Shackled City, die Helden: Tumarang ‚Weichherz‘

Tumarang, Schurke [HG 5]

Weiblicher Halbork Schurke 5
CG mittelgroßer Humanoide (Halbork)


tp 28 (5 TW)
Init +7; Sinne Lauschen +7, Entdecken +7
Sprachen Gemeinsprache, Orkisch, Untersprache (Undercommon)

RK 15, Berührung 13, Falscher Fuss 12; [Reflexbewegung]

Zäh +2, Ref +7, Will +2; [Fallengespür +1 auf RW gegen Fallen], [Entrinnen], [+2 RW gegen Gilt, Immun gegen Netze und ähnliche Zauber durch Archachno-Umhang]
Tempo 9 Meter (6 Felder), Klettern 6 Meter (4 Felder) [Archachno-Umhang]

Nahkampf Meisterarbeit-Rapier +5 (1W6+1/18-20) oder Kurzschwert +4 (1W6+19-20) oder Dolch +4 (1W4+1/19-20) oder kleiner Meisterarbeit Dolch mit Giftreservoir +5 1W3+1 plus Gift (RW Zäh SG14 1W4/1W4 ST)
Fernkampf Kurzbogen +6 (1W6/20[x3]) oder Dolch +6 (1W4+1/19-20)
GAB +3; Ringen +4
Angriffsoptionen Kernschuss (Point Blank Shot), hinterhältiger Angriff +3W6, Entrinnen (Evasion), Reflexbewegung  (Uncanny Dodge)

Kampfausrüstung Meisterarbeit-Rapier, kleiner Meisterarbeit Dolch mit Giftreservoir (RW Zäh SG14 1W4/1W4 ST), Kurzschwert, Dolch, Kurzbogen, Pfeile (40), Lederrüstung, Dolch, Tränke (3) Mittlere Wunden heilen 2W8+5, Archachno-Umhang (Cloak of Arachnida) 

Dunkelsicht 30 Meter

Fallen finden Als Schurke ist Tumarang auch in der Lage magische Fallen zu finden.

Fallensinn +1 auf RW Ref gegen Fallen und +1 auf RK gegen Fallen

Attribute ST 12, GE 16, KO 12, IN 12, WE 12, CH 6

Talente  Verbesserte Initiative, Kernschuss (Point Blank Shot)

Fertigkeiten Balancieren +7, Entdecken +7, Fingerfertigkeit (sleight of hand) +11, Klettern +5, Lauschen +7, Leise bewegen +11, Mechanismus ausschalten (disable device) +9, Schlösser öffnen +11, Springen+4, Suchen +8,  Verstecken+11, Wissen (lokales, Gassenwissen)

Restliche Ausrüstung Bettrolle, Blendlaterne, Brecheisen, Diebeswerkzeug, kleiner Hammer, Lampenöl (2), Seidenseil (15 Meter), Sonnenstäbe (3), Steigeisen (2), Wurfanker, Zunderweige (2), Zunderbüchse
5SM, 37 GM, 69 PM

Tumarang wirkt auf den ersten Blick wie ein typischer Halsabschneider-Halbork aus den Gossen von Sasserine: sie ist groß, reichlich hässlich und hat immer eine Hand auf dem Rapiergriff. Erst wenn man sie etwas länger kennt, stellt man fest, dass unter ihrer schwarzen genieteten Lederrüstung ein großes und gutes Herz schlägt. Sie wurde bereits als Säugling von ihrer Mutter auf der Strasse ausgesetzt und wuchs als Teil einer Kinderbande von Taschendieben und Einbrechern auf, wo sie ihr katzenhaftes Geschick entwickelte und auch den Umgang mit Waffen erlernte. Je älter die junge Halbork-Lady wurde, je mehr widerte sie das verbrecherische und brutale Straßenleben an. Sie geriet immer öfter mit den Bandenführern in Konflikt, weil sie sich Befehlen und Aufträgen offen widersetzte. Aus dieser Zeit stammt auch der (sehr inoffizielle) Beiname ‚Weichherz‘, den ihr ihre Spießgesellen gaben. Mit ungefähr sechzehn Jahren lernte sie Ollowain den Halbelfen kennen und war sofort von seiner charismatischen Ausstrahlung und seinen großen Plänen fasziniert. Die Beiden bildeten bald den Kern einer eigenen kleinen Bande im Shadowshore-Distrikt von Sasserin und spezialisierten sich auf nächtliche Diebestouren auf Schiffe, die im Hafen vor Anker lagen. Nachdem Ollowain genug Gold zusammen gerafft hatte, kaufte er sich einen Studienplatz in der Hexwächter Magie-Gilde (Witchwardens), um sein magisches Talent zu schulen. Ohne die Führungsfähigkeiten des jungen Zauberers fiel die Bande schnell wieder auseinander und Tumarang blieb nichts weiter über, als wieder in ihr altes Einbrecher-Geschäft einzusteigen. Doch diesmal meinte es das Schicksal gut mit ihr: schon bald wurde Ollowain wegen verbotener nekromantischer Studien aus dem Hexwächter Turm vertrieben und landete wieder auf der Strasse. Gemeinsam fassten sie den Entschluss, der verhassten Hafenstadt den Rücken zu kehren, um als Schatzsucher und Söldner durch die Amedio-Dschungel zu streifen.

Taktik

Im Kampf verlässt sich Tumarang gerne auf íhren Archachno-Umhang (Cloak of Arachnida), den sie in einer vergessenen Stadt unterhalb von Cauldron gefunden hat (Shackled City, Teil 2, Flood Season). Sie nutzt den Mantel dazu, sich in einer dunklen Ecke unter der Decke zu verstecken, um sich überraschend auf Gegner herunter fallen zu lassen. Sollte die Distanz höher als 3 Meter (10 Fuss) sein, kann sie die Fallhöhe um 3 Meter reduzieren, indem Sie einen Springen-Check SG 15 schafft.

Einsatz als NPC

In einer Shackled City Kampagne kann man die Halbork-Lady als Kontakt zur Unterwelt einsetzen. Sie könnte ein Mitglied der Last Laugh Diebesgilde (Cauldron) sein. Möglicherweise wird sie als Assassine auf eine Spieler-Gruppe angesetzt. Hierbei besteht die hohe Wahrscheinlichkeit, dass ihr gutes Gewissen die Oberhand bekommt, sobald sie das Gefühl hat, dass die Spieler (weitestgehend) unschuldig sind… und dass sie die Gruppe deshalb verschont. Natürlich könnte sie sich einer Abenteurergruppe auch als Mietling anschließen, um Fallen zu entschärfen. In einer Savage Tide Kampagne findet man sie als Mitglied der Jade Drachen Gilde (Jade Dragons), in der sie die Führerschaft von Rowyn Kellani ständig in Frage stellt. Falls eine Spielergruppe während des ersten Abenteuers dieser Kampagne (There Is No Honor) Schwierigkeiten haben sollte mit dem Kampf gegen die Jade Drachen, schlägt sich Tumarang auf die Seite der jungen Helden und übernimmt im Anschluss die Reste der Gilde.

