Der Sechste Sohn, oder ‚Von Seele, Aether und Wahnsinn‘

Pran war sich sicher, dass sein Meister dem Wahnsinn verfallen war.
Möglicherweise war der Wahnsinn ein unumgängliches Resultat der tiefergehendenden Beschäftigung mit den Wissenschaften der Magie. Auf jeden Fall hinderte sie Nakral, den Herren der Verwesung daran, der Aufgabe nachzukommen, seine drei Lehrlingen, Pundasha, Faranuul und Pran in die Künste der Zauberei und Nekromantie einzuführen. Pundasha, der älteste der drei verweilte jetzt schon seit fünf Jahren im Grauen Tempel und war noch nicht einmal in der Lage, eine Kerzenflamme mittels eines beschworenen Frosthauches zu verlöschen. Allerdings musste man dabei beachten, dass Pundasha wahrscheinlich auch nicht fähig wäre, eine Kerzenflamme zu verlöschen, wenn er direkt neben einem Wasserfall stehen würde.
Angewidert verzog Pran sein hageres Gesicht. Es war an der Zeit, dass Schicksal selber in die Hand zu nehmen. Er lag in seinem harten Bett in der Dunkelheit der nächtlichen Lehrlingsstube und lauschte dem Atmen seiner beiden Schicksalsgenossen. Seine Verwandten, allesamt geachtete Kaufleute aus dem Geschlecht der Weißen Menschen, würden sich mit Sicherheit nicht um Pran kümmern.Er war als sechster Sohn eines sechsten Sohnes geboren worden, was gemeinhin als übelstes aller Omen angesehen wurde.
Solche Nachkommen versuchte man schnell und elegant aus der Blutlinie zu entfernen. Eine besonders beliebte Methode war es, diese Art von Kindern als Lehrlinge in die Obhut des Grauen Tempels zu geben. Einerseits entfernte man den fluchbeladenen Sohn damit aus dem gesellschaftlichen Leben. Andererseits eröffnete man dem Jungen eine verheißungsvolle Laufbahn, denn die Totenzauberei stand an allen Orten in hohem Ansehen.
„Dazu müsste man allerdings die Chance haben, sie zu erlernen“, dachte sich Pran und schob seine Beine über den Bettrand. Leise wie eine Katze schlich er sich aus dem Schlafgemach, hinaus auf den mit schwelenden Lampen erleuchteten Gang. Er raffte das traditionelle schwarze Sackleinengewand zu seinen Knien hoch und trappelte durch die kalten Steinkorridore des Tempels in Richtung Bibliothek.
Als er an Nakrals Zimmer vorbeikam, hörte er das abnorme unrhythmische Gerassel, dass der Nekromant anstelle eines Atmens von sich gab. Alle paar Augenblicke krachte das Bettgestell. Wahrscheinlich fand der Alte nicht einmal im Schlaf Ruhe und fuchtelte spastisch mit seinen dürren Armen in den Laken herum. Unwillkürlich musste der Junge an die erste Lehrstunde denken, die er im Tempel erlebt hatte.
Nakral hatte seine drei Schüler im Labor der Heiligen Essenzen zusammengerufen, um die Praktik der Seelendestillierung zu demonstrieren. Ein höchst wichtiges Verfahren, mit dessen Hilfe sich flüssiges Chaos, auch bekannt als Entropie, erzeugen ließ. Entropie wiederum war eine der fundamentalsten Substanzen in der gesamten magischen Wissenschaft. „Ohne Entropie klappt es nie“ war ein Sprichwort, das längst auch den Weg in die Sprache des einfachen Volkes gefunden hatte. Dementsprechend verfügte der Graue Tempel über mehrere Eichenfässer der kostbaren Essenz. Nakral musste diese aber wohl gekauft haben. Eigenhändig destilliert hatte er die Entropie jedenfalls nicht, denn die besagte Demonstration hatte sich seinerzeit in ein vollkommenes Desaster verwandelt. Just in dem Augenblick, in dem der Meister das Opferschaf, das als Quelle dienen sollte, in den messingglänzenden Schmerz-Extraktor eingespannt hatte, war er von einem gierigen Schütteln befallen worden. Inkohärente Stöhnlaute hatten sich Nakrals Kehle entrungen und mit einem Satz war er in den arkanen Zirkel gesprungen, von dem aus die Zeremonie kontrolliert wurde. Die Finger spinnenhaft gespreizt, hatte Nakral die notwendige nekromantische Incantation herausgeheult und dabei die gesamte arkane Energie des Zaubers mit einem Schlag in den Schmerz-Extraktor geleitet. Die Leitungen des Extraktors hatten aufgeglüht, dem Opferschaf evaporierte erst das Fell, dann Augen, Zunge und Fleisch und wenige Momente später das verbliebene Skelett. Ein Vorgang, der normalerweise mehrere Stunden dauern sollte, hatte sich innerhalb eines einzigen Herzschlages vollzogen. Das Tier hatte nicht einmal genug Zeit gehabt, um erschreckt aufzublöken. In die grosse Auffangschüssel tropfte ein winziger schillernder Tropfen Entropie, der sofort zischend verdampfte, als er auf das überhitzte Metall traf.
Seufzend setzte Pran seinen Weg durch den finsteren Tempel fort.
Endlich erreichte er die schwere, schwarze Rauchholztür der Bibliothek und schob sie entschlossen auf. Zielstrebig marschierte der Junge zu den Büchern über magische Philosophie herüber. Wer die Grundlagen nicht verstand, konnte nicht darauf hoffen, die höheren Weihen der Zauberei je zu erlangen. Und insbesondere der theoretische Unterricht von Nakral ließ zu wünschen über. In einem chaotischen Stapel von Folianten entdeckte Pran schließlich Meister Jorandors ‚Manual der Seelischen Energien‘, das wichtigste Buch über die Funktionsweise der Magie, das je geschrieben worden war. Natürlich befand sich im Besitz des Grauen Tempels nicht irgendeine anonyme Kopie, sondern die vierte Abschrift von Timshurel, Jorandors größtem Schüler. Pran beneidete Timshurel aus tiefster Seele um dessen berühmten und kundigen Lehrer, als er die alten, gelblichen Seiten aufschlug. Im Grauen Tempel musste man sich die einfachsten Grundlagen selber erschließen.
Prans Finger fuhren über die fast verblichenen Tintenlettern, bis er schließlich bei einer prächtigen ganzseitigen Illustration angelangte.
„Das Gesamtbild des Bewusstseins der denkenden Wesen,“ murmelte er in sanfter Ehrfurcht.
Das Bild bestand im wesentlichen aus zwei konzentrischen Kreisen. Der innere, der mit unruhigen, kraftgeladenen Runen angefüllt war, stellte die Seele dar. Pran zeichnete mit dem Zeigefinger die Kreislinie nach und flüsterte kaum hörbar: „Energie.“
Denn die Seele war der Sitz des Chaos und damit die Quelle der instinktiven magischen Begabung in jedem belebten Ding. Der äußere Kreis hingegen stellte die Erinnerung dar, also den Sitz der Ordnung. Auch mit Hilfe der Erinnerung war es möglich Magie zu wirken. Mit geschürzten Lippen studierte Pran die geordneten Zeichenketten des äusseren Kreises. Diese Art der Zauberei erschien ihm verständlicher und auch wesentlich beherrschbarer zu sein.
