Abenteuer in der Verlieswelt

Roman & Rollenspielkampagne in einer ungewöhnlichen Fantasywelt

Kapitel II ist fertig, Kapitel I ist als PDF Download bereit

Lange hat es gedauert. Sorry, aber das ist mein Arbeitstempo. Immerhin bin ich bisher dran geblieben. Sollte tatsächlich jemand gespannt auf das dritte Kapitel warten, so kann ich versichern, dass es bereits fertig geschrieben ist und nur noch online gestellt werden muss.


Außerdem habe ich es geschafft, eine überarbeitete Version von Kapitel I mitsamt aller Zusatztexte (Prologe, Prologe…) als PDF aufzubereiten und hier zu verlinken. Hat Spaß gemacht. Ich hoffe, Ihr habt genau so viel Spaß beim Lesen und verzeiht mir die Schreibfehler.

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Kapitel II: der Sturm (6)

Es herrschte Chaos. Noch war Jerune unverletzt, doch angesichts der kalten Präzision, mit der die Maschine die Flüchtlinge niedermetzelte, war es nur noch eine Frage von Augenblicken, bis ihn eines der Geschosse erwischen würde.
Während er verzweifelt nach Deckung suchte, spürte er in seinem Inneren, wie seine Seele erneut vom allumfließenden Aether abgeschnitten wurde. Der Musterorkan hatte sich endgültig gelegt und der Eisenwächter absorbierte nun sämtliche verbliebene arkane Energie, die sich noch in der Kugelhalle befand.

Nur ein paar Schritte vor Jerune ragte das Portal auf. Davor hatte sich aber eine dichte Traube von Gefangenen angestaut, die panisch versuchten, sich in Sicherheit zu bringen und so den Ausgang komplett verstopften.
Doch der Druck der Menge ließ plötzlich nach. Aus dem Augenwinkel heraus sah Jerune, wie der Halbriese, der ihn und Saark bis eben eingeklemmt hatte, von einer schweren Messinglanze durchbohrt wurde und nach hinten weg kippte. Saark hob eine zerborstene Armbrust auf, die kurz zuvor noch in den Händen einer Wache gewesen sein musste. Dann packte er Jerune am Arm und zerrte ihn hinter sich her, während er sich mit der Armbrust – wie mit einer Keule – eine Schneise durch die Menge prügelte. Ohne Rücksicht drosch er von hinten auf die Flüchtlinge vor dem Portal ein. Jerune wollte protestieren, doch statt dessen kniff er die Augen zusammen, um das Grauen nicht mit ansehen zu müssen.
Und während der Eisenwächter einen kurzen Herzschlag inne hielt, um den Wald aus Waffen nachzuladen, bahnte Saark einen blutigen Weg für sich und Jerune durch das Tor. Raus aus der Kugelhalle.


Der Kerkermeister saß auf seinem Steinthron und überprüfte zum hundertsten Mal den Zustand seiner arkanen Waffen. Seine Protektoren-Robe war angelegt, seine aureolischen Verteidigungsringe an die Finger gesteckt. Seine Zauberstäbe, allen voran das Nadelhorn, waren in perfektem Zustand. Kein Wunder, dachte Horas mit einer Mischung aus Sarkasmus und Selbstmitleid, bisher hatte ich kaum Gelegenheit gehabt, dass verdammte Zeug zu benutzen.
Er war mit einer kleinen Gruppe Wachen zurückgeblieben, während Dremail mit seinen besten Kriegern die Lage in den Gängen des Dran Kadaar auskundschaftete. Es galt heraus zu finden, wie viele der Gefangenen dem Gemetzel entkommen waren.
Einige der Männer, die mit Horas im Kontrollraum ausharrten, standen an den uralten Steuerpulten und taten so, als würden sie irgendeiner Arbeit nach gehen. Andere blickten betreten zu Boden.
Nach einer kleinen Ewigkeit schließlich öffnete sich die schwere Steintür und Dremail trat in den Raum. Seine Metallrüstung war nass von Humanoblut. Obwohl es schwer war, in dem starren Echsengesicht eine Gefühlsregung zu erkennen, wusste Horas sofort, dass die Lage außerhalb des Kontrollraumes nicht gut war.
„Mindestens fünfzig Gefangene sind durch gebrochen. Waffen haben sie sich von meinen toten Leuten verschafft. Inzwischen hat sich der Abschaum in den umliegenden Kammern und Gängen verkrochen.“
„Wie sieht es in Richtung Ausgang aus?“ fragte Horas unsicher.
„Besser. Unsere restlichen Kämpfer haben sich in der Eingangshalle gesammelt. Sie versperren den Ausgang.“
Der Kerkermeister atmete auf. Noch war nicht alles verloren. Die Gefangenen hatten es nicht geschafft, die Kammern des Dran Kadaar gänzlich zu verlassen.
„Wie viele Männer haben überlebt?“
Dremail wiegte den geschuppten Kopf und antwortete ruhig: „Dreißig. Genug um diesen Haufen von Halsabschneider und Verbrechern zurück in die Zellen zu treiben.“ Er fügte hinzu: „Die sind feige wie Eidechsen.“
„Gut gemacht, Hauptmann. Kannst du uns zu den restlichen Wachen bringen?“
„Wir können sofort aufbrechen. Sie werden es nicht wagen, eine so große Gruppe anzugreifen.“ Dremail deutete auf den Ausgang.
„Eine Sache noch…“ Horas hob zögernd die Hand. „Hast du den blonden Knaben gesehen? Unter den Flüchtlingen? Oder unter den Toten?“
Der Reptiloide zuckte mit den breiten Schultern. „Nein Milord. Ich denke, er ist immer noch in der Absicherungskammer, wo wir ihn hingebracht hatten. Niemand kann ohne den Schlüssel die arkane Tür öffnen, die den Raum sichert. Und den Schlüssel habt ihr.“
Horas hatte seine Zweifel, denn ohne den Meisterschlüssel hätte auch niemand die Zellentüren öffnen können. Trotzdem standen jetzt sämtliche Zellen offen, die Kugelhalle war in Blut getränkt und Horden von revoltierenden Gefangenen zogen durch den Kerker.
„Wir müssen den Knaben sofort wieder in unsere Gewalt bringen. Dieses…“, fügte Horas mit schwerer Stimme hinzu „… ist der Wille des Magistrates.“