„Gewalt erzeugt Gegengewalt. Hat euch das noch niemand erklärt? Wieso nehmen wir nicht einfach das Gold und verschwinden?“

 

 

Shackled City, die Helden: Tanto, der schwarze Jäger

Tanforinto (‚Tanto‘), Waldläufer [HG 2]

Männlicher Menschen Waldläufer 2
CG mittelgroßer Humanoide (Mensch)

tp 14 (2 TW)
Init +2; Sinne Lauschen +8, Entdecken +8 [+2 Bonus gegen Tiere (bevorzugter Feind, favored enemy)]
Sprachen Gemeinsprache

RK 15, Berührung 12, Falscher Fuss 13

Zäh +3, Ref +5, Will +2;
Tempo 9 Meter (6 Felder)

Nahkampf Langschwert +4 (1W8+2/19-20)
Fernkampf Kompositlangbogen +5 (1W8/20[x3])
GAB +2; Ringen +4
Angriffsoptionen zweihändiger Angriff: Langschwert +2 (1W8+2/19-20) und Kurzschwert +2 (1W6+2/19-20), +2 Schaden gegen Tiere (bevorzugter Feind, favored enemy)

Kampfausrüstung Langschwert, Kurzschwert, Kompositlangbogen, beschlagene Lederrüstung, Dolch


Attribute ST 14, GE 14, KO 11, IN 8, WE 14, CH 12

Talente  Spuren finden (Track, Waldläufer), Wachsamkeit, Waffenfokus: Kompositlangbogen, Zweihandkampf (Waldläufer Pfad)

Fertigkeiten Entdecken +8, Klettern +5, Lauschen +8, Mit Tieren umgehen +5, Naturkunde +1, Reiten +4, Schleichen +6, Überleben +6, Verstecken+4, [+2 Bonus auf Fertigkeitswürfe gegen Tiere (bevorzugter Feind, favored enemy)]

Restliche Ausrüstung Bettrolle, Angelhaken, Kreide, Zunderbüchse, Wurfanker, Seidenseil (15 Meter), Blendlaterne, Lampenöl (2), 15 Goldmünzen, 30 Silbermünzen

Tanforinto – oder für seine Freunde Tanto – ist groß, breit und immer ordentlich bewaffnet. Seine nachtschwarze Haut ist ein Erbe seiner südländischen Mutter, die als Sklavin in einem kleinen Piratennest an der Küste der Amedio-Dschungeln lebte. Mit zwölf Jahren flüchtete der junge Tanto aus der Sklaverei in den Dschungel. Er schaffte es, sich zu einer Holzfäller-Kolonne durchzuschlagen, die für die große Donnerfluss Sägemühle (Thunder River Lumber) exotische Hölzer erntete und auf dem Fluss Richtung Sasserine brachte. In den kommenden Jahren stählte die harte Arbeit seinen Körper und die ständigen, gefährlichen Wanderungen durch den Dschungel schärften seine Sinne. Schon bald stieg er zum besten Jäger der Kolonne auf und versorgte die hungrigen Holzfäller praktisch im Alleingang mit Nahrung. Lange Zeit mied er die Zivilisation,  da er befürchtete, dass er aufgrund seiner Sklaven-Tätowierung (im Gesicht) wieder in Gefangenschaft geraten würde. Doch eines Tages traf Tanto auf seinen Streifzügen einen wandernden Magier, der ihm mit Hilfe eines Austilgen-Zaubers (Erase Spell) seine Tätowierung entfernte. Tanto lauschte neugierig den Geschichten des Zauberers, der weit in den südlichen Reichen herum gekommen war. Schließlich beschloss er, dass seine  Zeit im Dschungel nun vorbei sein sollte. Der junge Jäger schlug sich ins Landesinnere durch, bis er schließlich im Lucky Monkey landete. Dort traf er auf Ollowain, Zimble, Tumarang und Gorn, die ihn zu einer gemeinsamen Reise nach Cauldron überredeten…

Taktik

Tanto geht im Kampf recht direkt und logisch vor. Er wird immer versuchen, so lange wie möglich seinen Bogen einzusetzen. Erst wenn seine Gegner so dicht an ihm dran sind, dass ein Nahkampf unvermeidlich ist, setzt er seine beiden Schwerter ein. Sollte er mehrmals sein Zeil verfehlen, geht er zum einhändigen Kampf mit dem Langschwert über.

Einsatz als NPC

In einer Shackled City Kampagne kann man Tanto mit hoher Wahrscheinlichkeit auf einer Reise durch den Dschungel treffen. Möglicherweise sitzt er als Gast im Lucky Monkey, während eine Heldengruppe dort einkehrt. Außerdem kann der Spielleiter ihn als zufälligen Retter in der Not einsetzen, wenn die Spieler bei einer Wildnis-Begegnung in ernsthafte Bedrängnis geraten. In einer Savage Tide Kampagne könnte er als Mietling eine Spielerguppe verstärken, die zu wenig Erfahrung und Fertigkeiten für die zahlreichen Wildnis-Abenteuer dieses Adventure Path haben. Allerdings ist Tanto überaus unabhängig und wird sich von niemanden sinnlos herum kommandieren lassen. Sollte er auf Sklavenhalter oder -jäger treffen, wird er seine gesamte Vorsicht vergessen und nicht eher ruhen, bis er alle Menschenschinder getötet hat.

„Wenn ich euch zu den Ruinen bringen soll, müssen wir zuerst zwei Dinge klären: wie hoch ist die Bezahlung und warum trägt dein Freund eine Peitsche am Gürtel?“

 

Shackled City, die Helden: Ollowain, der Unvorsichtige

Ollowain, Hexer [HG 3]

Männlicher Halbelf Hexer 3
CN mittelgroßer Humanoide (Halbelf)

tp 14 (3 TW)
Init +1; Sinne Dämmersicht 20 Meter; Lauschen +0, Entdecken +0
Sprachen Gemeinsprache, Elfisch

RK 12, Berührung 12, Falscher Fuss 10

Zäh +2, Ref +4, Will +2; [+2 auf RW gegen Bezauberung, Immun gegen Schlafzauber]
Tempo 9 Meter (6 Felder)

Nahkampf Schwerer Streitkolben +0 (1W8-1/20) oder zweihändiger Speer +0 (1W8-1/20[x3]) oder Berührungsangriff (Zauber) +2
Fernkampf Leichte Armbrust +2 (1W6/19-20) oder Distanz-Berührungsangriff (Zauber) +2
GAB +1; Ringen -1
Angriffsoptionen Zaubersprüche

Kampfausrüstung Schwerer Streitkolben, zweihändiger Speer, Leichte Armbrust, (20 Bolzen), 2 Tränke mittlere Wunden heilen des St. Cuthbert Tempels (2W8+5), 1 Donnerstein


Zaubersprüche, Hexer

Grad 0 (6/Tag) – Magie entdecken, Magie lesen, Untote schwächen, Magierhand, Kältestrahl 

Grad 1 (5/Tag) – Schild, Erschrecken/Cause Fear (SG 16), Kalte Hand/Chill Touch (SG 16)

Attribute ST 8, GE 12, KO 12, IN 8, WE 9, CH 18

Talente Zauberfokus (Nekromantie), Blitzschnelle Reflexe, Waffenfinesse (Berührungsangriff). [Anmerkung: Ollowain verfügt über ein Talent mehr, als es seine Charakterstufe erlauben würde, da er sich dazu entschlossen hat, keinen Vertrauten/Familiar mit auf seine Reisen zu nehmen. Das ist eine Hausregel, die von vielen D&D Spielern genutzt wird, die keine Lust haben, im Kampf auf ein Haustier aufzupassen. Weitere interessante Alternativen zum Vertauten für Zauberer und Hexer findet man auch im Player’s Handbook II oder im Complete Mage: A Player’s Guide to All Things Arcane.]

Fertigkeiten Bluffen +4,  Diplomatie +6, Einschüchtern +4, Informationen sammeln +6,Konzentration +4, Suchen +0, Zauberkunde +1

Ollowain ist für einen Halbelfen recht hoch gewachsen. Zusammen mit seiner hageren Statur, seinem blassen Haar und seinen stechenden Augen führt das natürlich zu einer nicht gerade angenehmen, ja sogar unheimlichen Erscheinung. Schon während seiner Kindheit auf den Strassen von Sasserine lernte der junge Halbelf, seine dominante Wirkung auf Andere zu seinem Vorteil auszunutzen. Und auch heute noch gilt: wenn Ollowain redet, hören seine Begleiter zu. Vielleicht ist diese große Selbstsicherheit auch der Grund für seinen fast tollkühn zu nennenden Mut. Denn trotz seiner geringen Körperkraft findet sich der Halbelf bei Schlägereien und Kämpfen immer wieder in der vordersten Front wieder. Seine große Selbstsicherheit und sein arkanes Talent führten ihn schließlich bis in die Zauberschule der Hauptstadt, wo er sein starkes Interesse an der Nekromantie entdeckte. Die unermüdlichen, loyalen Diener aus dem Grab erschienen ihm wesentlich interessanter als unzuverlässige lebendige Begleiter. Leider ignorierte er bei seinen Studien mehrfach die engen Regeln, die jungen Adepten bei der Ausübung dieser gefährlichen Kunst gesteckt sind – und musste die Schule deshalb schon bald wieder verlassen. Eine Rückkehr zu den Straßenbanden von Sasserine lockte ihn danach kaum noch. Das Leben des reisenden Abenteurers hingegen versprach Reichtum und Macht. Für Ollowain, den Unvorsichtigen, war das Motivation genug…

 

Sieben Tipps für eine gelungene PnP One-Shot Session.

