es einige Gemeinsamkeiten bewahrt, die auf fast jeder Welt anzutreffen sind:

  • Menschen sprechen die große Sprache (Universalis, gleich zu setzen mit der D&D Allgemeinsprache), wenn auch oft mit regionalem Akzent.
  • Sie sind neugierig und lernwillig, niemals zufrieden und fast immer bereit, für den kleinsten Grund in den Krieg zu ziehen. Allzu oft sind sie leicht zu betrügen und zu blenden, sei es durch die höheren Rassen oder durch sich selbst.
  • Viele Menschen glauben fest und mit aller Inbrunst ihres heißen Blutes an die Schriften des Canon Universalis, der die Vorherrschaft der göttlichen Rassen vorschreibt. Für viele Götter stellen Menschen deshalb die perfekte Priesterschaft dar.

Spielwerte D&D 3.5

Die Menschen auf der Verlieswelt entsprechen der D&D Basisrasse. Da aber in der Verlieswelt-Kampagne, wie bereits erwähnt, keine nicht-menschlichen Rassen wie Elfen, Zwerge, oder Halblinge vorgesehen sind, besteht die Möglichkeit, Nachkommen der ursprünglichen Gelben, Weißen, oder Schwarzen Menschen zu spielen.

Die Gelben Menschen

Die Nachkommen der gelben Menschen, haben wie der Name schon sagt, einen hellen gelben oder ockerfarbenen Haut-Ton. Die Rasse der gelben Menschen gilt als ältester Stamm des Menschengeschlechtes. Die ersten interplanetaren Königreiche wurden von den Herrschern der gelben Menschen errichtet. Ihr Körperbau ist klein und feingliedrig. Die direkten Nachkommen der Gelben Menschen beiderlei Geschlechtes sind von Geburt an vollkommen unbehaart. Ihre dunklen Augen sind fast immer schmal. Außergewöhnlich ist die Farbe ihres Blutes, das nicht rot ist, sondern einen schwarzen, fast blauen Ton hat.

Außerdem erhalten sie:

  • +2 Intelligenz. Die gelben Menschen sind bekannt für ihren großen Scharfsinn.
  • Sie erhalten wie alle Menschen aus den D&D Basisregeln ein zusätzliches Talent/Feat zum Start, bekommen aber keine zusätzliche Fertigkeitspunkte in der ersten Stufe oder in späteren Stufen.
  • Gelbe Menschen sind der Tradition der Magie eng verbunden. Steigt einer von ihnen als Zauberer oder Musterkundiger auf, erhält er einen zusätzlichen Spruch für sein Zauberbuch (Known Spells). Hexer (Sorcerer) profitieren von diesem Vorteil nicht.
  • Bevorzugte Multiklasse (favored multiclass): Magier oder Musterkundiger.
  • Die Gelben Menschen dürfen nicht wie die Basis D&D Menschen jede Klasse als Multiklasse wählen.

Ansonsten gelten alle Regeln des Dungeons & Dragons 3.5 Player’s Handbook, die Menschen als Rasse betreffen (Größe, Geschwindigkeit etc…).

Die Schwarzen Menschen

Die Erben der Schwarzen Menschen, haben dunkle, oft schwarze Haut und schwarzes, fast blau schimmerndes glattes Haar. Ihre Heimatwelt ist der dunkle Waldplanet Mahinde. Ihr Körperbau ist groß und schlank. Ihre Augen sind silbergrau oder sogar goldfarben. Erstaunlich ist das überdurchschnittliche Gewicht der Schwarzen Menschen. Obwohl sie meist schlanker sind als Mitglieder der jüngeren, vermischten Rassen, wiegen sie bei vergleichbarer Größe oftmals 10-20 Pfund mehr. Viele Heilkundige führen diesen Umstand auf das seltsame harte Skelett der Schwarzen Menschen zurück, das wesentlich widerstandsfähiger ist als die Knochen anderer menschlicher Rassen.

Außerdem erhalten sie:

  • +2 Konstitution: die Schwarzen Menschen sind ausdauernd und zäh.
  • Die Schwarzen Menschen erhalten ein zusätzliches Talent/Feat zum Start, bekommen aber keine zusätzliche Fertigkeitspunkte in der ersten Stufe oder in späteren Stufen.
  • Die schwarzen Menschen haben ein natürliches Talent für den Umgang mit Waffen. Sie erhalten einen zusätzlichen, zweiten Bonus-Feat in der ersten Stufe, der von der Liste der Kämpfer Bonus Feats stammen muss.
  • Bevorzugte Multiklasse (favored multiclass): Kämpfer oder Barbar.
  • Die Schwarzen Menschen dürfen nicht wie die Basis D&D Menschen jede Klasse als Multiklasse wählen.

