Abenteuer in der Verlieswelt

Roman & Rollenspielkampagne in einer ungewöhnlichen Fantasywelt

Kapitel II: der Sturm (4)

Saark hatte jahrelang in den schmutzigsten Kriegen des Universums gekämpft.
Er war fest entschlossen, die Chance zur Flucht zu nutzen, während die Kerkerwachen durch den seltsamen Sturm abgelenkt waren. Er wusste zwar nicht, was das blaue Leuchten bedeutete, aber er spürte, dass der Aether wie eine Sturmflut in den Dran Kadaar zurück geflossen war.
Und wenn der Aether erreichbar war, konnte er zaubern.
Die verbliebenen Männer des Trupps versuchten verzweifelt, zum Haupttor zu kriechen. Nur der fette Anführer harrte noch bei den beiden Gefangenen aus. Er klammerte sich panisch am Geländer fest.
Der Mentalmagier intonierte: „Sartum Sar Dekum“.
Obwohl der Sturm so laut tobte, dass die Worte von Saarks Lähmungszauber übertönt wurden, wirkte die Magie sofort: die Augen des Krateiners verdrehten sich und sein Körper wurde schlaff. Das Geländer verhinderte jedoch, dass er vollends vom Wind ergriffen wurde.
„Zu fett zum Sterben,“ fluchte Saark und gab dem gelähmten Krateiner einen Stoß mit dem Fuß. Endlich riss der Sturm den Anführer vom Plankenweg herunter, geradewegs in die Mitte der Halle hinein. Dort schlug er auf der Oberfläche des Eisenwächters auf, wo ihn ein Dutzend blau leuchtender Speere durchbohrte.
Saark aber drückte sich sofort wieder flach auf den Boden, um dem Wind keine Angriffsfläche zu bieten.

Jerune Herz stoppte beinahe vor Aufregung, als er endlich erkannte, was vor sich ging.
Ohne seinen Blick von dem Wunder zu lösen, rief er: „Ein Musterorkan!“
Er war sich nicht sicher, ob Saark ihn verstanden hatte, doch das störte ihn nicht, denn dieses Ereignis war einmalig! Kein lebendiger Gelehrter hatte je die Chance gehabt, einen Musterorkan zu studieren. Der letzte Sturm dieser Art lag 400 Jahre zurück und hatte, wenn die unzuverlässigen Quellen stimmten, irgendwo im tiefen Bukashtuur, dicht am Kern der Verlieswelt statt gefunden.
Plötzlich übertönte ein Schrei das Heulen des Orkans: eine der flüchtenden Wachen hatte einen armlangen Messingspeer im Rücken.
Der Eisenwächter, der wie der Rest der Halle grell leuchtete, schleuderte Speere, Pfeile und Bolzen in die Gruppe hinein.
Irgendjemand hatte in der Kommandokammer des Dran Kadaar die Maschine aktiviert.
Oder war das die Reaktion auf die Überladung mit Aether?
Jerunes Begeisterung für den Sturm verflog schlagartig. Er presste sich voller Panik auf die Planken und warf seine Arme schützend über den Kopf.
Der Orkan heulte, die Gefangenen schrien in ihren Zellen, der Eisenwächter schoss zischend seine Pfeile ab und die Wachen brüllten in Todesangst.
Das Ende von Jerunes Leben war gekommen.
Ihr weisen und sanften Denker, gebt mir Kraft, wenn mein Leid am größten ist. Bewahrt mich vor der Gewalt der Gesetzlosen.
Noch während er betete, schwächte sich der Sturm ab, doch der Eisenwächter schleuderte weiter seine Pfeile in das Chaos. Jerune und Saark blieben flach auf den Planken liegen, und das war das Vernünftigste was man tun konnte. Die flüchtenden Wachen wurden jedoch von ihrer eigenen Kriegsmaschine niedergemetzelt.
„Wir müssen zum Portal,“ schrie Saark.
„Du bist wahnsinnig!“ antwortete Jerune, „Wir können nicht gegen eine ganze Armee kämpfen. Und gegen die Todeskugel schon gar nicht.“
„Die Sklavenjäger müssen das Ding ausschalten, wenn sie neue Leute rein schicken. Das wird unsere Chance.“
„Dann laufen wir den Krateinern direkt vor die Waffen!“ antworte Jerune mit bebender Stimme.
„Das ist besser als die Seelendestille, glaub mir!“ Saark blickte an der gewölbten Außenwand der Halle hoch. „Außerdem müssen wir nicht alleine am Portal stehen, wenn es sich öffnet. Wir machen ein paar Zellen auf und holen Verstärkung.“
Bevor Jerune antworten konnte, dröhnte es erneut durch die Kugelhalle.
Diesmal war es nicht der Sturm, sondern der Eisenwächter: die Metallkugel erzitterte und sämtliche Waffen erstarrten.
„Ich wusste es. Sie haben ihn ausgeschaltet. Jetzt oder nie!“ Saark packte seinen Gefährten bei den Schultern und half ihm auf die Beine. Dann begann er die toten Wachen zu durchwühlen. „Wir brauchen einen Schlüssel für die Zellen. Schnell, hilf suchen!“
Jerune stützte sich zitternd gegen die Wand und schüttelte den Kopf.
Nun wo die direkte Gefahr zumindest für einen Augenblick vorbei war, kehrte sein Verstand zurück. Er blickte sich um: der Eisenwächter hing starr in der Mitte der Halle.


