Kapitel II: der Sturm (4)

Saark hatte jahrelang in den schmutzigsten Kriegen des Universums gekämpft.
Er war fest entschlossen, die Chance zur Flucht zu nutzen, während die Kerkerwachen durch den seltsamen Sturm abgelenkt waren. Er wusste zwar nicht, was das blaue Leuchten bedeutete, aber er spürte, dass der Aether wie eine Sturmflut in den Dran Kadaar zurück geflossen war.
Und wenn der Aether erreichbar war, konnte er zaubern.
Die verbliebenen Männer des Trupps versuchten verzweifelt, zum Haupttor zu kriechen. Nur der fette Anführer harrte noch bei den beiden Gefangenen aus. Er klammerte sich panisch am Geländer fest.
Der Mentalmagier intonierte: „Sartum Sar Dekum“.
Obwohl der Sturm so laut tobte, dass die Worte von Saarks Lähmungszauber übertönt wurden, wirkte die Magie sofort: die Augen des Krateiners verdrehten sich und sein Körper wurde schlaff. Das Geländer verhinderte jedoch, dass er vollends vom Wind ergriffen wurde.
„Zu fett zum Sterben,“ fluchte Saark und gab dem gelähmten Krateiner einen Stoß mit dem Fuß. Endlich riss der Sturm den Anführer vom Plankenweg herunter, geradewegs in die Mitte der Halle hinein. Dort schlug er auf der Oberfläche des Eisenwächters auf, wo ihn ein Dutzend blau leuchtender Speere durchbohrte.
Saark aber drückte sich sofort wieder flach auf den Boden, um dem Wind keine Angriffsfläche zu bieten.

Jerune Herz stoppte beinahe vor Aufregung, als er endlich erkannte, was vor sich ging.
Ohne seinen Blick von dem Wunder zu lösen, rief er: „Ein Musterorkan!“
Er war sich nicht sicher, ob Saark ihn verstanden hatte, doch das störte ihn nicht, denn dieses Ereignis war einmalig! Kein lebendiger Gelehrter hatte je die Chance gehabt, einen Musterorkan zu studieren. Der letzte Sturm dieser Art lag 400 Jahre zurück und hatte, wenn die unzuverlässigen Quellen stimmten, irgendwo im tiefen Bukashtuur, dicht am Kern der Verlieswelt statt gefunden.
Plötzlich übertönte ein Schrei das Heulen des Orkans: eine der flüchtenden Wachen hatte einen armlangen Messingspeer im Rücken.
Der Eisenwächter, der wie der Rest der Halle grell leuchtete, schleuderte Speere, Pfeile und Bolzen in die Gruppe hinein.
Irgendjemand hatte in der Kommandokammer des Dran Kadaar die Maschine aktiviert.
Oder war das die Reaktion auf die Überladung mit Aether?
Jerunes Begeisterung für den Sturm verflog schlagartig. Er presste sich voller Panik auf die Planken und warf seine Arme schützend über den Kopf.
Der Orkan heulte, die Gefangenen schrien in ihren Zellen, der Eisenwächter schoss zischend seine Pfeile ab und die Wachen brüllten in Todesangst.
Das Ende von Jerunes Leben war gekommen.
Ihr weisen und sanften Denker, gebt mir Kraft, wenn mein Leid am größten ist. Bewahrt mich vor der Gewalt der Gesetzlosen.
Noch während er betete, schwächte sich der Sturm ab, doch der Eisenwächter schleuderte weiter seine Pfeile in das Chaos. Jerune und Saark blieben flach auf den Planken liegen, und das war das Vernünftigste was man tun konnte. Die flüchtenden Wachen wurden jedoch von ihrer eigenen Kriegsmaschine niedergemetzelt.
„Wir müssen zum Portal,“ schrie Saark.
„Du bist wahnsinnig!“ antwortete Jerune, „Wir können nicht gegen eine ganze Armee kämpfen. Und gegen die Todeskugel schon gar nicht.“
„Die Sklavenjäger müssen das Ding ausschalten, wenn sie neue Leute rein schicken. Das wird unsere Chance.“
„Dann laufen wir den Krateinern direkt vor die Waffen!“ antworte Jerune mit bebender Stimme.
„Das ist besser als die Seelendestille, glaub mir!“ Saark blickte an der gewölbten Außenwand der Halle hoch. „Außerdem müssen wir nicht alleine am Portal stehen, wenn es sich öffnet. Wir machen ein paar Zellen auf und holen Verstärkung.“
Bevor Jerune antworten konnte, dröhnte es erneut durch die Kugelhalle.
Diesmal war es nicht der Sturm, sondern der Eisenwächter: die Metallkugel erzitterte und sämtliche Waffen erstarrten.
„Ich wusste es. Sie haben ihn ausgeschaltet. Jetzt oder nie!“ Saark packte seinen Gefährten bei den Schultern und half ihm auf die Beine. Dann begann er die toten Wachen zu durchwühlen. „Wir brauchen einen Schlüssel für die Zellen. Schnell, hilf suchen!“
Jerune stützte sich zitternd gegen die Wand und schüttelte den Kopf.
Nun wo die direkte Gefahr zumindest für einen Augenblick vorbei war, kehrte sein Verstand zurück. Er blickte sich um: der Eisenwächter hing starr in der Mitte der Halle.