Vorsichtig blätterte der heimliche Schüler ein Paar Seiten weiter. Hier begannen die wirklich interessanten Ausführungen: die Texte über die Trennungen von Seele, Erinnerung und Körper. Ein sanfter Schauer lief seinen Rücken herunter, als er die warnenden Worte las, die die ‚Unheilige Erste Trennung‘ beschrieben: die Entfernung der Seele aus dem Körper. Das Ergebnis dieses Vorganges war natürlich immer ein untoter Leib, oder besser gesagt ein ‚Seelenloser‘. Je nachdem, wie schwer die Erinnerung dabei beschädigt wurde, hatte man es hinterher mit einem hirnlosen Zombie oder aber einem hinterlistigen Ghul zu tun. Wenigstens für die unheilige ‚Erste Trennung‘ schien der alte Nakral Talent zu haben, denn im Grauen Tempel wimmelte es von Seelenlosen. Der Meister hielt sie sich als stumme Diener, Boten, Kutschfahrer, Arbeiter. Nur als Köche nahm man sie ungern. Der Gedanke, dass das eigene Mahl von toten Fingern zubereitet worden war, schreckte die meisten Lebenden ab.
Die Seelenlosen des Grauen Tempels waren leicht an den Narben und fehlenden Gliedmassen zu erkennen, die von Nakrals ungestümen Ausbrüchen herrührten. Besonders die Finger zeichneten sich durch Unvollständigkeit aus. Jedes Mal wenn einer der ungelenken Kerle einen Fehler beim Servieren machte, hackte der Nekromant mit seinem scharfen Besteckmesser zu. Irgendwann waren dann alle Finger weg und der Seelenlose verschwand für immer im Krematorium des Tempels.
Pran schlug die nächste Seite auf. Hier ging es um die ‚Zweite Unheilige Trennung‘: die Loslösung der Erinnerung aus dem Körper. Komplexe arkanistische Diagramme beschrieben, unter welchen Bedingungen eine vereinzelte Seele ausserhalb der Körpers existieren konnte. Meist war ein fürchterliches traumatisches Todeserlebnis für diese Trennung verantwortlich, was dazu führte, dass sich die Erinnerung im Alles Umfließenden Aether einprägte und so zu einem körperlosen Geist wurde.
Geister waren leider zu starrsinnig, um sie gleichfalls als Diener zu nutzen. Genau genommen waren sie vollkommen unkontrollierbar, denn sie waren auf die eine oder andere Art an das schreckliche Ereignis gebunden, dass einst die Trennung verursacht hatte.
Die Stirn gerunzelt, lehnte sich Pran auf seinem Lesehocker zurück. Die Ausführungen über den Allumfließenden Aether interessierten ihn brennend. Leider ging Meister Jorandors Meisterwerk jetzt zur Beschreibung der ‚Dritten Trennung‘ über, bei der eine vereinzelte Erinnerung in einen künstlichen Körper gebunden wurde, um einen Golem zu erschaffen. Welche Art von Geiferanfall eine Frage zum Thema Aether beim alten Nakral auslösen würde, wollte sich Pran nur ungern ausmalen. Also blickte er sich um nach weiter führender Literatur.
In einem hohen Regal aus silbrig grauem Holz entdeckte er endlich die Schriften des Cestonius, in denen das Zusammenspiel zwischen Magie und Aether genauestens beschrieben wurden.
Laut Cestonius war der Allumfließende Aether eine kalte, dünne und höchst energiearme Substanz, die an jedem Punkt des Universums unsichtbar vorhanden war. Der Aether reagierte stark auf die Regungen der reinen seelischen Energie und ließ sich so in seine elementaren Bestandteile Feuer, Wasser, Erde und Luft aufteilen. Aber auch durch Zaubersprüche und Formeln, also durch Ordnungsmagie aus dem Kreis der Erinnerung, konnte er beeinflusst werden.
Es folgte eine lange Liste von grundlegenden Zauberworten, die Pran begierig wie ein Schwamm aufsog. Es waren einfache aber effektive Zauber und der Junge konnte nicht widerstehen, das Gelernte auszuprobieren.
Er ließ gleißendes Licht in der Dunkelheit leuchten. Er beschwor Regenwolken und setzte die Bibliothek damit beinahe unter Wasser. Doch eine mühelos erzeugte Flammenkugel trocknete die Feuchtigkeit im Handumdrehen. Blitze zuckten an den Regalen entlang und tanzender Schnee wirbelte über die Lesetische. Der junge Pran frohlockte, denn er hatte eindeutig Talent für das Handwerk der Zaubererei.
Er praktizierte die Auftrennung des Aethers in seine elementaren Bestandteile noch eine ganze Weile, bis ihm schließlich vor Erschöpfung die Augen zufielen. Müde und glücklich schlief er kurz vor Morgengrauen in seinem Bett ein.
Die nächsten Tage waren die glücklichsten, seit er den Tempel betreten hatte.
Tagsüber versuchte er allen Launen seines Meisters aus dem Weg zu gehen und nachts studierte er heimlich die Wege der Magie. Er vertiefte seine Kenntnisse in den Trennungen des Aethers in die verschiedenen Elemente und übte sich in den entsprechenden Zauberformeln zur Lenkung dieser gefährlichen Kräfte.
Genau dreizehn Tage aber nach seinem ersten nächtlichen Besuch in der Bibliothek ereignete sich ein unangenehmer Zwischenfall, der Pran schließlich zum Umdenken zwang.
Da alle Seelenlosen mit der Ausrichtung des Festes der ‚Geheiligten Mortalität‘ beschäftigt waren, hatte Meister Nakral Pundasha, dem ersten Lehrling, befohlen, den großen Hauptkessel zu reinigen, wozu dieser den ganzen Nachmittag benötigte. In der Zwischenzeit aber, hatte Nakral von einem reisenden Händler äußerst seltene arkane Zutaten erstanden, die er natürlich sofort in einen zauberkräftigen Trank verwandeln wollte. Also stürzte der Meister in die grosse Kochhalle, öffnete die Zuleitung für siedendes Öl und kochenden Essig und frittierte den armen Pundasha, der sich noch im Kessel befand.
Berührt von familiären Gefühlen, versuchte Nakral zwar noch, den Leib des Lehrlings in einen Seelenlosen zu verwandeln, aber da sich das halbgare Fleisch als zu weich erwies, verschwanden Pundashas Reste für immer im Krematorium.
Durch den Tod seines Genossen, wurde Pran schlagartig klar, dass jeder der Lehrlinge in direkter Gefahr für Leib und Leben schwebte. Das ihm bisher nichts schreckliches widerfahren war, glich eher einem glücklichen Zufall. Außerdem mussten die beiden verbliebenen Lehrlinge, die Arbeiten des Verstobenen übernehmen, was die Gefahren zusätzlich erhöhte.