Wow, gestern habe ich meine (fast traditionelle) Ende-des-Jahres Pen and Paper Runde geleitet. Geplant war eine echte One-Shot-Session, die man an einem Abend durchspielen kann. Wenn man der Kritik meiner Spieler glauben darf, war die Runde durchaus ein Erfolg. Vielleicht etwas lang, aber auf jeden Fall lustig und skurril. Gespielt haben wir das D&D 3.5 Abenteuer ‚Home Under The Range‘ aus dem Dungeon Magazine #134 von Michael Kortes. Ich hatte das Szenario bewusst heraus gesucht, um einen schnellen Spielablauf zu garantieren. Anhand meiner gestrigen Erfahrung (und bisheriger Pleiten!) hier schnell ein paar Tipps für einen gelungenen D&D One-Shot-Abend:

 


 

  1. Vermeiden Sie Spieler-Diskussionen durch unklare Situation. Mit anderen Worten: das Szenario ist am besten zu 100% linear aufgebaut. Viele Spieler hören das vielleicht nicht gern, aber lange strategische Diskussionen sind der Todfeind schneller Rollenspiel-Runden. In groß angelegten Kampagnen gehört sowas natürlich dazu. In einer schnellen Runde zwischendurch (mit begrenztem Zeitbudget!) verzögert Gerede, Diskussion und Streiterei unnötig den Spielablauf. Setzen Sie lieber auf schnelle Dramatik und zeitlich dicht abfolgende Begegnungen. Das gilt übrigens auch für Situationen,  in denen detektivische Ermittlungsarbeit gefragt ist. Jeder erfahrene Spielleiter weiß: das kann sich ganz schön in die Länge ziehen. Finger weg von Sherlock Holmes in der One-Shot-Session!
  2. Vermeiden Sie zu viele Kämpfe. Situationen, die keine Gefechte enthalten, spielen sich meistens wesentlich schneller als Gefechte. Deshalb sollten Sie auf jeden Fall ein paar Encounter einplanen, bei denen z.B. verhandelt wird, bei denen bestimmte Bewegungs-Fertigkeiten (Balancieren?) im Mittelpunkt stehen, oder bei denen einfach nur (mal wieder) eine Falle entschärft werden muss. Das hört sich vielleicht wie ein Widerspruch zu Punkt 1 an, ist aber keiner! Wichtig ist dabei, dass die Aufgabe klar gestellt ist (… wir müssen auf die andere Seite der Schlucht und es gibt nur diese eine Hängebrücke…), damit keine Diskussionen entstehen.
  3. Berechnen Sie die Spieldauer anhand der Begegnungen, die das Szenario enthält und prüfen Sie ob ihre geplante Spielzeit ausreicht. Bei einem D&D 3.5 Abenteuer sollte man großzügig eine Stunde pro Kampf einplanen. Das gilt natürlich nur, wenn die Anzahl der Gegner, der Spieler (siehe unten) und die Stufe der Charaktere (siehe ebenfalls unten) nicht zu hoch ist.  Für Home Under The Range sollte man übrigens eine Spielzeit von 5-6 Stunden ansetzen. Für eine Nachmittags-Runde ist das gut geeignet. Wenn man das Szenario aber auf einem Con spielen möchte, sollte man kürzer planen und z.B. eine der Kampf-Begegnungen aus der Mitte des Szenarios weg lassen (z.B. Nummer 4: Worm Tunnel Of The Throttler).
  4. Machen Sie was abgefahrenes! Wenn man eine One-Shot-Session plant, die den Spielern im Gedächtnis bleiben soll, sollte man IMHO auf eine generische Elfen vs. Orks-Geschichte verzichten und lieber zu schrillem Stoff greifen. In Home Under The Range geht es um einen Viehtrieb, bei dem eine Herde von fetten, dummen Leuchtkäfern durch das Underdark getrieben werden muss. Eine Horde von irren Tieflingen und ein intelligentes magisches Item (ein Seil!) sind die Gegner, die den Spielern die Western-Romantik versalzen. Schräger geht es kaum noch. Wir hatten jedenfalls unseren Spaß.
  5. Spielen Sie in den niedrigen Stufen. Hochstufige Charaktere sind komplizierte Charaktere. Das gilt nicht nur für D&D, sondern für so ziemlich alle Rollenspielsysteme. Bei den meisten On-Shot-Szenarien spielt man (z.B. auf Cons) mit Spielern, die keinen eigenen Charakter haben – und die eventuell noch nicht mal das Spielsystem kennen. Insbesondere bei D&D 3.5 sind Charakter oberhalb der 6. Stufe deshalb einfach zu schwierig, um sie Neulingen ans Herz zu legen. Da man die Charaktere natürlich bereits im Vorfeld des Spielabends ausgearbeitet hat, um keine Spielzeit mit Charakter-Erstellung zu verschwenden, bedeutet das auch weniger Aufwand für den Spielleiter. Zudem laufen Kämpfe auf niedrigen Stufen meistens schneller ab.
  6. Was man speziell bei D&D ebenfalls vermeiden sollte, sind Stufe 1 Charaktere. Die Sterblichkeit dieser Frischlinge ist zu hoch und die Möglichkeiten für den Spieler sind zu eingeschränkt.
  7. Laden Sie nicht zu viele Spieler ein.Viele Spieler bedeutet:  viele Meinungen am Spieltisch und damit viele Diskussionen. Und die kosten Zeit, die Sie nicht haben 😉 Bei D&D ist die Obergrenze für One-Shot-Sessions meiner Meinung nach bei 5 Spielern. Da das 3.5 Regelsystem ohnehin auf vier-Spieler-Gruppen zugeschnitten ist, sind 6+ Runden einfach nicht sinnvoll.

 

RPG_Holzauge_sei_wachsam

Das sollten Sie bei einem One-Shot-Rollenspiel im Auge behalten: Länge des Szenarios, lineare Struktur, Stufe & Anzahl der Spieler.

Shackled City Chronik: das Treffen im Lucky Monkey

Die Aventüre, von der ich berichten möchte, nahm ihren Anfang in den letzten Tages des Sommers, im großen Gastraum der berühmten Herberge ‚Lucky Monkey‘. Jeder, der die heißen und stickigen Dschungel zwischen Cauldron und Sassarine schon mal bereist hat, weiß, dass es in diesen Tagen dort ziemlich ungemütlich werden kann. Die herbstliche Regenzeit kündigt sich mit kurzen, aber heftigen Wolkenbrüchen an, die Luft ist trotz allem noch heißer als eine Zwergenschmiede. Und als wenn das nicht reichen würde, muss man ständig vor den streunenden Raptoren-Rudeln auf der Hut sein, die während dieser Zeit Fleisch für ihre frisch geschlüpften Jungen suchen.


Ich war in diesen Tagen als wandernder Barde unterwegs und hatte den Plan gehabt, dem Lucky Monkey einen längeren Besuch abzustatten, um dort meine Kunst (Trommel und Gesang!) zum Besten zu geben. Und natürlich um ein paar rechtschaffene Silberstücke dafür einzustreichen. Dazu kam es aber erst mal nicht, denn gleich am ersten Abend traf ich in der Schenke (wo sonst?) des Gasthauses auf vier ziemlich interessante Burschen. Abenteurer? Nein, dieser Begriff wäre zu diesem Zeitpunkt übertrieben gewesen. Eher Herumtreiber, Ausreißer, Halbstarke. Aber doch trugen sie diesen gewissen Funken, ich meine: den Wagemut, die Tollkühnheit und natürlich die Geldgier, die dieser Beruf voraussetzt, bereits in sich. Das erkannten meine geschulten Augen sofort. Ich witterte sozusagen schon damals eine große Geschichte. Und beschloss, mich folglich an ihre Fersen zu heften. Aber wer waren diese vier, die meine Neugier im verqualmten, nächtlichen Schankraum so unvermittelt geweckt hatten? Gebt mir einen Augenblick Zeit, um meine neuen Bekanntschaften, die schon alsbald zu meinen besten Kameraden werden sollten, zu beschreiben…

Eine Karte des Lucky Monkey. Das gesamte Gebäude ist mit alten, prächtigen Schnitzereien verziert, die Affen in allerlei gefährlichen und haarsträubenden Situationen zeigen.