Ansonsten gelten alle Regeln des Dungeons & Dragons 3.5 Player’s Handbook, die Menschen als Rasse betreffen (Größe, Geschwindigkeit etc…).

Die Weißen Menschen

Die direkten Nachkommen der Weißen Menschen haben Haut so weiß und blass wie frischer Schnee. Ihre welligen, langen Haare sind ebenfalls weiß, blond oder blassrot. Ihre Augenfarben reichen von Grau und stechendem Blau bis hin zu Albinorot. Bemerkenswert sind ihre festen Finger- und Fußnägel, die traditionsgemäß bei Männern und Frauen lang getragen und lackiert werden. Die meisten weissen Menschen findet man heute im Gebiet des Cumulus Clusters.

Außerdem erhalten sie:

  • +2 Charisma: die Weißen Menschen sind selbstsichere und anpassungsfähige Diplomaten.
  • Die Weißen Menschen erhalten wie üblich ein zusätzliches Talent/Feat zum Start, bekommen aber keine zusätzliche Fertigkeitspunkte in der ersten Stufe oder in späteren Stufen.
  • Die Weißen Menschen verstehen sich auf die Nuancen des menschlichen Verhaltens. Sie erhalten einen Bonus von +2 auf Fertigkeitswürfe (Skill Checks) für Diplomatie, Motiv erkennen/Sense Motive, Bluffen, und Einschüchtern/Intimidate.
  • Bevorzugte Multiklasse (favored multiclass): Kleriker oder Paladin.
  • Die Weißen Menschen dürfen nicht wie die Basis D&D Menschen jede Klasse als Multiklasse wählen.

Ansonsten gelten alle Regeln des Dungeons & Dragons 3.5 Player’s Handbook, die Menschen als Rasse betreffen (Größe, Geschwindigkeit etc…).

Über die Göttlichen Rassen

Das Geschlecht der ‚Göttlichen Rassen‘ gilt seit ältesten Zeiten als die Krone der Schöpfung. Selbst der unwürdigste Halbgott ist in der Lage, blühende Landschaften in Wüsten und bunt bevölkerte Städte in graue Aschenhaufen zu verwandeln. Besondere Freude bereiten den Göttern die sinnlosen und verzweifelten Taten der sterblichen Rassen. Selten ist der Gott, der es nicht liebt, sich ein Volk von Anbetern zu halten, die ihm in Demut dienen, um dafür mit regelmäßigen Unwettern und Vulkanausbrüchen belohnt zu werden. Unter den Göttern selber gilt es als hochgradig widerlich eine sterbliche Gestalt anzunehmen, insgeheim jedoch bedienen sich alle Unsterblichen dieses Mittels, um sich den sinnlichen Freuden der niederen Rassen hinzugeben.

Es muss noch erwähnt werden, dass selbst unter den Göttlichen Rassen keine Gleichheit herrscht. Vielmehr teilen sich die Götter selber in eine komplexe Hierarchie ein. Die niedrigsten von ihnen sind die Halbgötter, die in engem Zusammenhang mit den sterblichen Rassen stehen und deren Einfluss und Bekanntheit auf einzelne Völker oder Landstriche begrenzt ist. Über den Halbgöttern stehen die Planetaren Götter. Sie sind souveräne Herrscher über eine ganze Welt, haben aber über ‚ihren‘ Planeten hinaus kaum Einfluss. Es ist durchaus möglich, dass sich mehrere Planetare Götter die Herrschaft über eine einzelne Welt teilen müssen. Auf der nächsten Stufe der Macht stehen die Stellaren Götter. Sie herrschen über mehrere Planeten und sind möglicherweise über eine Vielzahl von Welten hinweg bekannt.  Als Beispiel mag der Pantheon der Wolkengötter dienen: eine Gruppe von fünf Stellaren Göttern, die über das Gebiet des Cumulus Clusters herrschen, einem wichtigen Kreuzungspunkt der universellen Handelsrouten. An der Spitze der Macht finden wir die Universellen Götter: jene formidablen Individuen, die im gesamten Archaischen Universum bekannt sind und die an allen Orten verehrt und gefürchtet werden. Doch selbst in diesem kleinen Kreis existiert noch eine Gruppe, die einen besonderen Status hat: die Präilluminierten Götter: Aion, Urial, Stahl und Daar. Sie sind diejenigen, die für sich in Anspruch nehmen, schon vor dem Anbeginn der Zeit, des Raumes und des Lichtes existiert zu haben. Sie betrachten die Schöpfung des Kosmos als ihr eigenes Werk. Mehr hierzu findet man in der Abhandlung über die grundsätzlichen Religionen des Archaischen Universums.