Was war hier eben geschehen?
Hatte ihm tatsächlich ein zufälliges, höchst seltenes Muster-Phänomen das Leben gerettet?
Zufall war eine Erklärung, die Jerune nur schlecht akzeptieren konnte. Er ignorierte Saark und wandte er sich dem Muster auf der Wand der Kugelhalle zu, obwohl er am ganzen Leib zitterte.
Dort auf den Mauern war, was er erwartet hatte: ein extrem komplexes, fast unsichtbares Gespinst aus Vonurum-Linien, das die gesamte Innenwand der titanischen Halle bedeckte. Mit Hilfe genau dieser Technik wurde der Aether abgefangen, kanalisiert und zum Eisenwächter geleitet. Das Vonurum-Muster war der zentrale Bestandteil der Halle. Auch das Leuchten der Linien hatte stark nachgelassen. Der Musterorkan wollte offensichtlich genauso schnell verschwinden, wie er auch gekommen war.
Aber kein Hinweis auf die Herkunft des Phänomens.
Frustriert vergrub er sein verschwitztes Gesicht in seinen Händen. Selbst wenn er heraus bekommen könnte, was den Orkan stimuliert hatte, würde sein Wissen hier im Dran Kadaar mit ihm sterben. Ihre Zeit lief ab.
Saarks hektische Suche nach einem Schlüssel war Zeitverschwendung. Wenn jemand einen Schlüssel gehabt hatte, dann war es der Anführer gewesen. Und der hing tot auf den Lanzen des Eisenwächters.
Wenn man die Türen öffnen wollte, musste man denken wie die Konstrukteure des Dran Kadaar…
Langsam nahm Jerune die Hände von den Augen und blickte noch einmal auf die haarfeinen Linien auf der Hallenwand. Auf der Hallenwand und auf den Türen.
Hinter ihm rief Saark: „Alleine schaffen wir es nie nach draußen! Steh nicht rum, such nach dem Schlüssel!“
Der Musterkundige blickte an der Wand der Kugelhalle hoch. Stockwerk über Stockwerk, Zelle neben Zelle. Der Wind mochte nachgelassen haben, das Geschrei in den Zellen jedoch war lauter geworden.
„Wir brauchen keinen Schlüssel,“ sagte Jerune leise.
Die Türen gehörten zu den Räumen, die Räume gehörten zum Dran Kadaar und der Dran Kadaar gehörte zum großen Muster der Verlieswelt.
Und das Muster war manipulierbar, solange der Aether frei fließen konnte.
Und der Aether floss noch. Jedenfalls so lange, bis sich der Überfluss innerhalb des Vonurum-Gespinstes wieder abgebaut hatte.
Das könnte bald sein. Also los.
Er berührte vorsichtig zwei winzige, schimmernde Kupplungs-Kreuzungen mit den Spitzen seiner beiden Mittelfinger. Dann schloss er die Augen und visualisierte ein einfaches Herem Lardaal – ein Muster zur Umleitung von schwachen Aetherströmen.
Mit einem Lächeln registrierte er, wie der Aether durch seine Fingerspitzen in seinen Körper hinein floss, wo er durch das Herem Lardaal modifiziert wurde.
Ein sanfter Ruck lief durch die Musterlinien der Kugelhalle und sämtliche Schließbolzen in sämtlichen Schlössern glitten gleichzeitig zur Seite.
Jerune öffnete die Augen und nutzte die restliche Energie seines Zaubers, um den Zellentüren einen Stoß zu geben, so dass sie sich allesamt öffneten.
Einen Herzschlag lang herrschte absolute Stille im Dran Kadaar. Der Sturm hatte sich zu einem sanften Windhauch abgeschwächt.
Saark hatte aufgehört zu wühlen und starrte den Musterkundigen an.
Dann brach das Chaos los.
Gefangene jeder Art, Rasse und Gestalt stürmten schreiend aus ihren Zellen.
Die Kugelhalle dröhnte wie eine Glocke, die zum Krieg rief.
Alles strömte auf das Hauptportal zu und Jerune und Saark wurden mitgerissen.