Eine Karte des Lucky Monkey. Das gesamte Gebäude ist mit alten, prächtigen Schnitzereien verziert, die Affen in allerlei gefährlichen und haarsträubenden Situationen zeigen.

 

Als erstes muss man Ollowain, den Unvorsichtigen, nennen. Übrigens nicht nur unvorsichtig, sondern auch unglücklich. Nicht unglücklich mit gebrochenem Herzen, sondern unglücklich im Sinne eines Mangels an Fortün. Weswegen er auch im baldigen Verlauf zum ersten Opfer unserer gefährlichen Reise werden sollte. Aber ich greife schon wieder vor. Merkt euch nur: hängt euer Herz nicht an Ollowain, den Halbelfen, denn er wird schon bald ins Totenbuch eingetragen werden. Zum damaligen Zeitpunkt war er aber noch putzmunter, allerdings auch schon etwas blässlich anzuschauen mit seinen dürren sechs Fuß Größe und seinem hellen Blondhaar. (Jeder Gnom weiss ja, dass man wahre Größe nicht in Fuß und Zoll misst. Ollowain war wieder einmal ein Beweis dafür). Im Prinzip also eine verdächtige Gestalt – und schon allein deshalb interessant für mich. So richtig viel war allerdings nicht aus ihm heraus zu bekommen. Weder woher er kam, noch warum es ihn gerade nach Cauldron zog. Später erfuhr ich, dass er als Straßenkind in Sasserine aufgewachsen war, aber aufgrund seines ausgeprägten magischen Talentes einen Platz im dortigen arkanen Kollegium ergattern konnte. Zu dumm, dass sich sein Interesse dort vor allem auf die Reanimation von Leichen und Skeletten gerichtet hatte. Das führte nämlich dazu, dass er ebenso schnell wie er ins Kollegium aufgenommen worden war, auch wieder heraus flog. Was ihn dann wohl dazu veranlasst hatte, sich mit Tumarang, einer alten Bekannten aus seiner Zeit in den Gassen, zusammen zu tun, um sich nach neuen ‚Jagdgründen‘ umzusehen. Und genau diese Idee hatte ihn schließlich auf die große Südstraße Richtung Cauldron gebracht. Bis an die Theke des Lucky Monkey.

Tumarang habe ich praktisch ja schon vorgestellt. Hier also noch ein paar nützliche Details, die man über sie wissen sollte. Auf den ersten Blick wirkte (mit ‚i‘ nicht mit ‚ü‘) sie wie ein typischer Halsabschneider-Halbork aus der Gosse: ziemlich groß, ziemlich hässlich und Reflexe wie eine Smaragd-Cobra. Erst wenn man sich etwas näher mit ihr beschäftigte, merkte man unweigerlich, dass unter ihrer rauen Schale (Lederrüstung mit jeder Menge Nieten) ein wirklich großes und gutes Herz schlug. Genau genommen war sie Ollowains bessere Hälfte und manchmal auch sein gutes Gewissen – und in ihrer gemeinsamen Vergangenheit hatte sie dem hochmütigen Halbelfen wohl mehr als einmal aus der Klemme geholfen. Vielleicht war auch das der Grund warum sie beschlossen hatte, ihn auf seiner Reise in den Süden zu begleiten. Vielleicht suchte sie aber auch nach einem Ausweg aus dem Leben auf der Straße. Wer weiß?

Auf besagter Straße Richtung Süden waren die beiden dann auf den guten Tanforinto (kurz Tanto) getroffen. Der war nämlich ein echter und gutherziger Naturbursche und somit recht nützlich für die beiden Städter, die kaum in der Lage waren, sich jenseits der Stadtmauern durchzuschlagen. Groß gewachsen war er (noch einer!) und seine breiten Schultern und Waffen zeigten auf den ersten Blick, dass er sein Einkommen nicht mit Kartentricks oder dem Lautenspiel verdiente. Tanto selber hatte den Plan gehabt, sich in Cauldron und Umgebung als Jäger und Fallensteller einen Namen zu machen. Die grünen Urwälder, die die Stadt umgaben, waren voller Tiere und Bestien, deren Fleisch, Felle, Schuppen und Klauen man gewinnbringend verkaufen konnte – wenn man es denn wagte sich diesen fiesen Biestern entgegen zu stellen. Ein mutiger Bursche also, dieser Tanto.
Schade nur, dass auch er schon kurze Zeit nach Beginn unserer Geschichte zur falschen Zeit am falschen Ort sein musste. Das Leben eines jungen, unerfahrenen Abenteurers ist und bleibt gefährlich. Vor allem, wenn man noch keinen Priester mit Auferstehungszauber in der Gruppe hat.

Und damit wären wir auch schon beim letzten Mitglied der seltsamen Reisegesellschaft, die ich in dieser Nacht kennen gelernt hatte: Gorn, Sohn des Kord. Genau, jener Kord: Gott der Ringer, Boxer, Schwertkämpfer und Hirnlosen. Fröhlicher Schutzpatron all jener, denen nichts besseres einfällt, als sich gegenseitig den Matsch aus der Rübe zu prügeln. Oh weh, möchte man da sagen, wie soll das mit einem Heiler ein gutes Ende nehmen, der eigentlich mehr daran interessiert ist, andere zu verprügeln, anstatt sie zusammen zu flicken? Doch weit gefehlt! Denn Gorn, übrigens genau wie Tumarang ein Halbork, war eine wahre Zier für jede Söldner- und Abenteurer-Kompagnie. Ruhig und umsichtig auf der Reise und hart und unnachgiebig im Gefecht. Keine Ahnung, wie es diesen (wirklich vernünftigen) Kerl in die Hände der Kord-Priester verschlagen konnte. Vielleicht war es sein Talent in der Waffenschmiede gewesen, in der der junge Bursche lange als Gehilfe gearbeitet hatte. Und Waffenschmiede waren schließlich in den Tempeln des heiligen und frohsinnigen Knochenbrechers immer willkommen. Wie auch immer… Dem jungen Halbork war jedenfalls zu Ohren gekommen, dass der Tempel seiner Glaubensbrüder in Cauldron nur sehr schwach besetzt war. Also hatte er die kleine Tempelschmiede, in der er seine Jugend verbracht hatte, verlassen, um auf der Südstraße (die hatte ich bereits erwähnt, oder?) schließlich auf den Rest der bereits beschriebenen Ladies und Herren zu treffen. Eine glückliche Fügung. Vor allem für den Rest der Truppe, die ohne Gorns Heilkunde kaum eine Meile weit gekommen wäre.

Und als ich, Zimble Sunspark, diesen vier Typen an der Theke so zu hörte, packte mich plötzlich die Neugier (eine ärgerliche schlimme Eigenschaft meiner gnomischen Herkunft) und ich beschloss, diese wundersame Stadt Cauldron, von der sie erzählten, selber in Augenschein zu nehmen. Im Krater eines erloschenen Vulkanes sollte sie erbaut worden sein. Mit einem Ring aus schwarzem Malachit geschützt, der als Mauer auf dem Kraterrand die Stadt umschloss. Für Bodentruppen angeblich uneinnehmbar. Das hörte sich verdammt interessant an… und schon waren wir komplett!

Kapitel 1-3 als Download PDF

Es hat eine Weile gedauert… Ok, es hat richtig lange gedauert. Aber nun habe ich fertig… Erstmal.

Das 46 Seiten-PDF erzählt von Saarks und Jerune Vorgeschichte, ihrer Gefangenschaft und ihrem Treffen mit dem seltsamen Jungen namens Cor. Es gibt jede Menge Blut und Drogen, nur der Sex fehlt eigentlich. Mal sehen, vielleicht kann ich das in den nächsten Kapiteln nachliefern 😉 Bis dahin müsst Ihr ‚Game of Thrones‘ lesen.

Hier ist das Verlieswelt-PDF als Download. Viel Spass!