Die wichtigsten Götter der Verlieswelt-Kampagne

Kommen wir zu einem kurzen Überblick über diejenigen Götter des Archaischen Universums, die für die Geschichte der Verlieswelt von Bedeutung sind. Zusätzlich zu den Hintergrundinformationen gebe ich einige relevante Spieldaten für die D&D 3.5 Regeln mit an (Gesinnung, Domänen, Bevorzugte Waffen der Priesterschaft, Heiliges Symbol).

AION (universell). Der Meister der Zeit. Der Herr des Verfalls.

Domänen: Tod, Wissen, Vorhersage (Divination Prestige Domain aus ‚Defenders of the Faith‘).

Gesinnung: Ordnung
Symbol: Stundenglas
Waffe: Kampfstecken

Aion gilt als einer der Präilluminierten Götter. Sein Herrschaftsgebiet ist der Ablauf der Zeit. Seine friedliche Art und sein Desinteresse an politischem Streben und Handeln haben bisher dafür gesorgt, dass keiner seiner göttlichen Brüder oder Schwestern versuchte, ihn aus den komplexen Büchern der Realität auszuradieren. Er selber behauptet, dass er bereits vor Anbeginn des Universums lebte und maßgeblich an der Konstruktion der Zeit beteiligt war. Eine Großzahl der Weisen bezweifelt dieses Dekret jedoch. Vor allem aufgrund der Tatsache, dass Aions Macht über die Zeit eher einseitig ist: er demonstrierte zu diversen Anlässen die Fähigkeit, den Ablauf der des universellen Flusses tatsächlich zu beschleunigen: Meere trockneten binnen weniger Herzschläge aus, Gebirge zerfielen unter seinen alten, faltigen Händen zu Staub. Indes ist jedoch noch kein Fall bekannt, in dem Herr des Verfalls den Lauf der Zeit umgekehrt hätte. Aions Anbeter finden sich sowohl unter Philosophen als auch unter Totengräbern, Brutmeistern und gewissen, langlebigen Rassen, wie den Yuan-Ti. Er bewohnt einen lichtlosen, kalten Palast auf einer Welt Namens Naurool am äußeren Rande des Universums.

STAHL (universell). Der Herr der Ordnung. Der Richter.

Domänen: Ordnung, Gesetz, Schutz

Gesinnung: Ordnung
Symbol: das Schwertkreuz der Ordnung (Ein Kreuz aus vier Schwertern in einem Kreis. Die Klingen weisen aus dem Kreis heraus.)
Waffe: Langschwert

Chaos und Ordnung sind die fundamentalsten Prinzipien, auf denen das Archaische Universum beruht. Es verwundert nicht, dass sich die göttlichen Rassen das Recht herausnehmen, die Pole dieser Prinzipien mit ihren Vertretern zu besetzen. Der Herr über das Prinzip der Ordnung ist der gnadenlose Gott Stahl. Er ist einer der machtvollen vier Präilluminierten Götter, die bereits vor der Entzündung der solaren Feuer existiert haben sollen. Stahl ist bekannt für seine Unnachgiebigkeit. Im gesamten weiten Spektrum der Ordnung liebt er nichts mehr als die Rechtsprechung und Vollstreckung. In dieser Funktion obliegt Stahl auch die Verwaltung von Donjon, der Verlieswelt, da ihr Erbauer, der Gott Taurus, als tot gilt. Er verlässt sich bei dieser verantwortungsvollen Aufgabe jedoch voll und ganz auf das starrsinnige Volk der Konstrukteure und beschränkt sich selber auf die Errichtung von Verbannungsportalen im Rest des Universums, durch die immer neue Gefangene nach Donjon gebracht werden. Seine Jünger finden sich unter Richtern, Herrschern, den Betrachtern und unter den Spruchmagiern. Zudem ist ihm das Metall Richterstahl geweiht, das geeignet ist, um die Schadensreduzierung von chaotischen Wesen (wie z.B. Dämons) zu durchdringen (In der Verlieswelt-Kampagne entspricht Richterstahl dem  ‚Kaltgeschmiedetes Eisen‘ aus D&D 3.5). Stahls Palast befindet sich auf der Welt Endorpal, die auch als der „Stahlplanet“ bekannt ist. Ganz Endorpal ist mit Metall bedeckt.

