Kapitel II: der Sturm (3)

Raue Befehle drangen durch das große Haupttor der Kugelhöhle zu den Insassen. Irgendwo wurden Kisten hin und her geschoben.
Jerune erwachte durch die Geräusche aus einem dämmrigen Schlaf. Von draußen nährten sich Schritte auf dem Planken. Saark war bereits wach und spähte durch die Tür.
„Verdammte Dämonenbrut,“ zischte er, „die wollen uns abholen.“
Jerune wurde schlagartig übel. Trotzdem gelang es ihm auf die wackligen Beine zu kommen. Sein Zellengenosse machte einen Schritt nach hinten. Dann flog auch schon die rostige Zellentür auf. Auf dem Gang sah Jerune einen ganzes Dutzend bewaffneter Wachen.
Ihre Galgenfrist war abgelaufen.

Mitten in der Halle hing der kolossale Eisenwächter. Als Jerune auf den Gang gestoßen wurde, bemerkte er, wie sich mehrere Speere auf der Oberfläche der Metallkugel in seine Richtung drehten.
„Vorwärts,“ knurrte der massige Krateiner, der das Kommando über den Trupp hatte. Mit kalter Genugtuung fügte er hinzu: “Ihr habt Pech, Jungs. Keine Absicherung für euch. Keine Sklavenmärkte, kein gemütlicher Dienst für die feinen Pinkel in Kardaraal.“
Ein anderer Wachmann fiel dem Anführer ins Wort: „Lass sie doch in Ruhe, Enarus. Du machst sie nur kirre. Die müssen doch gar nicht wissen, was passiert.“
„Du hältst deine Schnauze. Sorg‘ dafür, dass die Herren Zauberer Knebel in die Fresse kriegen!“ fauchte der Anführer zurück. „Ich hab lange genug in diesem Dreckloch rum gesessen und zugeschaut, wie der Laden vor die Hunde geht. Die Beiden kommen in die Schmerzdestille, dann geht’s endlich wieder vorwärts!“
Es geht nicht nur um meinen freien Willen. Sie wollen mich töten.
Während Saark wütend schnaufte und sich gegen die Griffe der Krateiner stemmte, war Jerune wie gelähmt. Der Große schrie seine Männer an: „Was steht ihr hier rum? Knebeln und Fesseln!“
Alle Beteiligten außer Jerune wussten, dass dieses der letzte kritische Augenblick war. Wenn die Magier sich nicht mehr bewegen und reden konnten, waren sie wehrlos – egal ob sie den Aether erreichen würden oder nicht.
Die Wachen zwangen die beiden todgeweihten Häftlinge auf die Planken.
Jerune blickte zu Saark hinüber und sah, wie dieser noch einmal versuchte, sich mit einer flinken Drehung zu befreien. Doch die Krateiner hatten jahrelange Erfahrung im Umgang mit ihren Insassen. Ein gezielter Tritt in den Rücken beendete Saarks Fluchtversuch genauso schnell, wie er begonnen hatte.