Kapitel III: Cor (8)

Mit tiefer Befriedigung sah Horas, wie der dumme Höhler ihn ungläubig anglotzte – als wäre er kein Mensch, sondern eine tanzende Fleischechse.
„Sieht so aus, als wäre euer Schlafzauber abgelaufen, Linienkratzer. Meiner wirkt leider immer noch.“ Er deutete mit einer lässigen Bewegung seines Nadelhornes auf den gelähmten Mentalmagier. „Eure Flucht ist zu Ende.“
Horas zielte auf den Kopf des Höhlers und zischte: „Als Erstes muss ich wissen, ob ihr unterwegs einen jungen, blonden Burschen getroffen habt? Wenn du vernünftig bist und antwortest, lasse ich dich ganz einfach in deine Zelle zurück bringen, anstatt dich mit Nadeln zu spicken. Also?“
Doch statt des Höhlers antwortete eine junge, ruhige Stimme im Rücken des Kerkermeisters:
„Ich bin hier, Sklavenjäger.“


Horas wirbelte herum und erkannte den Knaben. Der Knabe, hinter dem ganz Demos Kratein her war.
„Tut mir leid, wenn ich euch habe warten lassen. Aber ich musste mir mir erst mal eine passende Waffe besorgen.“
Irritiert bemerkte Horas, dass sich der Junge tatsächlich eine Waffe besorgt hatte:
ein Zweihandschwert, viel zu groß und viel zu schwer für den schmalen jugendlichen Körper.
Und doch hielt sein Gegner die Klinge so mühelos über dem Kopf, als wäre sie leicht wie eine Feder.
Trotz der Entropie, die ihn anpeitschte, beschlich Horas das Gefühl, dass es unklug sein könnte, sich auf einen Nahkampf mit dem seltsamen Burschen einzulassen. Es war ohnehin ratsam, den Kerl unbeschädigt beim Magistrat abzuliefern. Er musste nur etwas Zeit für einen Mentalzauber gewinnen, das war alles.

das_ende_der_gefangenschaft

Horas richtete das Nadelhorn auf den Kopf des Linienkratzers, der neben ihm auf dem Boden lag und sagte: „Keinen Schritt näher, Junge, oder ich durchlöchere deinen Freund hier!“
Der Kerkermeister hatte nicht die geringste Ahnung, ob sich der Bursche für das Schicksal des dummen Höhlers interessierte. Aber die Ablenkung funktionierte: der Knabe erstarrte und blickte überrascht auf den Linienkratzer.
Zu weichherzig für die Verlieswelt.
Horas fixierte den Jungen und presste noch einmal die Formel des Schlafzaubers hervor: „Sartum Sar Etran!“
Und wieder jagte seine Magie angetrieben von der Wucht des entropischen Kriegstrankes aus ihm heraus… und prallte nutzlos gegen eine mentale Verteidigung, die undurchdringlich war wie eine Wand aus Stahl.
Horas vergaß zu atmen und erkannte an einer steilen Zornesfalte auf der Stirn seines Gegners, dass der Junge den Bezauberungsversuch gespürt und abgeblockt hatte.
Das Zweihandschwert fegte wie ein Blitz auf den Kerkermeister herunter.
Horas schrie und pumpte den Linienkratzer voll mit Aethernadeln.

Jerune war noch niemals in seinem Leben ernsthaft verwundet worden.
Trotzdem wusste er sofort, als die eisigen Nadeln in seinen Körper eindrangen, dass er in wenigen Augenblicken tot sein würde. Er blickte an seiner Seite herunter und sah Sturzbäche von Blut, die durch seine zerfetzten Kleider hindurch auf den Boden flossen.
Sein Herzschlag begann zu flattern und das scharfe Stechen in seiner Seite ging in einen dumpfen inneren Schmerz über. Jerunes Oberkörper knickte ein.
Aber da war Cor, direkt neben ihm. Er hielt immer noch das unmöglich riesige Schwert in seiner Hand, als wäre es ein Kinderspielzeug. Und da war Blut auf der Klinge.
Der Krateiner war nirgends zu sehen.
Als Cor sich mit sorgenvollem Gesicht neben ihn kniete, versuchte Jerune zu reden, doch der Schmerz verzerrte seine Worte zu sinnlosem Gurgeln. Jerune wollte ihr Schicksal bitter beklagen, denn sie waren so dicht vor ihrem Ziel gescheitert, dass selbst die sanftmütigen Denker vor Wut aufgeschrien hätten.
Fluch auf die Göttlichen Rassen, rief eine heisere, alte Stimme in ihm, die er noch niemals zuvor gehört hatte.
Fluch auf die verblendeten Krateiner, die noch immer auf die Lügen der Götter reinfielen.
Und Fluch auf die Verlieswelt.
Natürlich sinnlos, das stumme Geschrei, das nichts mehr ändern konnte. Jerunes Kopf sackte auf den Steinboden. Wie durch einen Schleier hindurch, sah er Cor, der immer noch neben ihm kniete.
Schade um den Jungen, dachte er, was für ein mutiger Mensch. Und voller Geheimnisse.
Zu gern hätte Jerune ihn mit nach 100 Höhlen genommen. Raus aus dem Dran Kadaar, raus aus der Sklavenschale in eine bessere Welt.
Immerhin ließ jetzt der Schmerz nach. Vielleicht hatte er tatsächlich eine Chance, in friedvoller Ruhe ins Licht zu gehen. Ein würdevoller Tod, wie ihn die Weisen seines Ordens bevorzugten.
Als Jerune spürte, dass seine Seele sich anschickte, auf die Reise ins Licht zu gehen, versuchte er noch einmal seinen trüben Blick zu fokussieren.
Was er sah, ergab keinen Sinn.
Da war Cor, doch das Gesicht des Jungen hatte sich verändert. Seine Augäpfel waren verschwunden. Stattdessen strahlte ein Leuchten, wie das goldene Morgenlicht der Runensonnen aus dem Kopf des Jungen heraus. Noch erstaunlicher aber war der Ausdruck von tiefstem Ernst, der Cors Gesicht wie eine Büste aus den alten Tagen erscheinen ließ.
Und dann spürte der Musterkundige ein durchweg seltsames Gefühl, dass gleichzeitig über seinen Körper und über seine Seele kam
„Was tust du?“ fragte er Cor und im selben Atemzug wunderte er sich, woher er plötzlich wieder die Kraft zu reden hatte.
„Ich ordne deinen Körper“, sagte der Junge mit den goldenen Augen. „Der Krateiner hat mit seinem Hass großen Schaden zugefügt. Aber solange deine Seele noch nicht ins Licht gegangen ist, kann ich die Wunden, die sein Zauber geschlagen hat, rückgängig machen.“
Die Hände des Knaben glühten nun genau wie seine Augen. Dort wo sie Jerune berührten, schlossen sich die Wunden und die Blutströme versiegten augenblicklich.
Der Musterkundige stöhnte auf. Nicht wegen der Schmerzen, sondern weil er endlich verstand, was er sah.
„Du bist ein Priester der Göttlichen Rassen. Nur ein Priester hat Macht über Leben und Tod“, sagte er. Wäre er nicht gänzlich erfüllt gewesen von der tiefen Ruhe, die Cors Magie über ihn gebracht hatte, so wäre Jerune sicher aufgesprungen und hätte den Knaben mit Wut von sich gestoßen.
Aber Cor schwieg und wirkte weiter an seinem Zauber, bis sämtliche Wunden geheilt waren.
Dann erlosch das goldene Licht seiner Augen und der vorsichtige Blick kehrte in sein Gesicht zurück.
„Ich bin kein Priester. Ich kann das, seit ich denken kann. Und mehr weiß ich nicht über mich, oder über die Priester der Götter.“
Als sich Jerune langsam erhob, fügte Cor hinzu:
“Öffne jetzt besser das Tor. Hier sind noch überall Krateiner, die bald aus dem Zauberschlaf erwachen werden. Ich kümmere mich um Saark.“
Und natürlich hatte der seltsame Knabe Recht. Also stolperte Jerune zurück zu dem uralten Portal, das schon seit 6000 Jahren den Zugang zum Dran Kadaar kontrollierte.
Und trotz der unzähligen Fragen, die in seinem Kopf herum wirbelten, fand der Musterkundige mit Hilfe seiner Kunst schon wenige Augenblicke später einen Schwachpunkt in den labyrinthischen Linien, die das Schloss des Portals steuerten. Mit einem winzigen Quantum arkaner Energie – die Musterkundigen sahen es als Tugend an, sparsam mit ihrer Zauberkraft umzugehen – veränderte er den Fluss im Muster des Tors. Staub und Sand wirbelten auf und die beiden Flügel öffneten sich mit dumpfem Donner, hinaus in die schweigende Dunkelheit der sechsten Schale der Verlieswelt.