Pran beschloss deshalb, so bald wie möglich zu fliehen. Er war sich inzwischen auch sicher, dass Meister Nakral ein absoluter Stümper war. Je mehr Pran von den arkanen Theorien begriff, desto lächerlicher erschien ihm der alte Nakral.
Es waren nur noch wenige Fragen, auf die er Antworten suchte und Pran entschied sich deshalb, der Bibliothek einen letzten Besuch abzustatten, bevor er den Tempel verlassen würde.
Er schnürte am Abend seine wenigen Habseligkeiten zu einem Bündel zusammen. Dann besorgte er sich im Keller des Tempels einen groben Leinensack, denn sein Plan war es, die wichtigsten Bücher aus den Klauen des Wahnsinnigen zu retten und sie mit auf seine Flucht zu nehmen. Etwas Lektüre auf der Reise konnte nie schaden.
Ein letztes Mal schlich Pran durch die kalten Gänge aus schweigendem grauen Stein.
Vorsichtig schritt er die Bücherregale entlang auf der Suche nach den wertvollsten Folianten. Misharas Werk über die Vorhersage der Zukunft mittels der Analyse der Aetherströmungen wanderte in seinen Sack. Die Rollen von Vaurius Thar und das verbotene ‚Buch der Gewaltigen Beschwörungsmacht‘ ebenfalls. Gerade als seine Hand nach der ‚Sammlung der Wirkungsvollsten Formeln zu Erzeugung des Verdichteten Aethers‘ griff, schlug die Tür der Bibliothek auf.
Nakral stand auf der Schwelle, sein dürrer Leib gekleidet in ein mit arkanen Zeichen besticktes Nachthemd, sein Angesicht verzerrt von der Fratze des Wahnsinns.
„Du stielst meine Bücher,“ stieß der Herr der Verwesung voller Verachtung hervor. Pran ließ langsam die Hand sinken. Ein Kampf schien unvermeidlich. Er fixierte seinen alten, habnackten Meister und antwortete mit kalter Stimme:
„Ich hole mir nur, was mir zusteht. Ich bin euer Lehrling. Auch wenn es euch egal sein mag, eure Pflicht ist es, euer Wissen weiter zu geben. Da ihr das nicht getan habt, habe ich mir die Kunst der Zauberei selber gelehrt. Doch nun ist meine Lehrzeit vorbei und die Bücher werde ich als Arbeitslohn mit auf Wanderschaft nehmen.“ Statt zu antworten begann Nakral unkontrolliert zu kichern. Pran kniff erstaunt die Augen zusammen, beschloss aber abzuwarten.
Nachdem sich der Alte wieder beruhigt hatte, antwortete er dem Lehrling mit triefendem Hohn:
„Du hast dir die Zauberei selber gelehrt? Etwa hier aus diesen Büchern?“ Pran nickte nur, hatte aber den Hochmut deutlich im Gesicht geschrieben. Und noch während Nakral ihn weiter verspottete hob er langsam die Hände und bereitete sich auf den Beginn des Zauberduells vor. Sein Meister aber sprach:
„Magie, Junge, kann man nicht lernen. Du musst sie im Blut haben. In deinen Eingeweiden muss sie rumoren, bis sie eines Tages unhaltbar hervorbricht. Meine Aufgabe als Meister des Grauen Tempels ist es, die Spreu vom Weizen zu trennen und meine Methoden sind dabei höchst wirkungsvoll. In dir hatte ich bereits ein grosses Talent gesehen, doch du hast dich immer wieder vor der Arbeit gedrückt. Um dich genauer in Augenschein zu nehmen, musste ich ein wenig Spreu aus dem Sieb nehmen. Ich habe die Anzahl der Lehrlinge also etwas verkleinert.“ Zischend viel im Pran ins Wort:
„Ihr seid ein Mörder!“ Und ohne weiter zu zögern, incantierte er die Formel zur Trennung des Aethers in flammendes Feuer. Magie pulsierte durch seine Adern. Machtvoll und stark durch seinen Zorn bahnte sie sich einen Weg aus seinen Händen und setzte die Luft um Nakral herum in Brandt. Dieser jedoch hob nur die linke Hand und ließ die Flammen mühelos verlöschen.
„Und du bist ein Dieb, Pran. Und ein Anfänger, der noch viel zu lernen hätte. Aber dazu wird es niemals kommen.“
Pran schloss voller Konzentration die Augen und suchte nach einer Möglichkeit, seinen Meister zu überraschen, um so einen Vorteil im Kampf zu erlangen. Hinter dem Rücken des Meisters auf dem Gang spürte er die taube Präsens eines Seelenlosen, den Nakral wohl als Verstärkung mitgebracht hatte. Blitzschnell ergriff sein Geist Besitz von dem willenlosen Körper und zwang den Zombie dazu, das Schlachterbeil an seinem Gürtel zu nehmen, um den faselnden Meister der Verwesung niederzustrecken.
Doch dieser ahnte den hinterhältigen Hieb und sprang behände zur Seite, ohne auch nur nach hinten zu blicken. Mit welchen Sinnen Nakral den Angriff gespürt haben mochte, blieb für den schockierten Pran ein Rätsel. Sein Meister heulte nun in hellstem Wahnsinn, so dass dessen Stimme für den panisch erstarrten Jungen kaum verständlich war.
„Es ist die Seele Pran, verstehst du? Dort sitzt das Talent! Dort sitzt das Chaos! Dort sitzt die Magie! Meine Aufgabe ist es, sie in den Lehrlingen zu entzünden. Sie muss brennen, verstehst Du? Brennen!“
Die Luft um Nakral flimmerte, als sich der Allumfließende Aether um ihn herum zu tausend spitzen Nadeln verdichtete, allesamt auf Prans Herz gerichtet. Der Lehrling blickte voller Faszination auf das Schauspiel und erkannte mit kaltem Schauder, dass keiner seiner schwächlichen Schutzzauber ausreichen konnte, um diesem Angriff stand zu halten.
Und als der Meister der Verwesung die Incantation schließlich vollendete, strahlte seine Seele so hell und klar, dass selbst Pran verstand, dass der Wahnsinn nicht aus der Magie resultierte, sondern die Magie aus dem Wahnsinn.Pran war sich sicher, dass sein Meister dem Wahnsinn verfallen war.
Möglicherweise war der Wahnsinn ein unumgängliches Resultat der tiefergehendenden Beschäftigung mit den Wissenschaften der Magie. Auf jeden Fall hinderte sie Nakral, den Herren der Verwesung daran, der Aufgabe nachzukommen, seine drei Lehrlingen, Pundasha, Faranuul und Pran in die Künste der Zauberei und Nekromantie einzuführen. Pundasha, der älteste der drei verweilte jetzt schon seit fünf Jahren im Grauen Tempel und war noch nicht einmal in der Lage, eine Kerzenflamme mittels eines beschworenen Frosthauches zu verlöschen. Allerdings musste man dabei beachten, dass Pundasha wahrscheinlich auch nicht fähig wäre, eine Kerzenflamme zu verlöschen, wenn er direkt neben einem Wasserfall stehen würde.