Kapitel II: der Sturm (5)

Die Lage war außer Kontrolle geraten.
Die beiden arkanen Gefangenen, die Horas als Entropiespender ausgewählt hatte, waren entkommen. Eine Art Sturm – ein völlig unerklärliches Phänomen – hatte die Wachmannschaft durcheinander gewirbelt. Und dann war das absolut Undenkbare geschehen: die Gefangenen waren aus ihren Zellen entkommen.

Horas schlug die Hände vor die Augen. Die Götter mussten ihn hassen. Anders war diese Katastrophe nicht zu erklären. Es war nicht fair, es war ein Albtraum, ein Horror.
Hektisch blickte er sich in der Kontrollkammer um. Seine Augen sprangen von einem Wachmann zum nächsten, doch in keinem Gesicht fand er Rat. Sie blickten auf ihn, den Kerkermeister, und warteten unsicher auf Anweisungen. Nur Dremail, der Reptiloide, glotzte nicht blöde in der Gegend herum, sondern beobachtete mit einem Wolkenstein-Teleskop die Vorgänge in der Kugelhalle.
Ohne seine Augen von den Fernrohr zu nehmen, sagte er: „Ich habe Wachen herein geschickt, die den Eingang blockieren sollen. Sie halten sich gut gegen die Sklavenhunde. Ich werde alle verfügbaren Krieger dort zusammen ziehen.“
„Aber wird das ausreichen?“ fragte Horas.
„Wenn der göttliche Stahl uns beisteht, werden wir den Abschaum wieder in die Zellen zurück treiben.“
Doch da hatte Horas seine Zweifel. Stahl, der universelle Gott der Gerechtigkeit und Strafe residierte auf der fernen Welt Endorpal und sinnierte über komplexe juristische Probleme. Horas war sich sicher, dass sich Stahl für nichts weniger interessierte, als für die Gefängnisrevolte im Dran Kadaar.
„Hier geht es nicht um eine Handvoll Sklaven. Sämtliche Gefangenen sind frei! Wir müssen den Eisenwächter wieder aktivieren,“ sagte der Kerkermeister und blickte nervös zu dem uralten Pult herüber, mit dem das Konstrukt kontrolliert werden konnte.
„Wenn ihr den Wächter wieder scharf macht, verlieren wir nicht nur sämtliche Sklaven, sondern auch alle Wachen, die wir bereits rein geschickt haben!“
„Darauf kommt es jetzt nicht mehr an.“ Mit diesen Worten beendete Horas die Diskussion und wandte sich dem Pult zu.
Worauf es in Wirklichkeit ankam, war der Junge, den er an Heresial ausliefern musste.
Und der Junge war glücklicherweise bereits vor diesem fürchterlichen Zwischenfall aus seiner Zelle geschafft worden.
Gepriesen waren die Göttlichen Rassen! Zu mindestens mit dem Balg hatte er Glück gehabt.
Inzwischen musste der Kerl längst in der Absicherungsmaschine fest geschnallt sein.


Mit einem Schritt war der Kerkermeister an dem Schaltpult und legte seine zittrigen Hände auf die Kontrollen. Sofort spürte er die Energie, die durch den Eisenwächter pulsierte…
„Wir danken Stahl, dem präilluminierten, für seine Gerechtigkeit und den Konstrukteuren für ihren Scharfsinn,“ hauchte Horas. Dann legte er den Zentralschalter im Pult um.
Dremail trat hinter ihn und blickte mit kalten Reptilienaugen auf den Schalter. Dann sagte er:
„Wenn ihr den Eisenwächter auf totale Vernichtung einstellt, haben unsere Leute keine Chance, Milord.“
„Leute haben wir genug.“ antwortete der Kerkermeister ohne seine Blicke von den Kontrollen zu nehmen.

Die ersten Wachen, die versucht hatten, die Gefangenen aufzuhalten, wurden von den nackten Füßen der Flüchtlinge nieder getrampelt. Inmitten der heulenden Meute aus Humanos, Reptiloiden, Daemons und mindestens einem Dutzend weiterer niederer Rassen wurden Jerune und Saark auf den Ausgang zu gespült.
Als sie nur noch 20 Schritte von ihrem Ziel entfernt waren, geriet der Strom ins Stocken. Vor dem Portal stauten sich die Flüchtlinge. Es stank nach Schweiß, Angst und Wut.
„Wir stecken fest!“ schrie Jerune. Ein Halbriese, der sich direkt hinter ihm befand, presste ihn unbeeindruckt weiter nach vorne. Der Druck auf Jerunes Körper wurde stärker und stärker, bis der Musterkundige glaubte, dass Knacken seiner Rippen zu hören.
„Nicht die Nerven verlieren!“ rief Saark, der direkt neben ihm fest steckte.
Im nächsten Augenblick schlug das Geheul der Menge in panisches Geschrei um.
Mit einem metallischen Kreischen hoben sich die unzähligen Waffenarme des Kugelgolems und richteten sich auf die Gefangenen. Hundertfach sirrten die Stahlsehnen und eine Wolke aus Pfeilen und Speeren jagte in die Menge hinein.
Der Eisenwächter war wieder erwacht.

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