Amathir, Priester des Stahl, des höchsten Gottes der Ordnung, war verwirrt.
Gerade als er einen machtvollen Fluch der Göttlichen Rassen über die Häretiker bringen wollte, sah er Unglaubliches. Ein schwacher Sklave – ein hagerer Knabe nur – bewahrte einen Sterbenden mit einer perfekten Anwendung der göttlichen Heilkunst vor dem Tod.
Der blonde Bursche war mit Sicherheit kein Mitglied der krateinischen Priesterschaft, denn als solcher wäre er niemals in Gefangenschaft geraten. Selbst ein Aussenweltler war vor den Sklavenjägern sicher, wenn er beweisen konnte, dass er ein Diener der Göttlichen Rassen war.
Außerdem war der Knabe ganz einfach zu jung.
Trotzdem brachte es Amathir nicht fertig einzugreifen, als der Linienkratzer mit seiner verbotenen Magie schließlich das Tor öffnete. Tatenlos sah er zu, wie der seltsame Junge den bewusstlosen Aussenweltler aus dem Kerker schleppte.
Erst als die Schritte der Flüchtlinge schon lange verhallt waren, wurde Amathir bewusst, dass das Geschehene einfach zu groß gewesen war.
Zu groß, als dass ein einfacher Priester aus der Bruderschaft der Reinen Bestrafung, Einfluss darauf nehmen könnte.
Aber auch zu groß, um es einfach auf sich beruhen zu lassen.
Amathir blickte sich um: der Dran Kadaar lag in Trümmern.
Erst der Sturm, dann die Revolte und zum Schluss der Tod sämtlicher Hauptleute.
Das einzig Aufrechte, was zu tun blieb, war, dem Magistrat schnellstmöglich von der Katastrophe zu berichten. Auch wenn das zum Ende von Amathirs Aufstieg in der Hierarchie der Priesterschaft führen musste.
Aber er war ein Priester des Stahl, des höchsten Gottes der Ordnung. Also raffte er sich auf und lief zum Kontrollraum des Dran Kadaar. Er wusste, dass es dort einen aureolischen Stirnreifen gab, mit dem er den Magistrat erreichen konnte.
Unterwegs traf er auf einen versprengten und verwirrten Wachmann, der ihm als Träger des Stirnreifs dienen würde. Ein Opfer mehr oder weniger machte nun keinen Unterschied mehr. Rechtlich gesehen war diese Entscheidung möglicherweise nicht ganz einwandfrei. Doch Amathir war sich sicher, dass Stahl, der universelle Richter und Rechtssprecher Verständnis hierfür aufbringen würde.
Der Magistrat musste informiert werden.

Kapitel III: Cor (6)

Horas atmete tief und gleichmäßig. Der entropische Kriegstrank wirkte noch immer und erfüllte seinen Körper und seine Seele mit klarer Ruhe. Neben ihm stand Amathir und heilte mit der Macht des Glaubens den Knochenbruch eines Wachsoldaten. Goldenes Licht schimmerte auf der Stelle des Armes, an der ihn der Priester berührt hatte. Mit einem hörbaren Knacken richtete sich der Bruch und die Wache verzog kurz schmerzhaft das Gesicht. Dann schloss der Mann entspannt die Augen und dankte mit einem kurzen Gebet Stahl, dem Gerechten.
„Gelobt seien die Göttlichen Rassen, ob der Macht die sie den Gläubigen freimütig schenken,“ sagte Dremail als er hinzu trat.
„Wir haben nur fünf Leute verloren,“ berichtet er an den Kerkermeister. „Aber von den Sklaven-Hunden liegen mindestens dreissig im Staub!“
„Ist der blonde Knabe unter den Toten?“ fragte Horas.
„Nein. Bestimmt steckt er noch immer in der Absicherungsmaschine. Fest an seinen Stuhl geschnallt.“
Nun schaltete sich Amathir in das Gespräch ein: „Es können nicht mehr viele Gefangene am Leben sein. Die meisten wurden vom Eisenwächter erledigt. Wieso durchkämmen wir nicht den ganzen Kerker und treiben die restlichen Sklaven zurück in ihre Zellen?“
Aber bevor ihm Horas erklären konnte, dass der Ausgang auf jeden Fall bewacht werden musste, solange der blonde Junge noch frei war, geschah etwas unerwartetes… die Wachsoldaten, die eben noch zusammen gestanden hatten, um mit einer Flasche Tago-Schnaps den Sieg zu feiern, vielen leblos zu Boden.


Mentalmagie! zuckte es Horas wie kaltes Feuer durch den Kopf.
Sofort griff er nach der Phiole an seinem Gürtel. Ein einziger Schluck – heiß wie die Sonnen der Runenwüste – würde ausreichen, um seinen Geist gegen jeden Lähmungszauber zu schützen.
Doch der Kerkermeister war zu langsam.
Bleischwere Gewichte hingen plötzlich an seinen Gliedern.
Seine Hände pendelten unkontrolliert an seiner Seite, anstatt nach der rettenden Flüssigkeit zu greifen. Alle Geräusch um ihn herum, auch seine eigene fluchende Stimme, wurden dumpf und leise.
Wie durch eine Nebelwand hindurch sah Horas, wie Dremail das Schwert aus der geschuppten Hand fiel. Der Reptiloide taumelte hin und her, um schließlich wie ein gefällter Belagerungsturm in den Staub zu stürzen.
Dann knickten auch Horas Knie ein. Das letzte, an das er dachte, bevor Saarks Magie seinen Geist komplett ausschaltete, war der Kriegstrank an seinen Gürtel.

wachen

Die Barrikade der Krateiner bestand vollständig aus Metallteilen. Tische, Stühle, Schränke, alles aus schwerem Eisen und scharfkantigem Stahl. Anderes Material hatten sie hier unten in der Sklavenschale auch gar nicht zur Verfügung, dachte Jerune während er vorsichtig den knarrenden, wankenden Wall erklomm. Bäume und Pflanzen lebten nur im Licht der Runensonnen von 100 Höhlen. In den restlichen Teilen der Humanoschale musste man auf Metall, Magie und poröses Pilz-Holz zurück greifen.
Als er endlich auf dem Kamm angekommen war, blickte Jerune in die hohe Eingangshalle, in der sich das Lager der Krateiner befand.
Machtvoll war Saarks Mentalmagie!
Ein Dutzend bewegungslose Körper lagen verstreut auf dem Boden. Es war niemand mehr bei Bewusstsein, der sie an ihrer Flucht hindern könnte.
Saark selbst gönnte sich keinen Triumph. Er rief Jerune zu: „Keine Zeit zu verlieren! Der Schlaf hält nicht ewig. Dort ist der Ausgang.“ Und er deutete auf ein schmales, hohes Portal, das am anderen Ende der Halle in die Felswand eingelassen war.
Jerune erkannte das Werk der Konstrukteure, der Erbauer der Verlieswelt.
Aus schwärzestem Ascheisen waren die Torflügel, überzogen mit dichten, filigranen Linien.
Natürlich, der Ausgang aus dem Dran Kadaar war durch Mustermagie gesichert, denn dieser Kerker war alt. Älter als Demos Kratein, 100 Höhlen und jedes menschliche Reich von Donjon.
Dieses Portal war nun seine Aufgabe. Hastig kletterte Jerune den Wall auf der anderen Seite herunter. Cor blieb dicht hinter ihm, wie ihm befohlen worden war.