Kapitel II: der Sturm (3)

Raue Befehle drangen durch das große Haupttor der Kugelhöhle zu den Insassen. Irgendwo wurden Kisten hin und her geschoben.
Jerune erwachte durch die Geräusche aus einem dämmrigen Schlaf. Von draußen nährten sich Schritte auf dem Planken. Saark war bereits wach und spähte durch die Tür.
„Verdammte Dämonenbrut,“ zischte er, „die wollen uns abholen.“
Jerune wurde schlagartig übel. Trotzdem gelang es ihm auf die wackligen Beine zu kommen. Sein Zellengenosse machte einen Schritt nach hinten. Dann flog auch schon die rostige Zellentür auf. Auf dem Gang sah Jerune einen ganzes Dutzend bewaffneter Wachen.
Ihre Galgenfrist war abgelaufen.

Mitten in der Halle hing der kolossale Eisenwächter. Als Jerune auf den Gang gestoßen wurde, bemerkte er, wie sich mehrere Speere auf der Oberfläche der Metallkugel in seine Richtung drehten.
„Vorwärts,“ knurrte der massige Krateiner, der das Kommando über den Trupp hatte. Mit kalter Genugtuung fügte er hinzu: “Ihr habt Pech, Jungs. Keine Absicherung für euch. Keine Sklavenmärkte, kein gemütlicher Dienst für die feinen Pinkel in Kardaraal.“
Ein anderer Wachmann fiel dem Anführer ins Wort: „Lass sie doch in Ruhe, Enarus. Du machst sie nur kirre. Die müssen doch gar nicht wissen, was passiert.“
„Du hältst deine Schnauze. Sorg’ dafür, dass die Herren Zauberer Knebel in die Fresse kriegen!“ fauchte der Anführer zurück. „Ich hab lange genug in diesem Dreckloch rum gesessen und zugeschaut, wie der Laden vor die Hunde geht. Die Beiden kommen in die Schmerzdestille, dann geht’s endlich wieder vorwärts!“
Endlich begriff Jerune, dass um sein nacktes Leben ging.
Während Saark wütend schnaufte und sich gegen die Griffe der Krateiner stemmte, war Jerune wie gelähmt. Der Große schrie seine Männer an: „Was steht ihr hier rum? Knebeln und Fesseln!“
Alle Beteiligten außer Jerune wussten, dass dieses der letzte kritische Augenblick war. Wenn die Magier sich nicht mehr bewegen und reden konnten, waren sie wehrlos – egal ob sie den Aether erreichen konnten oder nicht.
Die Wachen zwangen die beiden todgeweihten Häftlinge auf die Planken.
Jerune blickte zu Saark hinüber und sah, wie dieser noch einmal versuchte, sich mit einer flinken Drehung zu befreien. Doch die Krateiner hatten jahrelange Erfahrung im Umgang mit ihren Insassen. Ein gezielter Tritt in den Rücken beendete Saarks Fluchtversuch genauso schnell, wie er begonnen hatte.