Angewidert verzog Pran sein hageres Gesicht. Es war an der Zeit, dass Schicksal selber in die Hand zu nehmen. Er lag in seinem harten Bett in der Dunkelheit der nächtlichen Lehrlingsstube und lauschte dem Atmen seiner beiden Schicksalsgenossen. Seine Verwandten, allesamt geachtete Kaufleute aus dem Geschlecht der Weißen Menschen, würden sich mit Sicherheit nicht um Pran kümmern.Er war als sechster Sohn eines sechsten Sohnes geboren worden, was gemeinhin als übelstes aller Omen angesehen wurde.
Solche Nachkommen versuchte man schnell und elegant aus der Blutlinie zu entfernen. Eine besonders beliebte Methode war es, diese Art von Kindern als Lehrlinge in die Obhut des Grauen Tempels zu geben. Einerseits entfernte man den fluchbeladenen Sohn damit aus dem gesellschaftlichen Leben. Andererseits eröffnete man dem Jungen eine verheißungsvolle Laufbahn, denn die Totenzauberei stand an allen Orten in hohem Ansehen.
„Dazu müsste man allerdings die Chance haben, sie zu erlernen“, dachte sich Pran und schob seine Beine über den Bettrand. Leise wie eine Katze schlich er sich aus dem Schlafgemach, hinaus auf den mit schwelenden Lampen erleuchteten Gang. Er raffte das traditionelle schwarze Sackleinengewand zu seinen Knien hoch und trappelte durch die kalten Steinkorridore des Tempels in Richtung Bibliothek.
Als er an Nakrals Zimmer vorbeikam, hörte er das abnorme unrhythmische Gerassel, dass der Nekromant anstelle eines Atmens von sich gab. Alle paar Augenblicke krachte das Bettgestell. Wahrscheinlich fand der Alte nicht einmal im Schlaf Ruhe und fuchtelte spastisch mit seinen dürren Armen in den Laken herum. Unwillkürlich musste der Junge an die erste Lehrstunde denken, die er im Tempel erlebt hatte.
Nakral hatte seine drei Schüler im Labor der Heiligen Essenzen zusammengerufen, um die Praktik der Seelendestillierung zu demonstrieren. Ein höchst wichtiges Verfahren, mit dessen Hilfe sich flüssiges Chaos, auch bekannt als Entropie, erzeugen ließ. Entropie wiederum war eine der fundamentalsten Substanzen in der gesamten magischen Wissenschaft. „Ohne Entropie klappt es nie“ war ein Sprichwort, das längst auch den Weg in die Sprache des einfachen Volkes gefunden hatte. Dementsprechend verfügte der Graue Tempel über mehrere Eichenfässer der kostbaren Essenz. Nakral musste diese aber wohl gekauft haben. Eigenhändig destilliert hatte er die Entropie jedenfalls nicht, denn die besagte Demonstration hatte sich seinerzeit in ein vollkommenes Desaster verwandelt. Just in dem Augenblick, in dem der Meister das Opferschaf, das als Quelle dienen sollte, in den messingglänzenden Schmerz-Extraktor eingespannt hatte, war er von einem gierigen Schütteln befallen worden. Inkohärente Stöhnlaute hatten sich Nakrals Kehle entrungen und mit einem Satz war er in den arkanen Zirkel gesprungen, von dem aus die Zeremonie kontrolliert wurde. Die Finger spinnenhaft gespreizt, hatte Nakral die notwendige nekromantische Incantation herausgeheult und dabei die gesamte arkane Energie des Zaubers mit einem Schlag in den Schmerz-Extraktor geleitet. Die Leitungen des Extraktors hatten aufgeglüht, dem Opferschaf evaporierte erst das Fell, dann Augen, Zunge und Fleisch und wenige Momente später das verbliebene Skelett. Ein Vorgang, der normalerweise mehrere Stunden dauern sollte, hatte sich innerhalb eines einzigen Herzschlages vollzogen. Das Tier hatte nicht einmal genug Zeit gehabt, um erschreckt aufzublöken. In die grosse Auffangschüssel tropfte ein winziger schillernder Tropfen Entropie, der sofort zischend verdampfte, als er auf das überhitzte Metall traf.
Seufzend setzte Pran seinen Weg durch den finsteren Tempel fort.
Endlich erreichte er die schwere, schwarze Rauchholztür der Bibliothek und schob sie entschlossen auf. Zielstrebig marschierte der Junge zu den Büchern über magische Philosophie herüber. Wer die Grundlagen nicht verstand, konnte nicht darauf hoffen, die höheren Weihen der Zauberei je zu erlangen. Und insbesondere der theoretische Unterricht von Nakral ließ zu wünschen über. In einem chaotischen Stapel von Folianten entdeckte Pran schließlich Meister Jorandors ‚Manual der Seelischen Energien‘, das wichtigste Buch über die Funktionsweise der Magie, das je geschrieben worden war. Natürlich befand sich im Besitz des Grauen Tempels nicht irgendeine anonyme Kopie, sondern die vierte Abschrift von Timshurel, Jorandors größtem Schüler. Pran beneidete Timshurel aus tiefster Seele um dessen berühmten und kundigen Lehrer, als er die alten, gelblichen Seiten aufschlug. Im Grauen Tempel musste man sich die einfachsten Grundlagen selber erschließen.
Prans Finger fuhren über die fast verblichenen Tintenlettern, bis er schließlich bei einer prächtigen ganzseitigen Illustration angelangte.
„Das Gesamtbild des Bewusstseins der denkenden Wesen,“ murmelte er in sanfter Ehrfurcht.
Das Bild bestand im wesentlichen aus zwei konzentrischen Kreisen. Der innere, der mit unruhigen, kraftgeladenen Runen angefüllt war, stellte die Seele dar. Pran zeichnete mit dem Zeigefinger die Kreislinie nach und flüsterte kaum hörbar: „Energie.“
Denn die Seele war der Sitz des Chaos und damit die Quelle der instinktiven magischen Begabung in jedem belebten Ding. Der äußere Kreis hingegen stellte die Erinnerung dar, also den Sitz der Ordnung. Auch mit Hilfe der Erinnerung war es möglich Magie zu wirken. Mit geschürzten Lippen studierte Pran die geordneten Zeichenketten des äusseren Kreises. Diese Art der Zauberei erschien ihm verständlicher und auch wesentlich beherrschbarer zu sein.
Vorsichtig blätterte der heimliche Schüler ein Paar Seiten weiter. Hier begannen die wirklich interessanten Ausführungen: die Texte über die Trennungen von Seele, Erinnerung und Körper. Ein sanfter Schauer lief seinen Rücken herunter, als er die warnenden Worte las, die die ‚Unheilige Erste Trennung‘ beschrieben: die Entfernung der Seele aus dem Körper. Das Ergebnis dieses Vorganges war natürlich immer ein untoter Leib, oder besser gesagt ein ‚Seelenloser‘. Je nachdem, wie schwer die Erinnerung dabei beschädigt wurde, hatte man es hinterher mit einem hirnlosen Zombie oder aber einem hinterlistigen Ghul zu tun. Wenigstens für die unheilige ‚Erste Trennung‘ schien der alte Nakral Talent zu haben, denn im Grauen Tempel wimmelte es von Seelenlosen. Der Meister hielt sie sich als stumme Diener, Boten, Kutschfahrer, Arbeiter. Nur als Köche nahm man sie ungern. Der Gedanke, dass das eigene Mahl von toten Fingern zubereitet worden war, schreckte die meisten Lebenden ab.