Jerune war nicht in der Lage, etwas ähnliches zu versuchen.
Die Angst vor der Absicherung hatte wie dunkler Höhlennebel über seiner Seele gehangen, aber nun kam alles noch schlimmer: Auslöschung. Tod.
Sterben musste jeder irgendwann, das war Jerune bewusst, seit er als Zehnjähriger Abschied von seinen Eltern in der Halle der Ahnen genommen hatte. Doch nun wurde ihm klar, dass sein Schicksal grausamer werden würde, als ein schneller Unfalltod.
Auch wenn er kein Experte auf dem Gebiet der entropischen Destillation war, so wusste er doch, dass dieser Vorgang nur funktionierte, wenn man einen Überfluss an Emotionen in der Seele des Opfers erzeugte. Und das funktionierte am schnellsten durch Folter.
Verzweifelt presste er seine Lippen zusammen, während die Wachen fluchend versuchten, ihn zu knebeln. Aber was würde das nützen?
Wozu das unvermeidbare Schicksal heraus zögern?
Auf dem schmutzigen Metallboden des Plankenganges, direkt vor seinen Augen war das Muster.
Gerade Stalas-Linien und komplexe Janoch-Pfade, die den Aether zum Eisenwächter leiteten. Klare Linien, berechenbar und zuverlässig.
Das Muster war nach dem Tod seiner Eltern zur sicheren Konstante in seinem Leben geworden. Lernen bedeutete Anerkennung in den Kreisen seiner Lehrer. Und schon bald hatte Jerune verstanden, dass die Beherrschung des Musters nicht nur Anerkennung sondern vor allem Wachstum bedeutete. Persönliches Wachstum und das Wachstum der Gemeinschaft. Aber nun war es so unerreichbar wie das äußere Universum.
Noch einmal das Muster berühren. Noch einmal den Geist in die Linien herabsinken lassen und über die filigranen Pfade aus chaotischer Ordnung und aus geordnetem Chaos wandern. Als die Wachen schließlich seine Kiefern auseinander zwängten, sog er die Luft kraftvoll ein und schrie ein letztes Mal den alten Namen heraus, mit dem sein Orden die Gänze des Musters von Donjon bezeichnete: „Quart Lardaal!“.
Natürlich rechnete Jerune in diesem letzten Augenblick nicht mit einer Reaktion.
Erstens war er wie alle Musterkundigen agnostisch erzogen worden, so dass ihm das Konzept eines erhörten Gebetes vollkommen fremd war.
Zweitens war durch die Konstruktion des Dran Kadaar absolut ausgeschlossen, dass er das Muster manipulieren konnte.
Und drittens reagierte der Ätherstrom nicht auf tumbes Gebrüll.
Trotzdem begann das Muster auf den Planken zu leuchten.
Die Linien auf dem Boden strahlten in blauem Licht und ein seltsames, fast unmerkliches Kribbeln lief über seine Haut.
Die Krateiner erstarrten und blickten sich staunend um…
Die gesamte Kugelhalle mitsamt des Eisenwächters in ihrer Mitte leuchtete in hellem Blau.
Und Jerune spürte das Muster.
Er spürte die feinen Linien auf dem Boden und auf den Wänden. Er spürte die Anordnung der Gänge, Räume und Wege um ihn herum.
Er spürte die Kugelkammer und den Eisenwächter als Mittelpunkt.
Die panische Stimme des dicken Anführers drang wie aus weiter Entfernung an sein Ohr: „Bei den göttlichen Rassen, das ist nicht möglich! Hier drin geht kein Zauber.“
Und natürlich hatte der Krateiner recht. Aber genau genommen war das, was um sie herum passierte, auch kein Zauber, sondern eine unkontrollierte Überlastung des Musters mit Aether.
Es war, als ob ein ganzer Ozean wahrend eines einzigen Herzschlags durch einen einzigen Strohhalm gepumpt werden sollte.
Jerune drehte sich rüber zu Saark. Auch der Aussenweltler hatte die plötzliche Aetherwelle gespürt. Als sich ihre Blicke trafen nickte er unmerklich zu Jerune herüber. Bevor jedoch einer der beiden etwas unternehmen konnte, schrie einer der Wachen: „Es ist der Linienkratzer!“ und riss Jerunes Kopf an den Haaren noch hinten.
„Stopf‘ ihm endlich den Knebel rein!“ erwiderte der Anführer und blickte sich ängstlich um.
Doch die Wachen kamen nicht mehr dazu, den Befehl auszuführen.
Ein tiefes Grollen hallte durch die riesige Kugelkammer und der gesamte Dran Kadaar erbebte.
Die Wachen ruderten mit den Armen, um Halt zu finden.
Und dann fegte ein Windstoss, der direkt aus dem Muster zu kommen schien, durch die Halle.
Jerune und Saark, die beide am Boden lagen, blieben von der Gewalt des Windes verschont. Die Wachen aber wurden wie Staub herum gewirbelt.
Die Hälfte des Trupps wurde mit dem ersten Stoss über das Geländer geweht und stürzte schreiend in die Tiefe der Halle. Der Rest klammerte sich panisch fest, wo man gerade Halt fand.
Die Kugelhalle verwandelte sich von einem Augenblick auf den anderen in eine heulendes Inferno.
Der Sturm tobte wie ein wütender Daemon, die Wachen schrien vor Angst und aus den umliegenden Zellen drang wütendes Geschrei.
Saark drehte sich auf die Seite, um die verbliebenen Wachen ins Blickfeld zu bekommen.
Jerune aber konnte sich unmöglich von dem Schauspiel lösen, dass im Muster direkt vor seinen Augen ablief. Denn noch immer leuchteten und pulsierten die Linien auf allen Wänden, Böden und Türen.
Seine Angst war vergessen. Ungläubig strich er mit seinen Fingern über die hellen Ornamente, während um ihn herum das Chaos tobte. Er entdeckte einige winzige Quodus Musterform, die dazu diente, von außen kommenden Aetherströme in das Muster hinein zu ziehen. Nichts beonderes eigentlich. In der Kugelhalle gab es davon eine Menge… Aber das Quodus-Segment glühte wesentlich heller als der Rest.
Irgend etwas oder irgend jemand war dabei, dass Muster des Dran Kadaar mit aetherischer Energie aufzuladen.
Falsch.
Es war keine Aufladung, sondern eine Überladung.

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