URIAL (universell). Die Schöpferin. Die Allmutter.

Domänen: Erde, Heilung, und Schöpfung (Creation Prestige Domain aus ‚Defenders of the Faith‘).

Gesinnung: Neutral
Symbol: eine Frau mit aufgeblähter Gebärmutter, in der eine Vielzahl von Sternen zu erkennen sind.
Waffe: Streitkolben

Urial zählt ebenfalls zu den vier Präilluminierten Göttern. Im Gegensatz zu ihren drei Brüdern, gab sich Urial jedoch nicht mit den Entwürfen, Regeln, Ideen und Plänen ab, sondern übernahm die schwere und schmerzhafte Last der Geburt von Kreation und Materie, von Licht und Leben. Durch die unendlichen Leiden bei der Entbindung des Universums, verstand Urial die Notwendigkeit des Todes als ultimatives Schicksal der nichtgöttlichen Rassen, um Erneuerung und Weiterentwicklung zu ermöglichen. So jedenfalls steht es im Codex geschrieben. Hinter vorgehaltener Hand jedoch wird seit längster Zeit gemunkelt, dass die Schöpferin, geprägt durch den unendlichen Schmerz der universellen Geburtswehen, eine dunkle Faszination an der Vernichtung entwickelt hat, die schließlich in der Geburt ihres Sohnes Scarch gipfelte. Verehrt wird sie von vielen matriarchalischen Gesellschaften, wie den Yuan-Ti, aber auch von zahlreichen Betrachter-Schwärmen, die ihre Kreativität bewundern.

DAAR (universell). Der Chaos-Bringer. Der Erneuerer.

Domänen: Chaos, Zerstörung, Glück.

Gesinnung: Chaos
Symbol: der siebenarmige Tentakelwirbel, oder diverse Variationen davon.
Waffe: Dornenkette (spiked chain), oder Varianten davon wie Geißeln, Peitschen etc.

Daar ist der letzte im Quartett des Präilluminierten Götter. Seine Rolle bei der Geburt des Universums bestand in der Befruchtung von Urial, woraus aber keine eheähnliche Beziehung zwischen den beiden abgeleitet werden sollte. Aufgrund seiner chaotischen Natur ist Daar ein Individualist. Er verweilt selten lange in einer Allianz und die anderen Mitglieder der Göttlichen Rassen stehen ihm wegen seiner Sprunghaftigkeit weitestgehend misstrauisch gegenüber. Da das Prinzip des Chaos aber ein mächtiger metaphysischer Faktor ist, hat er zahlreiche Anhänger in allen sozialen Schichten und allen Bereichen des Kosmos. Seine starke Libido und Fruchtbarkeit hat zu einer Vielzahl von Abkömmlingen geführt. Die zahllosen, mutierten Angehörigen der niederen Rasse des Dämons werden als Sprösslinge des Daar betrachtet. Insbesondere die großen, weit verbreiteten Dämonlinien, wie die Glabrezu, Marilith, Barbazu oder Hamatula führen ihre Abstammung direkt auf den Chaos-Bringer zurück. Die von ihm gezeugten Halbgötter (wie der auf Donjon gefangene Levistus) werden den Dämon-Prinzen zugerechnet.

Der Tentakelstrudel, das Symbol des Gottes Daar

Pures Chaos: das Symbol des Gottes Daar ist der Tentakelstrudel. Es werden natürlich unzählige Varianten dieser Ikone unter Daars Gläubigen verwendet.

TAURUS (stellar). Der Rasende. Der mächtige Brecher.

Domänen: Stärke, Zerstörung.

