Kapitel I (1)
Je talentierter und intelligenter ein Sklave war, desto wichtiger war es, dass sein Wille gründlich gebrochen wurde, bevor ihn die Karawanen auf die blühenden Märkte von Demos Kratein brachten. Durch das Ritual der Absicherung wurde der Drang zu Freiheit und Unabhängigkeit zertrümmert, ohne aber die Erinnerungen und Fähigkeiten des Opfers zu beschädigen. Die Absicherung war eine schmerzhafte und langwierige Tortur, bei der Zauber um Zauber in die Seele des Gefangenen geschossen wurde, bis auch der letzte Funke des eigenen Willens verloschen war. Erst dann war der Sklave reif für die Märkte von Demos Kratein.
Jerunes Behandlung ließ auf sich warten. Warum, das wusste er nicht. Er brütete Tag um Tag in seiner schmutzigen Zelle und verfluchte seinen Leichtsinn, der ihn hierher gebracht hatte. Jederzeit rechnete er damit, abgeführt zu werden, um durch die unmenschlichen Maschinen der Krateiner in einen willenlosen Sklaven verwandelt zu werden.
An Flucht war nicht zu denken, denn obwohl Jerune als Student der Musterkunde Macht über die Gänge, Räume und Türen der Verlieswelt hatte, war der Dran Kadaar selbst für hoch spezialisierte Zauberer wie ihn, nicht zu überwinden. Die Konstrukteure, die den Kerker vor Äonen ersonnen hatten, waren Meister in allen arkanen Künsten gewesen. Natürlich hatten sie die Fähigkeiten von Labyrinthmeistern und Musterkundigen beim Bau mit berücksichtigt. Die Haupthalle des Kerkers war eine perfekt kugelförmige Höhle in deren Mitte ein schimmernder Globus aus Messing und Stahl schwebte. Diese riesige Kugel war auf den ersten Blick über und über mit Spitzen und Stacheln übersäht. Wenn man aber genauer hinsah, konnte man erkennen, das diese Stacheln Waffen waren: Speere, Armbrüste, Sensen, Schwerter und Morgensterne, die so dicht beieinander standen, wie das Gras auf den Hügeln von 100 Höhlen. Gerichtet waren diese Waffen auf die Wände der Halle. Auf die Treppen, die sich an den gewölbten Wänden entlang zogen. Auf die Zellentüren, die sich in den Wänden befanden und auf die Menschen, die hinter diesen Türen gefangen waren. Die Kugel war das Herzstück des Gefängnisses.
Aber der Metallglobus war nicht nur eine Kriegsmaschine. Durch die Art, auf die die Kugelhalle konstruiert und angeordnet war und durch das magische Muster, das alle Wände des Kerkers wie ein Spinnenweben bedeckte, wurde der allumfliessende Aether, wie durch einen unsichtbaren Mahlstrom ins Zentrum der Halle gelenkt. Dort diente er als arkane Energiequelle für den Kugelwächter. Die Insassen der Zellen aber hatten dadurch keine Möglichkeit, auf den Aether zuzugreifen und ihn zu nutzen. Und da der allumfliessende Aether die Grundlage sämtlicher magischer Effekte war, hatten die Konstrukteure sicher gestellt, das kein einziger Insasse sich der Zauberkunst bedienen konnte, um dem Dran Kadaar zu entkommen. So sehr Jerune den Kerker auch verfluchte, kam er doch nicht umhin, die Kunstfertigkeit zu bewundern, mit der dieses Gefängnis erschaffen worden war,
Also verbrachte der Musterkundige seine zäh verrinnenden Tage mit dem Studium des magischen Musters, das sich auf den Wänden seiner Zellen befand und schärfte so seine Zauberkunst selbst in der lähmenden Gefangenschaft. Nur durch diese Übungen konnte er die Angst und die Ungewissheit ertragen, die ständig an ihm nagten. Er verfolgte die Linien und Kreuzungen, sann über Parallelen und konzentrische Kreise nach und grübelte über den Sinn der winzigsten Details. Jeder Teil des Musters seiner Zelle war ihm schließlich vertraut wie ein Freund oder ein Familienmitglied. War es nicht so, dass auch oft das menschliche Leben als eine Linie beschrieben wurde, die ihren Weg suchte durch das Labyrinth von Zeit und Schicksal, während sie ständig die Linien der anderen Lebewesen kreuzte und berührte? So kam er zu der traurigen Erkenntnis, dass seine eigene Lebenslinie nur noch einsam, linear und vorbestimmt verlaufen würde. Und obwohl seine Kenntnisse in der Musterkunde ihres Gleichen suchten, war Jerune doch ein lausiger Prophet. Denn kurze Zeit später kreuzte die Lebenslinie von Saark, dem Mentalmagier, sein Schicksal und brachte nicht nur das Lebensmuster von Jerune, sondern dass von ganz Donjon in größte Unordnung.
Am Äquator der riesigen Höhle öffnete sich das großes Haupttor mit schmerzhaftem Kreischen. Ein hünenhafter Reptiloiden-Krieger stemmte das Portal auf. Nach ihm schleifte ein Trupp Humanos einen Bewusstlosen in die unwirkliche Kugelhalle. Der Musterkundige, der neugierig durch den schmalen Schlitz seiner Tür spähte, hielt den Atem an. Die kleine Prozession, angeführt von dem Echsenmenschen, schleppte den Körper eine steile Stahltreppe herauf, genau in Richtung von Jerunes Zelle. Schließlich waren sie so nahe, dass er trotz ihrer hallenden Schritte ihre Stimmen verstehen konnte.
Der muskulöse Reptiloide sagte mit der kalten Stimme seiner Rasse: „Die Zelle dort vorn ist fast leer. Nur ein dürrer Linienkratzer, der auf seine Absicherung wartet. Bringt ihn dort rein!“
Mühsam trugen die restlichen Wachen den schwer verletzten Neuankömmling die letzten Treppenstufen hoch. Der vorderste der Humanos, die den Fremden schleppten, war mit einer immensen Leibesfülle gesegnet. Er schwitzte und fluchte vor sich hin. Kurz bevor sie bei Jerune angekommen waren, erwiderte er: „Bekommt der Kerl keine Einzelzelle? Als mächtiger Arkanist sollte er doch eine Sonderbehandlung bekommen, oder?“
Der Reptiloid, der offenbar ein Hauptmann war, antwortete: „Nein. Die anderen Zellen auf diesem Gang haben kein Wasser mehr.“
Die Zellentür knirschte und öffnete sich. Jerune drückte sich an die gegenüberliegende Wand.
„Bleib wo du bist!“ wies ihn der Echsenmensch an.
Der fette Humano fügte widerlich grinsend hinzu: „Besuch für dich. Frisch eingetroffen. Ein Aussenweltler. Seid nett zueinander, aber treibt es nicht zu wild.“
Dann klatschte der Körper des Bewusstlosen auf den Steinboden. Die Zellentür knallte ins Schloss, die Schritte und das raue Gelächter der Wachen verhalten und Jerune war nicht mehr allein.