Jerune war nicht in der Lage, etwas ähnliches zu versuchen.
Die Angst vor der Absicherung hatte wie dunkler Höhlennebel über seiner Seele gehangen, aber nun kam alles noch schlimmer: Auslöschung. Tod.
Sterben musste jeder irgendwann, das war Jerune bewusst, seit er als Zehnjähriger Abschied von seinen Eltern in der Halle der Ahnen nehmen musste.
Doch nun wurde ihm klar, dass sein Schicksal grausamer werden würde, als ein schneller Unfalltod.
Auch wenn er kein Experte auf dem Gebiet der entropischen Destillation war, so wusste er doch, dass dieser Vorgang nur funktionierte, wenn man einen Überfluss an Emotionen in der Seele des Opfers erzeugte. Und das funktionierte am schnellsten durch Folter.
Verzweifelt presste er seine Lippen zusammen, während die Wachen fluchend versuchten, ihn zu knebeln. Aber was würde das nützen?
Wozu das unvermeidbare Schicksal heraus zögern?
Auf dem schmutzigen Metallboden des Plankenganges, direkt vor seinen Augen war das Muster.
Gerade Stalas-Linien und komplexe Janoch-Pfade, die den Aether zum Eisenwächter leiteten. Klare Linien, berechenbar und zuverlässig.
Das Muster war nach dem Tod seiner Eltern zur sicheren Konstante in seinem Leben geworden. Lernen bedeutete Anerkennung in den Kreisen seiner Lehrer. Und schon bald hatte Jerune verstanden, dass die Beherrschung des Musters nicht nur Anerkennung sondern vor allem Wachstum bedeutete. Persönliches Wachstum und das Wachstum der Gemeinschaft. Aber nun war es so unerreichbar wie das äußere Universum.
Noch einmal das Muster berühren. Noch einmal den Geist in die Linien herabsinken lassen und über die filigranen Pfade aus chaotischer Ordnung und aus geordnetem Chaos wandern. Als die Wachen schließlich seine Kiefern auseinander zwängten, sog er die Luft kraftvoll ein und schrie ein letztes Mal den alten Namen heraus, mit dem sein Orden die Gänze des Musters von Donjon bezeichnete: „Quart Lardaal!“.
Natürlich rechnete Jerune in diesem letzten Augenblick nicht mit einer Reaktion.
Erstens war er wie alle Musterkundigen agnostisch erzogen worden, so dass ihm das Konzept eines erhörten Gebetes vollkommen fremd war.
Zweitens war durch die Konstruktion des Dran Kadaar absolut ausgeschlossen, dass er das Muster manipulieren konnte.
Und drittens reagierte der Ätherstrom nicht auf tumbes Gebrüll.
Trotzdem begann das Muster auf den Planken zu leuchten.
Die Linien auf dem Boden strahlten in blauem Licht und ein seltsames, fast unmerkliches Kribbeln lief über seine Haut.
Die Krateiner erstarrten und blickten sich staunend um…
Die gesamte Kugelhalle mitsamt des Eisenwächters in ihrer Mitte leuchtete in hellem Blau.
Und Jerune spürte das Muster.
Er spürte die feinen Linien auf dem Boden und auf den Wänden. Er spürte die Anordnung der Gänge, Räume und Wege um ihn herum.
Er spürte die Kugelkammer und den Eisenwächter als Mittelpunkt.
Die panische Stimme des dicken Anführers drang wie aus weiter Entfernung an sein Ohr: „Bei den göttlichen Rassen, das ist nicht möglich! Hier drin geht kein Zauber.“
Und natürlich hatte der Krateiner recht. Aber genau genommen war das, was um sie herum passierte, auch kein Zauber, sondern eine unkontrollierte Überlastung des Musters mit Aether.
Es war, als ob ein ganzer Ozean wahrend eines einzigen Herzschlags durch einen einzigen Strohhalm gepumpt werden sollte.
Jerune drehte sich rüber zu Saark. Auch der Aussenweltler hatte die plötzliche Aetherwelle gespürt. Als sich ihre Blicke trafen nickte er unmerklich zu Jerune herüber. Bevor jedoch einer der beiden etwas unternehmen konnte, schrie einer der Wachen: „Es ist der Linienkratzer!“ und riss Jerunes Kopf an den Haaren noch hinten.
„Stopf’ ihm endlich den Knebel rein!“ erwiderte der Anführer und blickte sich ängstlich um.
Doch die Wachen kamen nicht mehr dazu, den Befehl auszuführen.
Ein tiefes Grollen hallte durch die riesige Kugelkammer und der gesamte Dran Kadaar erbebte.
Die Wachen ruderten mit den Armen, um Halt zu finden.
Und dann fegte ein Windstoss, der direkt aus dem Muster zu kommen schien, durch die Halle.
Jerune und Saark, die beide am Boden lagen, blieben von der Gewalt des Windes verschont. Die Wachen aber wurden wie Staub herum gewirbelt.
Die Hälfte des Trupps wurde mit dem ersten Stoss über das Geländer geweht und stürzte schreiend in die Tiefe der Halle. Der Rest klammerte sich panisch fest, wo man gerade Halt fand.
Die Kugelhalle verwandelte sich von einem Augenblick auf den anderen in eine heulendes Inferno.
Der Sturm tobte wie ein wütender Daemon, die Wachen schrien vor Angst und aus den umliegenden Zellen drang wütendes Geschrei.
Saark drehte sich auf die Seite, um die verbliebenen Wachen ins Blickfeld zu bekommen.
Jerune aber konnte sich unmöglich von dem Schauspiel lösen, dass im Muster direkt vor seinen Augen ablief. Denn noch immer leuchteten und pulsierten die Linien auf allen Wänden, Böden und Türen.
Seine Angst war vergessen. Ungläubig strich er mit seinen Fingern über die hellen Ornamente, während um ihn herum das Chaos tobte. Er entdeckte einige winzige Quodus Musterform, die dazu diente, von außen kommenden Aetherströme in das Muster hinein zu ziehen. Nichts beonderes eigentlich. In der Kugelhalle gab es davon eine Menge… Aber das Quodus-Segment glühte wesentlich heller als der Rest.
Irgend etwas oder irgend jemand war dabei, dass Muster des Dran Kadaar mit aetherischer Energie aufzuladen.
Falsch.
Es war keine Aufladung, sondern eine Überladung.