Die Seelenlosen des Grauen Tempels waren leicht an den Narben und fehlenden Gliedmassen zu erkennen, die von Nakrals ungestümen Ausbrüchen herrührten. Besonders die Finger zeichneten sich durch Unvollständigkeit aus. Jedes Mal wenn einer der ungelenken Kerle einen Fehler beim Servieren machte, hackte der Nekromant mit seinem scharfen Besteckmesser zu. Irgendwann waren dann alle Finger weg und der Seelenlose verschwand für immer im Krematorium des Tempels.
Pran schlug die nächste Seite auf. Hier ging es um die ‚Zweite Unheilige Trennung‘: die Loslösung der Erinnerung aus dem Körper. Komplexe arkanistische Diagramme beschrieben, unter welchen Bedingungen eine vereinzelte Seele ausserhalb der Körpers existieren konnte. Meist war ein fürchterliches traumatisches Todeserlebnis für diese Trennung verantwortlich, was dazu führte, dass sich die Erinnerung im Alles Umfließenden Aether einprägte und so zu einem körperlosen Geist wurde.
Geister waren leider zu starrsinnig, um sie gleichfalls als Diener zu nutzen. Genau genommen waren sie vollkommen unkontrollierbar, denn sie waren auf die eine oder andere Art an das schreckliche Ereignis gebunden, dass einst die Trennung verursacht hatte.
Die Stirn gerunzelt, lehnte sich Pran auf seinem Lesehocker zurück. Die Ausführungen über den Allumfließenden Aether interessierten ihn brennend. Leider ging Meister Jorandors Meisterwerk jetzt zur Beschreibung der ‚Dritten Trennung‘ über, bei der eine vereinzelte Erinnerung in einen künstlichen Körper gebunden wurde, um einen Golem zu erschaffen. Welche Art von Geiferanfall eine Frage zum Thema Aether beim alten Nakral auslösen würde, wollte sich Pran nur ungern ausmalen. Also blickte er sich um nach weiter führender Literatur.
In einem hohen Regal aus silbrig grauem Holz entdeckte er endlich die Schriften des Cestonius, in denen das Zusammenspiel zwischen Magie und Aether genauestens beschrieben wurden.
Laut Cestonius war der Allumfließende Aether eine kalte, dünne und höchst energiearme Substanz, die an jedem Punkt des Universums unsichtbar vorhanden war. Der Aether reagierte stark auf die Regungen der reinen seelischen Energie und ließ sich so in seine elementaren Bestandteile Feuer, Wasser, Erde und Luft aufteilen. Aber auch durch Zaubersprüche und Formeln, also durch Ordnungsmagie aus dem Kreis der Erinnerung, konnte er beeinflusst werden.
Es folgte eine lange Liste von grundlegenden Zauberworten, die Pran begierig wie ein Schwamm aufsog. Es waren einfache aber effektive Zauber und der Junge konnte nicht widerstehen, das Gelernte auszuprobieren.
Er ließ gleißendes Licht in der Dunkelheit leuchten. Er beschwor Regenwolken und setzte die Bibliothek damit beinahe unter Wasser. Doch eine mühelos erzeugte Flammenkugel trocknete die Feuchtigkeit im Handumdrehen. Blitze zuckten an den Regalen entlang und tanzender Schnee wirbelte über die Lesetische. Der junge Pran frohlockte, denn er hatte eindeutig Talent für das Handwerk der Zaubererei.
Er praktizierte die Auftrennung des Aethers in seine elementaren Bestandteile noch eine ganze Weile, bis ihm schließlich vor Erschöpfung die Augen zufielen. Müde und glücklich schlief er kurz vor Morgengrauen in seinem Bett ein.
Die nächsten Tage waren die glücklichsten, seit er den Tempel betreten hatte.
Tagsüber versuchte er allen Launen seines Meisters aus dem Weg zu gehen und nachts studierte er heimlich die Wege der Magie. Er vertiefte seine Kenntnisse in den Trennungen des Aethers in die verschiedenen Elemente und übte sich in den entsprechenden Zauberformeln zur Lenkung dieser gefährlichen Kräfte.
Genau dreizehn Tage aber nach seinem ersten nächtlichen Besuch in der Bibliothek ereignete sich ein unangenehmer Zwischenfall, der Pran schließlich zum Umdenken zwang.
Da alle Seelenlosen mit der Ausrichtung des Festes der ‚Geheiligten Mortalität‘ beschäftigt waren, hatte Meister Nakral Pundasha, dem ersten Lehrling, befohlen, den großen Hauptkessel zu reinigen, wozu dieser den ganzen Nachmittag benötigte. In der Zwischenzeit aber, hatte Nakral von einem reisenden Händler äußerst seltene arkane Zutaten erstanden, die er natürlich sofort in einen zauberkräftigen Trank verwandeln wollte. Also stürzte der Meister in die grosse Kochhalle, öffnete die Zuleitung für siedendes Öl und kochenden Essig und frittierte den armen Pundasha, der sich noch im Kessel befand.
Berührt von familiären Gefühlen, versuchte Nakral zwar noch, den Leib des Lehrlings in einen Seelenlosen zu verwandeln, aber da sich das halbgare Fleisch als zu weich erwies, verschwanden Pundashas Reste für immer im Krematorium.
Durch den Tod seines Genossen, wurde Pran schlagartig klar, dass jeder der Lehrlinge in direkter Gefahr für Leib und Leben schwebte. Das ihm bisher nichts schreckliches widerfahren war, glich eher einem glücklichen Zufall. Außerdem mussten die beiden verbliebenen Lehrlinge, die Arbeiten des Verstobenen übernehmen, was die Gefahren zusätzlich erhöhte.
Pran beschloss deshalb, so bald wie möglich zu fliehen. Er war sich inzwischen auch sicher, dass Meister Nakral ein absoluter Stümper war. Je mehr Pran von den arkanen Theorien begriff, desto lächerlicher erschien ihm der alte Nakral.
Es waren nur noch wenige Fragen, auf die er Antworten suchte und Pran entschied sich deshalb, der Bibliothek einen letzten Besuch abzustatten, bevor er den Tempel verlassen würde.
Er schnürte am Abend seine wenigen Habseligkeiten zu einem Bündel zusammen. Dann besorgte er sich im Keller des Tempels einen groben Leinensack, denn sein Plan war es, die wichtigsten Bücher aus den Klauen des Wahnsinnigen zu retten und sie mit auf seine Flucht zu nehmen. Etwas Lektüre auf der Reise konnte nie schaden.
Ein letztes Mal schlich Pran durch die kalten Gänge aus schweigendem grauen Stein.