Gesinnung: Chaos
Symbol: Stierkopf
Waffe: zweihändige Axt oder zweihändiger Kriegshammer

Der Stier-köpfige Gott namens Taurus gehört der Vergangenheit an. Vor langer Zeit verkörperte er das Prinzip der mächtigen, willensstarken Wut. Seine Anbeter fanden sich einst unter Kriegern, unter den einfachen Arbeitern und oft unter den Riesen und Dämons. Sein bevorzugtes Volk waren die Formorianer, auch bekannt als die ‚Hornriesen‚, denen er einst die Herrschaft über die 9. Schale schenkte. Seine Wohnstatt ist nicht mehr bekannt. Taurus Kraft konnte sich sowohl auf die Vernichtung, als auch auf die Schöpfung richten. Wenn dieser  Gott sich einst ein Ziel gesetzt hatte, so konnte ihn nichts und niemand hiervon abbringen. Es muss allerdings erwähnt werden, dass Taurus sich für komplexe und verschachtelte Aufgaben nicht wahrhaftig begeistern konnte. Einen Berg zu verschieben oder einen Planeten in ein schwarzes Loch zu werfen, das waren Aufgaben, an denen sich der Stier-köpfige gerne messen ließ. Doch Bücher, Bauten oder gar die schwere Last der Philosophie interessierten ihn nicht im Geringsten. Indes jedoch ist eine Ausnahme von dieser Regel den Weisen bekannt: eines Tages ließ sich Taurus, der mächtige Brecher auf einen Wettstreit mit einem menschlichen Baumeister ein. Und das – so sagen es die geheimen Schriften jedenfalls – wurde ihm zum Verhängnis, denn seit diesen längst vergangen Tagen hat ihn das Universum nicht mehr gesehen.

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Taurus, der Brecher.

 

ANASPORA (universell). Die wohl Bedachte. Die Mutter der langen Rache.

Domänen: Magie, Wissen.

Gesinnung: Neutralität
Symbol: eine strahlende Aureole über einem Frauenkopf
Waffe: Dolch

Anaspora ist eine mächtige und einflussreiche Göttin. Sie herrscht über viele Aspekte des Lebens und verkörpert vor allem mentale Aspekte wie Magie, Intelligenz und Weisheit. Nebenbei gilt sie als die Mutter der List, der Intrige und der wohl vorbereiteten Rache. Ihr eigenes Verhalten, auch ihren göttlichen Brüdern und Schwestern gegenüber, dient immer wieder als Beispiel für den Nutzen von durchdachten Intrigen, den Erfolg einer perfekt konstruierten Falle und die Notwendigkeit der wohl platzierten Halbwahrheit. Unter anderem sorgte sie für die Verbannung der Halbgöttin Miranja, ins Reich der Alpträume und stachelte Taurus zum Wettstreit mit Lekamon, dem Baumeister an. Besonders Politiker und Zauberer verehren die Mutter der langen Rache. Als universelle Gottheit hat sie zahlreiche Anhänger in den verschiedensten Rassen. Sie gilt als die Schutzherrin der Mercanes. Die Rasse der Yuan-Ti behauptet, dass Anaspora aus dem Geschlecht der Schlangen entsprungen ist, und verehrt sie als die oberste Schöpfergöttin. Anasporas Hass auf den meisterlichen Labyrinthbau und die Musterkunde ist weithin bekannt. Es wird vermutet, dass ihr diese Kunst ein Dorn im göttlichen Auge ist, weil sie im Wettbewerb zur Magie steht, deren oberste Patronin sie selber ist. Es heißt, dass es ihr trotz zahlreicher Versuche niemals gelingen wollte, die Musterkunde in ihren Machtbereich herüber zu ziehen.

VANDUHR (universell). Der Reisende. Der Wanderer.

Domänen: Reise, Bewusstsein und Wahnsinn (Mind und Madness Prestige Domain).

Gesinnung: Neutralität
Symbol: eine kreisrunde Scheibe absoluter Schwärze
Waffe: Kampfstecken

Vanduhr ist ein Gott der Mysterien. Er herrscht über die Lichtlosigkeit des schwarzen Äthers und damit über den grössten Teil des Universums. Leider erstreckt sich seine Herrschaft nur auf den Raum. Planeten, Sonnen, Asteroiden und jegliche Materie entziehen sich seinem dunklen Willen. Nicht einmal die flüchtigen Gaswolken, die einsam zwischen den stellaren Inseln dahin ziehen, gehorchen seiner Macht. Trotz allem ist er insbesondere bei den Sterblichen hoch angesehen, denn Vanduhr enthüllte einst allen Rassen des Universums die Kunst der Reise durch den unendlichen Raum – entgegen eines Dekretes der restlichen Götter. Verehrt wird er vor allem von den Menschen des gelben Volkes, die seine Ruhe, Gelassenheit und sein geheimes Wissen bewundern. Auch unter Zauberern und Mystikern finden sich zahlreiche Anbeter des Wanderers, die sich durch seine Gunst Antworten auf ihre Fragen erhoffen.

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