Kapitel III: Cor (6)

Horas atmete tief und gleichmäßig. Der entropische Kriegstrank wirkte noch immer und erfüllte seinen Körper und seine Seele mit klarer Ruhe. Neben ihm stand Amathir und heilte mit der Macht des Glaubens den Knochenbruch eines Wachsoldaten. Goldenes Licht schimmerte auf der Stelle des Armes, an der ihn der Priester berührt hatte. Mit einem hörbaren Knacken richtete sich der Bruch und die Wache verzog kurz schmerzhaft das Gesicht. Dann schloss der Mann entspannt die Augen und dankte mit einem kurzen Gebet Stahl, dem Gerechten.
„Gelobt seien die Göttlichen Rassen, ob der Macht die sie den Gläubigen freimütig schenken,“ sagte Dremail als er hinzu trat.
„Wir haben nur fünf Leute verloren,“ berichtet er an den Kerkermeister. „Aber von den Sklaven-Hunden liegen mindestens dreissig im Staub!“
„Ist der blonde Knabe unter den Toten?“ fragte Horas.
„Nein. Bestimmt steckt er noch immer in der Absicherungsmaschine. Fest an seinen Stuhl geschnallt.“
Nun schaltete sich Amathir in das Gespräch ein: „Es können nicht mehr viele Gefangene am Leben sein. Die meisten wurden vom Eisenwächter erledigt. Wieso durchkämmen wir nicht den ganzen Kerker und treiben die restlichen Sklaven zurück in ihre Zellen?“
Aber bevor ihm Horas erklären konnte, dass der Ausgang auf jeden Fall bewacht werden musste, solange der blonde Junge noch frei war, geschah etwas unerwartetes… die Wachsoldaten, die eben noch zusammen gestanden hatten, um mit einer Flasche Tago-Schnaps den Sieg zu feiern, vielen leblos zu Boden.


Mentalmagie! zuckte es Horas wie kaltes Feuer durch den Kopf.
Sofort griff er nach der Phiole an seinem Gürtel. Ein einziger Schluck – heiß wie die Sonnen der Runenwüste – würde ausreichen, um seinen Geist gegen jeden Lähmungszauber zu schützen.
Doch der Kerkermeister war zu langsam.
Bleischwere Gewichte hingen plötzlich an seinen Gliedern.
Seine Hände pendelten unkontrolliert an seiner Seite, anstatt nach der rettenden Flüssigkeit zu greifen. Alle Geräusch um ihn herum, auch seine eigene fluchende Stimme, wurden dumpf und leise.
Wie durch eine Nebelwand hindurch sah Horas, wie Dremail das Schwert aus der geschuppten Hand fiel. Der Reptiloide taumelte hin und her, um schließlich wie ein gefällter Belagerungsturm in den Staub zu stürzen.
Dann knickten auch Horas Knie ein. Das letzte, an das er dachte, bevor Saarks Magie seinen Geist komplett ausschaltete, war der Kriegstrank an seinen Gürtel.

wachen

Die Barrikade der Krateiner bestand vollständig aus Metallteilen. Tische, Stühle, Schränke, alles aus schwerem Eisen und scharfkantigem Stahl. Anderes Material hatten sie hier unten in der Sklavenschale auch gar nicht zur Verfügung, dachte Jerune während er vorsichtig den knarrenden, wankenden Wall erklomm. Bäume und Pflanzen lebten nur im Licht der Runensonnen von 100 Höhlen. In den restlichen Teilen der Humanoschale musste man auf Metall, Magie und poröses Pilz-Holz zurück greifen.
Als er endlich auf dem Kamm angekommen war, blickte Jerune in die hohe Eingangshalle, in der sich das Lager der Krateiner befand.
Machtvoll war Saarks Mentalmagie!
Ein Dutzend bewegungslose Körper lagen verstreut auf dem Boden. Es war niemand mehr bei Bewusstsein, der sie an ihrer Flucht hindern könnte.
Saark selbst gönnte sich keinen Triumph. Er rief Jerune zu: „Keine Zeit zu verlieren! Der Schlaf hält nicht ewig. Dort ist der Ausgang.“ Und er deutete auf ein schmales, hohes Portal, das am anderen Ende der Halle in die Felswand eingelassen war.
Jerune erkannte das Werk der Konstrukteure, der Erbauer der Verlieswelt.
Aus schwärzestem Ascheisen waren die Torflügel, überzogen mit dichten, filigranen Linien.
Natürlich, der Ausgang aus dem Dran Kadaar war durch Mustermagie gesichert, denn dieser Kerker war alt. Älter als Demos Kratein, 100 Höhlen und jedes menschliche Reich von Donjon.
Dieses Portal war nun seine Aufgabe. Hastig kletterte Jerune den Wall auf der anderen Seite herunter. Cor blieb dicht hinter ihm, wie ihm befohlen worden war.

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