Was war hier eben geschehen?
Hatte ihm tatsächlich ein zufälliges, höchst seltenes Muster-Phänomen das Leben gerettet?
Zufall war eine Erklärung, die Jerune nur schlecht akzeptieren konnte. Er ignorierte Saark und wandte er sich dem Muster auf der Wand der Kugelhalle zu, obwohl er am ganzen Leib zitterte.
Dort auf den Mauern war, was er erwartet hatte: ein extrem komplexes, fast unsichtbares Gespinst aus Vonurum-Linien, das die gesamte Innenwand der titanischen Halle bedeckte. Mit Hilfe genau dieser Technik wurde der Aether abgefangen, kanalisiert und zum Eisenwächter geleitet. Das Vonurum-Muster war der zentrale Bestandteil der Halle. Auch das Leuchten der Linien hatte stark nachgelassen. Der Musterorkan wollte offensichtlich genauso schnell verschwinden, wie er auch gekommen war.
Aber kein Hinweis auf die Herkunft des Phänomens.
Frustriert vergrub er sein verschwitztes Gesicht in seinen Händen. Selbst wenn er heraus bekommen könnte, was den Orkan stimuliert hatte, würde sein Wissen hier im Dran Kadaar mit ihm sterben. Ihre Zeit lief ab.
Saarks hektische Suche nach einem Schlüssel war Zeitverschwendung. Wenn jemand einen Schlüssel gehabt hatte, dann war es der Anführer gewesen. Und der hing tot auf den Lanzen des Eisenwächters.
Wenn man die Türen öffnen wollte, musste man denken wie die Konstrukteure des Dran Kadaar…
Langsam nahm Jerune die Hände von den Augen und blickte noch einmal auf die haarfeinen Linien auf der Hallenwand. Auf der Hallenwand und auf den Türen.
Hinter ihm rief Saark: „Alleine schaffen wir es nie nach draußen! Steh nicht rum, such nach dem Schlüssel!“
Der Musterkundige blickte an der Wand der Kugelhalle hoch. Stockwerk über Stockwerk, Zelle neben Zelle. Der Wind mochte nachgelassen haben, das Geschrei in den Zellen jedoch war lauter geworden.
„Wir brauchen keinen Schlüssel,“ sagte Jerune leise.
Die Türen gehörten zu den Räumen, die Räume gehörten zum Dran Kadaar und der Dran Kadaar gehörte zum großen Muster der Verlieswelt.
Und das Muster war manipulierbar, solange der Aether frei fließen konnte.
Und der Aether floss noch. Jedenfalls so lange, bis sich der Überfluss innerhalb des Vonurum-Gespinstes wieder abgebaut hatte.
Das könnte bald sein. Also los.
Er berührte vorsichtig zwei winzige, schimmernde Kupplungs-Kreuzungen mit den Spitzen seiner beiden Mittelfinger. Dann schloss er die Augen und visualisierte ein einfaches Herem Lardaal – ein Muster zur Umleitung von schwachen Aetherströmen.
Mit einem Lächeln registrierte er, wie der Aether durch seine Fingerspitzen in seinen Körper hinein floss, wo er durch das Herem Lardaal modifiziert wurde.
Ein sanfter Ruck lief durch die Musterlinien der Kugelhalle und sämtliche Schließbolzen in sämtlichen Schlössern glitten gleichzeitig zur Seite.
Jerune öffnete die Augen und nutzte die restliche Energie seines Zaubers, um den Zellentüren einen Stoß zu geben, so dass sie sich allesamt öffneten.
Einen Herzschlag lang herrschte absolute Stille im Dran Kadaar. Der Sturm hatte sich zu einem sanften Windhauch abgeschwächt.
Saark hatte aufgehört zu wühlen und starrte den Musterkundigen an.
Dann brach das Chaos los.
Gefangene jeder Art, Rasse und Gestalt stürmten schreiend aus ihren Zellen.
Die Kugelhalle dröhnte wie eine Glocke, die zum Krieg rief.
Alles strömte auf das Hauptportal zu und Jerune und Saark wurden mitgerissen.



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