Vorsichtig schritt er die Bücherregale entlang auf der Suche nach den wertvollsten Folianten. Misharas Werk über die Vorhersage der Zukunft mittels der Analyse der Aetherströmungen wanderte in seinen Sack. Die Rollen von Vaurius Thar und das verbotene ‚Buch der Gewaltigen Beschwörungsmacht‘ ebenfalls. Gerade als seine Hand nach der ‚Sammlung der Wirkungsvollsten Formeln zu Erzeugung des Verdichteten Aethers‘ griff, schlug die Tür der Bibliothek auf.
Nakral stand auf der Schwelle, sein dürrer Leib gekleidet in ein mit arkanen Zeichen besticktes Nachthemd, sein Angesicht verzerrt von der Fratze des Wahnsinns.
„Du stielst meine Bücher,“ stieß der Herr der Verwesung voller Verachtung hervor. Pran ließ langsam die Hand sinken. Ein Kampf schien unvermeidlich. Er fixierte seinen alten, habnackten Meister und antwortete mit kalter Stimme:
„Ich hole mir nur, was mir zusteht. Ich bin euer Lehrling. Auch wenn es euch egal sein mag, eure Pflicht ist es, euer Wissen weiter zu geben. Da ihr das nicht getan habt, habe ich mir die Kunst der Zauberei selber gelehrt. Doch nun ist meine Lehrzeit vorbei und die Bücher werde ich als Arbeitslohn mit auf Wanderschaft nehmen.“ Statt zu antworten begann Nakral unkontrolliert zu kichern. Pran kniff erstaunt die Augen zusammen, beschloss aber abzuwarten.
Nachdem sich der Alte wieder beruhigt hatte, antwortete er dem Lehrling mit triefendem Hohn:
„Du hast dir die Zauberei selber gelehrt? Etwa hier aus diesen Büchern?“ Pran nickte nur, hatte aber den Hochmut deutlich im Gesicht geschrieben. Und noch während Nakral ihn weiter verspottete hob er langsam die Hände und bereitete sich auf den Beginn des Zauberduells vor. Sein Meister aber sprach:
„Magie, Junge, kann man nicht lernen. Du musst sie im Blut haben. In deinen Eingeweiden muss sie rumoren, bis sie eines Tages unhaltbar hervorbricht. Meine Aufgabe als Meister des Grauen Tempels ist es, die Spreu vom Weizen zu trennen und meine Methoden sind dabei höchst wirkungsvoll. In dir hatte ich bereits ein grosses Talent gesehen, doch du hast dich immer wieder vor der Arbeit gedrückt. Um dich genauer in Augenschein zu nehmen, musste ich ein wenig Spreu aus dem Sieb nehmen. Ich habe die Anzahl der Lehrlinge also etwas verkleinert.“ Zischend viel im Pran ins Wort:
„Ihr seid ein Mörder!“ Und ohne weiter zu zögern, incantierte er die Formel zur Trennung des Aethers in flammendes Feuer. Magie pulsierte durch seine Adern. Machtvoll und stark durch seinen Zorn bahnte sie sich einen Weg aus seinen Händen und setzte die Luft um Nakral herum in Brandt. Dieser jedoch hob nur die linke Hand und ließ die Flammen mühelos verlöschen.
„Und du bist ein Dieb, Pran. Und ein Anfänger, der noch viel zu lernen hätte. Aber dazu wird es niemals kommen.“
Pran schloss voller Konzentration die Augen und suchte nach einer Möglichkeit, seinen Meister zu überraschen, um so einen Vorteil im Kampf zu erlangen. Hinter dem Rücken des Meisters auf dem Gang spürte er die taube Präsens eines Seelenlosen, den Nakral wohl als Verstärkung mitgebracht hatte. Blitzschnell ergriff sein Geist Besitz von dem willenlosen Körper und zwang den Zombie dazu, das Schlachterbeil an seinem Gürtel zu nehmen, um den faselnden Meister der Verwesung niederzustrecken.
Doch dieser ahnte den hinterhältigen Hieb und sprang behände zur Seite, ohne auch nur nach hinten zu blicken. Mit welchen Sinnen Nakral den Angriff gespürt haben mochte, blieb für den schockierten Pran ein Rätsel. Sein Meister heulte nun in hellstem Wahnsinn, so dass dessen Stimme für den panisch erstarrten Jungen kaum verständlich war.
„Es ist die Seele Pran, verstehst du? Dort sitzt das Talent! Dort sitzt das Chaos! Dort sitzt die Magie! Meine Aufgabe ist es, sie in den Lehrlingen zu entzünden. Sie muss brennen, verstehst Du? Brennen!“
Die Luft um Nakral flimmerte, als sich der Allumfließende Aether um ihn herum zu tausend spitzen Nadeln verdichtete, allesamt auf Prans Herz gerichtet. Der Lehrling blickte voller Faszination auf das Schauspiel und erkannte mit kaltem Schauder, dass keiner seiner schwächlichen Schutzzauber ausreichen konnte, um diesem Angriff stand zu halten.
Und als der Meister der Verwesung die Incantation schließlich vollendete, strahlte seine Seele so hell und klar, dass selbst Pran verstand, dass der Wahnsinn nicht aus der Magie resultierte, sondern die Magie aus dem Wahnsinn.
Pran war sich sicher, dass sein Meister dem Wahnsinn verfallen war.
Möglicherweise war der Wahnsinn ein unumgängliches Resultat der tiefergehendenden Beschäftigung mit den Wissenschaften der Magie. Auf jeden Fall hinderte sie Nakral, den Herren der Verwesung daran, der Aufgabe nachzukommen, seine drei Lehrlingen, Pundasha, Faranuul und Pran in die Künste der Zauberei und Nekromantie einzuführen. Pundasha, der älteste der drei verweilte jetzt schon seit fünf Jahren im Grauen Tempel und war noch nicht einmal in der Lage, eine Kerzenflamme mittels eines beschworenen Frosthauches zu verlöschen. Allerdings musste man dabei beachten, dass Pundasha wahrscheinlich auch nicht fähig wäre, eine Kerzenflamme zu verlöschen, wenn er direkt neben einem Wasserfall stehen würde.
Alte Schnitzerei am Tempel der geheiligten Mortalität

Alte Schnitzerei am Tempel der geheiligten Mortalität

Angewidert verzog Pran sein hageres Gesicht. Es war an der Zeit, dass Schicksal selber in die Hand zu nehmen. Er lag in seinem harten Bett in der Dunkelheit der nächtlichen Lehrlingsstube und lauschte dem Atmen seiner beiden Schicksalsgenossen. Seine Verwandten, allesamt geachtete Kaufleute aus dem Geschlecht der Weißen Menschen, würden sich mit Sicherheit nicht um Pran kümmern.Er war als sechster Sohn eines sechsten Sohnes geboren worden, was gemeinhin als übelstes aller Omen angesehen wurde.
Solche Nachkommen versuchte man schnell und elegant aus der Blutlinie zu entfernen. Eine besonders beliebte Methode war es, diese Art von Kindern als Lehrlinge in die Obhut des Grauen Tempels zu geben. Einerseits entfernte man den fluchbeladenen Sohn damit aus dem gesellschaftlichen Leben. Andererseits eröffnete man dem Jungen eine verheißungsvolle Laufbahn, denn die Totenzauberei stand an allen Orten in hohem Ansehen.