Kapitel II: der Sturm (2)

Dremail, der Reptiloid, Hauptmann der Wache, brachte die gefesselte Frau vor den Thron des Kerkermeisters. Horas nickte seinem Offizier zu und schickte ihn dann aus der Kontrollkammer. Alle anderen Wachen und Lakaien hatten den Raum bereits verlassen. Bei seinem Bericht an den Magistrat duldete Horas keine Zuhörer.
Die junge Frau stand mit glasigen Augen inmitten der uralten metallenen Kontrollpulte. Ein goldener Reif, beschrieben mit arkanen Symbolen, saß auf ihre Stirn. Ihr langes dunkles Lockenhaar hatte man abrasiert, damit der Stirnreif möglichst engen Kontakt zu ihrem Schädel bekam. Risiken mussten bei dem Ritual unbedingt vermieden werden, denn der Aufbau einer mentalen Verbindung zwischen zwei weit voneinander entfernten Seelen war keine Kleinigkeit. Hinzu kam, dass zwischen Horas und dem Magistrat nicht nur hundert Meilen Gestein lagen, sondern dass sich der Dran Kadaar in der sechsten Schale der Verlieswelt befand. Der Sitz des Magistrates aber war in Kardaraal in der siebten Schale.
Allein die mächtigen aureolischen Steinreifen, geschaffen von den größten krateinischen Arkanisten waren in der Lage, Hindernisse und Distanzen dieser Art zu überbrücken.
Der Blick des Kerkermeisters blieb noch einmal an ihrem rasierten Schädel hängen. Schade um ihr schönes Haar. Horas erinnerte sich an ein paar wunderbare Stunden, die er mit dieser abgesicherten Sklavin in seinen Gemächern verbracht hatte. Der weibliche Duft, der von ihren dichten Locken ausgegangen war, hatte sich mit der Wirkung des Traumlikörs vermischt und ihn zu unglaublicher Ekstase geführt. Einer der wenigen Lichtblicke in seinem Dienst in der Sklavenschale.

Der Körper der Frau versteifte sich von einem Augenblick auf den anderen. Sie riss ihr glasigen Augen weit auf und starrte angestrengt ins Leere. Dann begann sie zu sprechen:

„Ich rufe Horas, Sohn des Kromantes, Kerkermeister des Dran Kadaar, Günstling des Magistrates.”
Der kratzige Klang der Worte hatte nichts mehr mit der ursprünglichen, weichen Stimme der Sklavin gemeinsam. Ihr Körper war nun nichts weiter als ein Sprachrohr, dessen Hall bis nach Kardaraal reichte. Ihre Augen waren starr, denn die Übertragung ihres Blickes war durch die Stirnreifen nicht möglich. Lediglich die Geräusche, die an ihre Ohren drangen, wurden nach Kardaraal gesendet, wo ebenfalls ein Sklave mit einem Stirnreif als Empfänger genutzt wurde.
Entschlossen trat Horas neben die Frau und sprach in ihr Ohr: „Hier redet Horas, Kerkermeister des Dran Kadaar. Welches Mitglied des weisen Magistrates erweist mir die Ehre, meine Worte in Empfang zu nehmen?“
Es dauerte einen Augenblick bis die gesprochenen Sätze bis in die krateinische Hauptstadt übertragen wurden. Was für ein Sklave war als Mund für Horas Worte ausgewählt worden? Würde er in Kardaraal mit den Lippen eines Mannes oder einer Frau sprechen?
Seine Handflächen wurden feucht.