Kapitel III: Cor (5)

Saark stand vor der versiegelten Eisentür und schloss die Augen. Jerune blickte unruhig zwischen dem konzentrierten Mentalmagier, Cor und der Tür hin und her.
Schließlich öffnete Saark seine Augen wieder und sagte: „Irgend etwas muss während unserer Rast geschehen sein. Jedenfalls spüre ich auf der anderen Seite der Tür kein intelligentes Bewusstsein mehr. Entweder sind unsere Verfolger abgerückt oder sie sind tot.“
„Dann werde ich das Schutzmuster von der Tür nehmen,“ antwortete der Musterkundige.
„Nur damit wir uns einig sind, Freund,“ sagte Saark leise aber bestimmt. „Der Bursche bleibt hier.“
„Er bleibt nicht hier,“ entgegnete Jerune. „Ich lasse niemanden in den Klauen dieser Bestien zurück.“
„Er wird uns behindern. Am Ende werden wir seinetwegen einen Fehler machen und sterben. Dann geht er entweder selber mit drauf oder er landet wieder hier drin. Was haben wir davon?“ fragte Saark mit gereizter Stimme.


Jerune blickte hinüber zu Cor, der ein paar Schritte abseits stand und die Arme verschränkt hatte. Der Blick des Jungen ruhte gelassen auf dem Aussenweltler.
„Er wird uns nicht behindern,“ erwiderte Jerune. „Wenn wir kämpfen, muss er den Kopf einziehen. Ich glaube, das kann er ganz gut. Cor kommt mit.“
Saark senkte seine Stimme zu einem Flüstern: „Cor heißt er also. Ihr habt schon Bekanntschaft geschlossen? Glaubst du, dass er dich genauso gut wie ich gegen die Waffen und Zauber dieser Krateiner verteidigen kann?“

streit

Jerune ballte die Fäuste, als er antwortete: „Das weiß ich nicht, Aussenweltler. Aber ich weiß, dass du ohne mich nicht einmal diese versiegelte Tür auf bekommst.“ Und er fügte noch einmal mit Nachdruck hinzu: „Cor wird mit kommen.“
„Fragen wir ihn doch selbst,“ sagte Saark und drehte sich in Richtung des Jungen. Mit seiner Rechten vollführte er eine blitzartige Bewegung, während er kaum hörbar eine arkane Formel intonierte: Sartalos Sar Larax.
Jerune versuchte dem Magier in den Arm zu fallen, doch er war zu langsam. Saark wich geschickt aus, so dass der Musterkundige das Gleichgewicht verlor, stolperte, und zu Boden fiel. Saark zischte: „Fass mich nicht an, Tölpel, oder du bist der Nächste! Der Streit ist nun beendet. Der Kerl wird ab jetzt nur noch das tun, was ich ihm befehle.“ Dann wandte er sich wieder dem Knaben zu und sagte mit herrischer Stimme: „Und ich befehle Dir, dass du dich wieder auf den Steinthron setzt, um auf die Krateiner zu warten!“
Vor Wut zitternd rappelte sich Jerune wieder hoch. Dann blickte er auf den Knaben, der noch immer gelassen dem Streit der beiden älteren Männer zusah.
Cor machte keine Anstalten, Saarks Befehl zu folgen. Stattdessen sagte er: „Macht euch wegen mir keine Sorgen, Meister Saark. Wenn es zum Kampf kommt, werde ich meinen Kopf einziehen und niemandem im Weg stehen. Und sobald ich ein Schwert habe, werde ich euch den Rücken frei halten.“
Ungläubig starrte der Mentalmagier auf den Knaben. Dann schüttelte er langsam den Kopf und wiederholte seinen Befehl mit eindringlicher Stimme: „Setze dich auf den Thron, wie ich es gesagt habe! Das ist das Beste für dich, Junge.“
„Das glaube ich nicht. Aber fragen wir doch den weisen Jerune nach seiner Meinung,“ antworte Cor. “Einem Mustermeister erweist man auf Donjon Respekt. Und man hört auf seinen Ratschlag.“
Saark machte einen Schritt zurück und fragte fassungslos: „Wer oder was bist du?“
„Nur ein Pilzsammler aus dem Fallenland. Aber ich lasse mich weder von Sklavenjägern in Ketten legen, noch von dir behexen, Aussenweltler. Gebt mir ein Schwert und ich werde damit genauso viele Krateiner ins Nichts schicken, wie du mit deiner Hexenkraft.“
Jerune trat neben Saark und sagte langsam: „Du hast Recht gehabt. Der Junge ist außergewöhnlich, sonst wäre er nicht hier. Ich weiß auch nicht, ob wir ihm trauen können, aber am Ende wollen wir alle das Selbe: die Flucht.“
Saark schwieg und starrte mit bohrendem Blick auf Cor.
„Nur weil du den Jungen nicht kontrollieren kannst, ist er nicht automatisch dein Feind,“ fuhr Jerune fort. „Wenn er in der Lage ist, deine Mentalmagie abzuwehren, kann er vielleicht auch tatsächlich mit einer Waffe umgehen. Das könnte uns nützen!“
Mit einem wortlosen Kopfschütteln drehte sich Saark schließlich um und ging zur Tür.
Dann sagt er: „Das gefällt mir nicht. Aber es sei, wie du sagst, Jerune von Donjon. Der Bursche soll uns begleiten. Nun öffne die Tür!“
Jerune nickt und trat hinzu. Er berührte auf der Tür eine nahezu unsichtbare Musterlinie in Augenhöhe. Die geometrischen Linien flammten kurz auf, um danach spurlos zu verschwinden. Mit einem leisen Zischen öffnete sich die Tür. Der Gang dahinter war dunkel und leer.

„Das sind zu viele, da kommen wir niemals durch,“ sagte Jerune düster. Er zog sich vorsichtig hinter die Gangecke in den Schatten zurück. Die drei Flüchtlinge hatten nicht lange gebraucht, um den Ausgang des Gefängniskomplexes zu finden. Aber es sah nicht so aus, als ob die Krateiner ihre Sklaven einfach entkommen lassen wollten: die Wachen hatten aus Tischen, Stühlen und Abfall eine hohe Barrikade errichtet. Der Weg in die große Ausgangshalle war blockiert.
Nun schob sich auch Saark nach vorne, um sich die Stellung der Krateiner anzusehen. Cor wartete schweigend und regungslos hinter ihnen in der Finsternis des Ganges.
„Da liegen eine ganze Menge Leichen herum. Also haben schon andere Gefangene versucht durch zu brechen. Und sind gescheitert,“ sagte Saark.
„Was nun?“ fragte Jerune.
„Wir haben keine Wahl, wir müssen kämpfen. Mit etwas Glück können wir es bis zur Tür schaffen. Unser Ziel ist es nicht, alle Wachen zu töten. Wir wollen lediglich an ihnen vorbei.“
„Aber es sind viel mehr als wir! Und selbst wenn wir durch kommen, werden sie uns verfolgen.“
„Das glaube ich nicht. Sie müssen den Kerker bewachen. Wenn Sie uns verfolgen, bleibt der Kerker ungeschützt und noch mehr Sklaven könnten entkommen.“
Saark überlegte einen Moment. Dann sagte er: “Es sind etwa ein Dutzend Kämpfer. Die Hälfte kann ich durch Magie ausschalten. Die Frage ist: wie gut und entschlossen sind die restlichen Wachen?“
„Sie werden uns einkreisen und töten,“ sagte Jerune mit brüchiger Stimme.
„Nicht wenn wir sie überraschen und schnell ihr Offiziere ausschalten. Dort oben auf der Barrikade steht ein Posten. Ich kann für ein paar Augenblicke seinen Geist vernebeln, so dass er keinen Alarm schlägt, sondern mit sich selbst beschäftigt ist. Dann klettern wir so leise es geht auf den Wall. Wenn ich sie alle im Blick habe, lege ich sie schlafen. Dann rennen wir.“ Jerune unterdrückte das flaue Gefühl in seinem Magen und das nervöse Kribbeln seiner Fingerspitzen und sagte: „Wenn nicht genug einschlafen, kann ich das Muster auf dem Höhlenboden verändern, um eine Feuerfalle zu schaffen.“
„Sehr gut!“ lobte Saark. „Es hängt viel von ihrem Anführer ab. Wenn ich es schaffe, ihn zu unterwerfen, könnte es klappen. Wenn nicht…“ Er ließ den Satz unbeendet.
„Ich bin nicht feige, Saark,“ log Jerune. „Aber mit Schwertern kann ich nichts anfangen. Wenn es zum Kampf kommt, werde ich kaum eine Hilfe sein.“
„Ich schon,“ sagte Cor.
Saark drehte sich um und sagte kalt: „Wenn meine Schlafmagie funktioniert, wirst du genug Waffen zur Auswahl haben. Aber denk dran: das sind keine Bauerntölpel, sondern Soldaten. Und ich werde keinen einzigen Zauber verschwenden, wenn du dich selbst in die Scheiße geritten hast… wenn du also den Helden spielen willst, bitte.“
In die angespannte Stille hinein sagte Jerune: „Wir machen es, wie du geplant hast, Saark. Ich werde versuchen, das Muster der Gänge und Räume, so gut es geht, zu unserem Vorteil einzusetzen.“
„Deine Mustertricks gefallen mir allmählich. Wir brauchen nur noch ein bisschen Glück,“ antwortete Saark.
Es war alles gesagt. Wenige Augenblicke später schlichen sie auf die Barrikade zu, um das letzte Bollwerk zu überwinden, das sich zwischen ihnen und ihrer Flucht aus dem Kerker befand.