„Dazu müsste man allerdings die Chance haben, sie zu erlernen“, dachte sich Pran und schob seine Beine über den Bettrand. Leise wie eine Katze schlich er sich aus dem Schlafgemach, hinaus auf den mit schwelenden Lampen erleuchteten Gang. Er raffte das traditionelle schwarze Sackleinengewand zu seinen Knien hoch und trappelte durch die kalten Steinkorridore des Tempels in Richtung Bibliothek.
Als er an Nakrals Zimmer vorbeikam, hörte er das abnorme unrhythmische Gerassel, dass der Nekromant anstelle eines Atmens von sich gab. Alle paar Augenblicke krachte das Bettgestell. Wahrscheinlich fand der Alte nicht einmal im Schlaf Ruhe und fuchtelte spastisch mit seinen dürren Armen in den Laken herum. Unwillkürlich musste der Junge an die erste Lehrstunde denken, die er im Tempel erlebt hatte.
Nakral hatte seine drei Schüler im Labor der Heiligen Essenzen zusammengerufen, um die Praktik der Seelendestillierung zu demonstrieren. Ein höchst wichtiges Verfahren, mit dessen Hilfe sich flüssiges Chaos, auch bekannt als Entropie, erzeugen ließ. Entropie wiederum war eine der fundamentalsten Substanzen in der gesamten magischen Wissenschaft. „Ohne Entropie klappt es nie“ war ein Sprichwort, das längst auch den Weg in die Sprache des einfachen Volkes gefunden hatte. Dementsprechend verfügte der Graue Tempel über mehrere Eichenfässer der kostbaren Essenz. Nakral musste diese aber wohl gekauft haben. Eigenhändig destilliert hatte er die Entropie jedenfalls nicht, denn die besagte Demonstration hatte sich seinerzeit in ein vollkommenes Desaster verwandelt. Just in dem Augenblick, in dem der Meister das Opferschaf, das als Quelle dienen sollte, in den messingglänzenden Schmerz-Extraktor eingespannt hatte, war er von einem gierigen Schütteln befallen worden. Inkohärente Stöhnlaute hatten sich Nakrals Kehle entrungen und mit einem Satz war er in den arkanen Zirkel gesprungen, von dem aus die Zeremonie kontrolliert wurde. Die Finger spinnenhaft gespreizt, hatte Nakral die notwendige nekromantische Incantation herausgeheult und dabei die gesamte arkane Energie des Zaubers mit einem Schlag in den Schmerz-Extraktor geleitet. Die Leitungen des Extraktors hatten aufgeglüht, dem Opferschaf evaporierte erst das Fell, dann Augen, Zunge und Fleisch und wenige Momente später das verbliebene Skelett. Ein Vorgang, der normalerweise mehrere Stunden dauern sollte, hatte sich innerhalb eines einzigen Herzschlages vollzogen. Das Tier hatte nicht einmal genug Zeit gehabt, um erschreckt aufzublöken. In die grosse Auffangschüssel tropfte ein winziger schillernder Tropfen Entropie, der sofort zischend verdampfte, als er auf das überhitzte Metall traf.
Seufzend setzte Pran seinen Weg durch den finsteren Tempel fort.
Endlich erreichte er die schwere, schwarze Rauchholztür der Bibliothek und schob sie entschlossen auf. Zielstrebig marschierte der Junge zu den Büchern über magische Philosophie herüber. Wer die Grundlagen nicht verstand, konnte nicht darauf hoffen, die höheren Weihen der Zauberei je zu erlangen. Und insbesondere der theoretische Unterricht von Nakral ließ zu wünschen über. In einem chaotischen Stapel von Folianten entdeckte Pran schließlich Meister Jorandors ‚Manual der Seelischen Energien‘, das wichtigste Buch über die Funktionsweise der Magie, das je geschrieben worden war. Natürlich befand sich im Besitz des Grauen Tempels nicht irgendeine anonyme Kopie, sondern die vierte Abschrift von Timshurel, Jorandors größtem Schüler. Pran beneidete Timshurel aus tiefster Seele um dessen berühmten und kundigen Lehrer, als er die alten, gelblichen Seiten aufschlug. Im Grauen Tempel musste man sich die einfachsten Grundlagen selber erschließen.
Prans Finger fuhren über die fast verblichenen Tintenlettern, bis er schließlich bei einer prächtigen ganzseitigen Illustration angelangte.
„Das Gesamtbild des Bewusstseins der denkenden Wesen,“ murmelte er in sanfter Ehrfurcht.
Das Bild bestand im wesentlichen aus zwei konzentrischen Kreisen. Der innere, der mit unruhigen, kraftgeladenen Runen angefüllt war, stellte die Seele dar. Pran zeichnete mit dem Zeigefinger die Kreislinie nach und flüsterte kaum hörbar: „Energie.“
Denn die Seele war der Sitz des Chaos und damit die Quelle der instinktiven magischen Begabung in jedem belebten Ding. Der äußere Kreis hingegen stellte die Erinnerung dar, also den Sitz der Ordnung. Auch mit Hilfe der Erinnerung war es möglich Magie zu wirken. Mit geschürzten Lippen studierte Pran die geordneten Zeichenketten des äusseren Kreises. Diese Art der Zauberei erschien ihm verständlicher und auch wesentlich beherrschbarer zu sein.
Vorsichtig blätterte der heimliche Schüler ein Paar Seiten weiter. Hier begannen die wirklich interessanten Ausführungen: die Texte über die Trennungen von Seele, Erinnerung und Körper. Ein sanfter Schauer lief seinen Rücken herunter, als er die warnenden Worte las, die die ‚Unheilige Erste Trennung‘ beschrieben: die Entfernung der Seele aus dem Körper. Das Ergebnis dieses Vorganges war natürlich immer ein untoter Leib, oder besser gesagt ein ‚Seelenloser‘. Je nachdem, wie schwer die Erinnerung dabei beschädigt wurde, hatte man es hinterher mit einem hirnlosen Zombie oder aber einem hinterlistigen Ghul zu tun. Wenigstens für die unheilige ‚Erste Trennung‘ schien der alte Nakral Talent zu haben, denn im Grauen Tempel wimmelte es von Seelenlosen. Der Meister hielt sie sich als stumme Diener, Boten, Kutschfahrer, Arbeiter. Nur als Köche nahm man sie ungern. Der Gedanke, dass das eigene Mahl von toten Fingern zubereitet worden war, schreckte die meisten Lebenden ab.
Die Seelenlosen des Grauen Tempels waren leicht an den Narben und fehlenden Gliedmassen zu erkennen, die von Nakrals ungestümen Ausbrüchen herrührten. Besonders die Finger zeichneten sich durch Unvollständigkeit aus. Jedes Mal wenn einer der ungelenken Kerle einen Fehler beim Servieren machte, hackte der Nekromant mit seinem scharfen Besteckmesser zu. Irgendwann waren dann alle Finger weg und der Seelenlose verschwand für immer im Krematorium des Tempels.