Die Antwort des Magistrates ließ auf sich warten. Der aureolische Stirnreif?
Hastig begann der Kerkermeister an der Stirn der jungen Frau herum zu hantieren. Doch gerade in dem Moment, als er seine Augen dicht an den goldenen Reif heranführte, um den Kontakt zwischen Metall und Haut zu überprüfen, bellte ihm die Sklavin mit verzerrter Stimme ins Gesicht, so dass er erschrocken zusammen fuhr.
„Kein Mitglied des Magistrates redet, Kerkermeister. Ich bin Heresial und ich verlangte Auskunft über einen Gefangenen, der in den Dran Kadaar gebracht wurde.“
Für einen Herzschlag lang versagt Horas Stimme und nichts weiter als ein erstauntes Hauchen drang aus seinem  Mund.
Heresial, der unerbittliche Handlanger von Thark, dem Unermesslich Reichen.
Heresial, der Engel.
Horas starrte wie blöde in das unbewegliche Gesicht der Sklavin und war zu keiner Antwort fähig. Das war auch gar nicht nötig, denn schon formten sich erneut raue und unnatürliche Worte auf den Lippen der Sklavin: “Es geht um einen Knaben, den die Sklavenjäger vor einem halben Jahr in euer Verließ gebracht haben. Ich habe erfahren, dass er bei seiner Gefangennahme fünf erfahrene Jäger getötet haben soll. Ich wünsche zu wissen, wie es um diesen Knaben steht!“
Horas legte seine zittrigen Finger an seinen Schläfen, um seine Gedanken zu beruhigen, die wie Tunnelhornissen durch seinen Schädel fegten. Warum interessierte sich Heresial für diesen Jungen?
Dass der Engel von dem unrühmlichen Zwischenfall erfahren hatte, überraschte Horas nicht besonders. Heresial war nicht nur die rechte Hand des mächtigsten Merkanes von Demos Karteien, sondern auch der offizielle Regent und Verwalter der Sklavenschale Kanduur. Und zu Kanduur gehörte auch der Dran Kadaar. Heresials erste Pflicht gegenüber Thark, seinem Meister, war es, den stetigen Strom der Sklaven aus der sechsten in die siebte Schale aufrecht zu erhalten. Dass er dabei die meiste Zeit im fernen und bequemen Kardaraal an der Seite seines Meisters zubrachte, spielte keine Rolle. Natürlich verfügte er über ein Netz von Spionen, die ihn stets mit Neuigkeiten aus der Sklavenschale versorgten.
Horas schickte ein Stoßgebet zu Anaspora, der göttlichen Herrin über Zauberkunst und Intrigen und dankte ihr dafür, dass der unerbittliche Heresial den Dran Kadaar nicht persönlich aufgesucht hatte. Wieder drang die unwirkliche Stimme aus dem Mund der Sklavin: „Was ist Kerkermeister? Hat euch meine Frage die Sprache verschlagen?“ Die Ungeduld war selbst durch die kratzige Verzerrung hindurch deutlich zu spüren.
Horas riss sich zusammen und antwortete mit trockenem Mund: „Der Knabe ist meines Wissens nach wohl verwahrt in seiner Zelle, hoher und angelischer Heresial. Wie sollen wir mit ihm verfahren, Hoheit?“ Horas senkte unwillkürlich den Kopf, während er auf die Antwort wartete.
„Wurde der Knabe abgesichert?“
Der Schreck fuhr Horas wie Aethernadeln durch den Leib. Das war die Frage, die er jetzt am wenigsten gebrauchen konnte.
„Unsere Vorräte an Entropie sind leider sehr begrenzt, eure Hoheit. Der Junge ist mit seiner Absicherung noch nicht an der Reihe. Doch wenn ihr es wünscht, kann ich seine Behandlung natürlich beschleunigen.“ Wieder verstrich eine kleine Ewigkeit.
„Ich will, dass der Knabe noch heute abgesichert wird und morgen mit einer 25 Mann-Karawane zum 6. Portal geschickt wird. Ich erwarte seine Ankunft in Kardaraal in spätestens zwei Monaten.“
Horas schlug voller Wut gegen eine uralte, bronzene Kontrolltafel und verletzte sich prompt an seiner dünnen weißen Faust. Er konnte unmöglich zugeben, dass sämtliche Entropie aufgebraucht war, ohne dass in den letzten Wochen ein einziger Sklave abgesichert worden war. Mit beiden Händen packte er den Schädel der starren Sklavin und keuchte in ihr Ohr: “Wir hatten einen Unfall. Eine arkane Explosion. Unsere Entropievorräte sind so gut wie aufgebraucht, eure Hoheit. Aber gebt mir eine Woche Zeit und ich schicke den abgesicherten Knaben auf die Reise. Wenn sich die Karawane beeilt, ist er in neun Wochen in Kardaraal.“
Horas starrte der Sklavin auf den bewegungslosen Mund. Dann kam die Antwort, kalt und emotionslos:
„Wenn der Knabe in acht Wochen nicht hier ist, werdet ihr abgelöst und beendet eure Karriere in der Seelendestille eures eigenen Kerkers. Ich bezweifeln allerdings, dass sich aus eurem schwachen Leib genug Entropie gewinnen lässt, um die Vorräte des Dran Kadaar merklich zu füllen. Ich werde euren Vater von euch grüßen. Euer Bericht ist hiermit beendet.“
Horas wartete verzweifelt darauf, dass noch ein letztes Wort der Gnade zu ihm gesandt wurde – ein kleiner Aufschub, nur ein paar Tage Zeit, um die Entropie zu besorgen.
Doch Heresial schwieg und so schwieg auch die Sklavin.
Der Kerkermeister setzte sich zitternd auf seinen Thron inmitten der alten Schalttafeln. Er schloss die Augen und versuchte sich auf die Lehren von Anaspora, der Mutter der langen Rache, zu konzentrieren.
Um einen mächtigen Feind zum Freund zu machen, ist es manchmal nützlich, ein wertvolles Opfer zu bringen. Auch wenn es dem eigenen Stolz nicht behagt.
So steht es im Canon der Intrigen und so werde ich es richten, dachte Horas und sein Herz beruhigte sich etwas. Ich werde meine wertvollsten Gefangenen in die Seelendestille schicken. Begabte, mächtige Zauberer. Ein paar saßen schon seit geraumer Zeit in ihren Zellen und warteten auf ihre Absicherung. Verflucht sei das Gold, das er für ihren Verkauf erzielt hätte – sein Leben ging vor. Zwei Insassen sollten ausreichen, um genug Entropie für die Absicherung des Knaben zu destillieren.
Entschlossen sprang Horas auf und eilte auf den Ausgang zu. Er hatte bereits zwei Gefangene ausgewählt, die er opfern wollte. Nun keine Zeit mehr verlieren. Vielleicht sollte man ja sogar noch ein paar zusätzliche Arkanisten oder Dämonen in die Destille stecken. Entropie konnte Horas immer gebrauchen.
Gerade als er die schwere Eisentür erreichte, drang ein schmerzvolles Stöhnen an sein Ohr. Horas blickte über seine Schulter und sah, wie die Sklavin aus der magischen Starre erwachte und erschöpft zusammenbrach. Der goldene Stirnreif löste sich von ihrem Kopf und offenbarte eine hässliche Brandwunde, die durch die arkane Energie verursacht worden war. Sie zuckte kurz mit den schlanken Beinen – dann lag sie für immer still.
Besser so, als wenn sie überlebt hätte. So blieb es Horas erspart, die Sklavin eigenhändig zu töten, wie es das Protokoll des Magistrates vorschrieb.
Die Geheimnisse der Herren von Demos Kratein dürften auf keinen Fall in die falschen Hände geraten.

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