Kapitel III: Cor (4)

Horas saß im Schutz der Barrikade, die seine Wachen aus Metalltrümmern aufgetürmt hatten. Vorsichtig strichen seine Finger über die glatte Oberfläche seines besten Zauberstabes. Eine arkane Waffe, die den allumfließenden Aether so stark verdichten konnte, dass er zu spitzen, tödlichen Nadeln wurde.
Diese Nadeln, die in der Akademie auch als magische Geschosse bezeichnet wurden, konnten mit Hilfe eines simplen Kommandowortes auf einen Feind geschleudert werden. Bei den einfachen Leuten waren diese Zauberstäbe wegen ihrer leicht gekrümmten Form auch als Nadelhörner bekannt. Absolut treffsicher und problemlos zu bedienen. Normale Rüstungen aus Metall oder Leder booten nicht den geringsten Schutz. Lediglich mit arkanen Schildzaubern konnte man sich die Dinger vom Leib halten.


Allerdings waren die Nadeln so filigran, dass sie dem Körper verhältnismäßig wenig Schaden zufügten. Den Treffer einer einzelnen Nadel konnte man durchaus überleben. Zwei Geschosse reichten aber bereits aus, um einer Reitechse oder einem erfahrenen Soldaten den Garaus zu machen.
Horas überprüfte noch einmal die arkanen Symbole auf dem gekrümmten Schaft der Zauberwaffe. Dieses Nadelhorn stammte aus den berühmten aureolischen Waffenschmieden von Kardaraal und konnte drei Nadeln gleichzeitig verschießen.

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Horas konnte keinerlei Beschädigungen feststellen. Zufrieden befestigte er die Waffe an seinem Gürtel. Seine Ausrüstung war in perfektem Zustand. Noch einmal griff er nach der Phiole mit den Kriegstrank. Er spürte das sanfte Wiegen der energetischen Flüssigkeit in dem winzigen Metallfläschchen.
Schnell und klar werde ich mich fühlen.
Wäre es nicht von Vorteil, schon jetzt einen Schluck des Trankes zu nehmen?
Die Wachen brauchten dringend etwas Motivation. Mit einem kleinen Schluck Entropie in den Adern könnte er schnell eine aufpeitschende Rede halten, um die Stimmung wieder etwas anzuheizen. Nur ein paar Worte über Kardaraal und die Heimat, über Extrasold und baldige Wachablösung. Seine Finger spielten mit dem Metallverschluss. Bevor er aber die Phiole öffnen konnte, riss ihn der Ruf eines Wachposten aus seinen Gedanken:
„Schritte im Hauptgang! Macht euch bereit für den Kampf!“
Als erstes war Dremail auf der Barrikade. Die restlichen Wachen kletterten ihm nach.
Dann flogen brennende Ölflaschen ins Lager. Beim Aufschlag zerplatzten sie und hinterließen flammende Pfützen. Verletzt wurde niemand – aber der beissende Qualm nahm den Verteidigern die Sicht und die Luft zum Atmen. Auf der anderen Seite des Walls waren die Gefangenen nun heran gekommen. Sehen konnte Horas sie nicht, doch er hörte ihre wütenden Schreie und das Krachen der Metallstücke, als sie auf die Absperrung kletterten. Dann begannen die Zweikämpfe.
Horas griff an seinen Gürtel und zog das Nadelhorn. Seine Hände zitterten, als hätte er eine Quecksilbervergiftung. Die Sklaven waren deutlich in der Überzahl und hatten schnell den Wall überwunden. Auf der rechten Seite der Höhle prügelte ein Daemon mit einem primitiven Stahlrohr auf Horas Männer ein, als wären sie nasse Sandsäcke.
In den Kampf eingreifen!
Der Kerkermeister machte mit dem Nadelhorn im Anschlag ein paar Schritte auf den tobenden Gegner zu. Eine normale Waffe konnten die dichte Haut des Daemons kaum durchdringen, aber eine Aethernadel war keine normale Waffe…
Horas zielte und versuchte sich auf den Schuss zu konzentrieren.
Was wäre, wenn die erste Salve nicht sofort töten würde? Das Vieh würde seine gesamte Wut auf ihn richten. Überall pfiffen Armbrustbolzen die Luft.
Plötzlich wurde er zur Seite gerissen. Dremail hatte ihn gepackt und zerrte ihn in Deckung.
„Wenn ihr nicht kämpfen könnt, passt wenigstens auf eure verfluchte Haut auf!“ knurrte der Reptiloide und diesmal war die Wut in seiner rauen Stimme nicht zu überhören.
Schon im nächsten Augenblick war der Hauptmann wieder bei seinen Leuten an der Barrikade und mähte mit seinem Langschwert die Angreifer nieder, die es wagten, in die Stellung einzubrechen.
Horas duckte sich tiefer in die Deckung. Dann riss er Amathirs Phiole auf und der Geruch der Flüssigkeit stieg ihm sofort in die Nase. Es war ein starker Kriegstrank, gesättigt mit reinster Entropie. Wahrscheinlich hatte der junge Priester ein Vermögen dafür bezahlt. Die Hälfte des Trankes würde ausreichen. Nur die Hälfte. Nicht alles. Er stürzte den Kriegstrank herunter und tatsächlich schaffte er es, nach drei Zügen die Phiole abzusetzen, bevor er sie komplett geleert hatte.
Die entropische Essenz fuhr wie ein glühender Speer in seine Eingeweide und erhellte seinen ganzen Leib mit Licht und Energie.
Er sprang auf.
Das Nadelhorn war in seiner Rechten und fühlte sich hart und real an, wie eine machtvolle Verlängerung seines Willens.
Er sah, wie die Sklaven mit ihren gestohlenen Waffen wie ein Welle schmutzigen Wassers über die Absperrung schwappten… und bestrafte ihre Impertinenz sofort mit einem Schauer aus Aethernadeln. Fast geräuschlos fuhren die unendlich spitzen Geschosse in das widerliche Fleisch der Humanos, Halbriesen, Reptiloiden, und allen anderen Gewürms, das es wagte, vor seine Augen zu treten.
Auch den Daemon mit der Stahlstange spickte der Kerkermeister mit den magischen Geschossen. Doch der unreine Körper dieses Rebellen brach nicht wie die anderen Opfer zusammen. Der Daemon heulte vor Wut, Schmerz und Hass und sprang mit unmöglich langen Sätzen auf den Kerkermeister zu.
Horas schoss einfach weiter und presste durch seine Zähne immer wieder das arkane Kommandowort des Nadelhorns: „Xar, Xar, Xar…
Projektil um Projektil bohrte sich in den mächtgen, grotesken Körper.
Bevor der Daemon den Kerkermeister erreichen konnte, tauchte Dremail zwischen den beiden Kontrahenten auf. Blitzend durchschnitt sein Schwert die feste Haut des Daemons und trennte den Kopf vom Hals.
Ekstatisch riss der Hauptmann seine Waffe hoch und brüllte: „Lang lebe der Magistrat!“
Horas nickte ihm mit blitzenden Augen zu und brüllte heiser zurück: „Der Magistrat!“
Dann stürzten sie sich zusammen in den Kampf und machten den Sklaven ein für allemal klar, warum Demos Kratein die vorherrschende Macht in den Humanoschalen war.

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