Pran schlug die nächste Seite auf. Hier ging es um die ‚Zweite Unheilige Trennung‘: die Loslösung der Erinnerung aus dem Körper. Komplexe arkanistische Diagramme beschrieben, unter welchen Bedingungen eine vereinzelte Seele ausserhalb der Körpers existieren konnte. Meist war ein fürchterliches traumatisches Todeserlebnis für diese Trennung verantwortlich, was dazu führte, dass sich die Erinnerung im Alles Umfließenden Aether einprägte und so zu einem körperlosen Geist wurde.
Geister waren leider zu starrsinnig, um sie gleichfalls als Diener zu nutzen. Genau genommen waren sie vollkommen unkontrollierbar, denn sie waren auf die eine oder andere Art an das schreckliche Ereignis gebunden, dass einst die Trennung verursacht hatte.
Die Stirn gerunzelt, lehnte sich Pran auf seinem Lesehocker zurück. Die Ausführungen über den Allumfließenden Aether interessierten ihn brennend. Leider ging Meister Jorandors Meisterwerk jetzt zur Beschreibung der ‚Dritten Trennung‘ über, bei der eine vereinzelte Erinnerung in einen künstlichen Körper gebunden wurde, um einen Golem zu erschaffen. Welche Art von Geiferanfall eine Frage zum Thema Aether beim alten Nakral auslösen würde, wollte sich Pran nur ungern ausmalen. Also blickte er sich um nach weiter führender Literatur.
In einem hohen Regal aus silbrig grauem Holz entdeckte er endlich die Schriften des Cestonius, in denen das Zusammenspiel zwischen Magie und Aether genauestens beschrieben wurden.
Laut Cestonius war der Allumfließende Aether eine kalte, dünne und höchst energiearme Substanz, die an jedem Punkt des Universums unsichtbar vorhanden war. Der Aether reagierte stark auf die Regungen der reinen seelischen Energie und ließ sich so in seine elementaren Bestandteile Feuer, Wasser, Erde und Luft aufteilen. Aber auch durch Zaubersprüche und Formeln, also durch Ordnungsmagie aus dem Kreis der Erinnerung, konnte er beeinflusst werden.
Es folgte eine lange Liste von grundlegenden Zauberworten, die Pran begierig wie ein Schwamm aufsog. Es waren einfache aber effektive Zauber und der Junge konnte nicht widerstehen, das Gelernte auszuprobieren.
Er ließ gleißendes Licht in der Dunkelheit leuchten. Er beschwor Regenwolken und setzte die Bibliothek damit beinahe unter Wasser. Doch eine mühelos erzeugte Flammenkugel trocknete die Feuchtigkeit im Handumdrehen. Blitze zuckten an den Regalen entlang und tanzender Schnee wirbelte über die Lesetische. Der junge Pran frohlockte, denn er hatte eindeutig Talent für das Handwerk der Zaubererei.
Er praktizierte die Auftrennung des Aethers in seine elementaren Bestandteile noch eine ganze Weile, bis ihm schließlich vor Erschöpfung die Augen zufielen. Müde und glücklich schlief er kurz vor Morgengrauen in seinem Bett ein.
Die nächsten Tage waren die glücklichsten, seit er den Tempel betreten hatte.
Tagsüber versuchte er allen Launen seines Meisters aus dem Weg zu gehen und nachts studierte er heimlich die Wege der Magie. Er vertiefte seine Kenntnisse in den Trennungen des Aethers in die verschiedenen Elemente und übte sich in den entsprechenden Zauberformeln zur Lenkung dieser gefährlichen Kräfte.
Genau dreizehn Tage aber nach seinem ersten nächtlichen Besuch in der Bibliothek ereignete sich ein unangenehmer Zwischenfall, der Pran schließlich zum Umdenken zwang.
Da alle Seelenlosen mit der Ausrichtung des Festes der ‚Geheiligten Mortalität‘ beschäftigt waren, hatte Meister Nakral Pundasha, dem ersten Lehrling, befohlen, den großen Hauptkessel zu reinigen, wozu dieser den ganzen Nachmittag benötigte. In der Zwischenzeit aber, hatte Nakral von einem reisenden Händler äußerst seltene arkane Zutaten erstanden, die er natürlich sofort in einen zauberkräftigen Trank verwandeln wollte. Also stürzte der Meister in die grosse Kochhalle, öffnete die Zuleitung für siedendes Öl und kochenden Essig und frittierte den armen Pundasha, der sich noch im Kessel befand.
Berührt von familiären Gefühlen, versuchte Nakral zwar noch, den Leib des Lehrlings in einen Seelenlosen zu verwandeln, aber da sich das halbgare Fleisch als zu weich erwies, verschwanden Pundashas Reste für immer im Krematorium.
Durch den Tod seines Genossen, wurde Pran schlagartig klar, dass jeder der Lehrlinge in direkter Gefahr für Leib und Leben schwebte. Das ihm bisher nichts schreckliches widerfahren war, glich eher einem glücklichen Zufall. Außerdem mussten die beiden verbliebenen Lehrlinge, die Arbeiten des Verstobenen übernehmen, was die Gefahren zusätzlich erhöhte.
Pran beschloss deshalb, so bald wie möglich zu fliehen. Er war sich inzwischen auch sicher, dass Meister Nakral ein absoluter Stümper war. Je mehr Pran von den arkanen Theorien begriff, desto lächerlicher erschien ihm der alte Nakral.
Es waren nur noch wenige Fragen, auf die er Antworten suchte und Pran entschied sich deshalb, der Bibliothek einen letzten Besuch abzustatten, bevor er den Tempel verlassen würde.
Er schnürte am Abend seine wenigen Habseligkeiten zu einem Bündel zusammen. Dann besorgte er sich im Keller des Tempels einen groben Leinensack, denn sein Plan war es, die wichtigsten Bücher aus den Klauen des Wahnsinnigen zu retten und sie mit auf seine Flucht zu nehmen. Etwas Lektüre auf der Reise konnte nie schaden.
Ein letztes Mal schlich Pran durch die kalten Gänge aus schweigendem grauen Stein.
Vorsichtig schritt er die Bücherregale entlang auf der Suche nach den wertvollsten Folianten. Misharas Werk über die Vorhersage der Zukunft mittels der Analyse der Aetherströmungen wanderte in seinen Sack. Die Rollen von Vaurius Thar und das verbotene ‚Buch der Gewaltigen Beschwörungsmacht‘ ebenfalls. Gerade als seine Hand nach der ‚Sammlung der Wirkungsvollsten Formeln zu Erzeugung des Verdichteten Aethers‘ griff, schlug die Tür der Bibliothek auf.
Nakral stand auf der Schwelle, sein dürrer Leib gekleidet in ein mit arkanen Zeichen besticktes Nachthemd, sein Angesicht verzerrt von der Fratze des Wahnsinns.
„Du stielst meine Bücher,“ stieß der Herr der Verwesung voller Verachtung hervor. Pran ließ langsam die Hand sinken. Ein Kampf schien unvermeidlich. Er fixierte seinen alten, habnackten Meister und antwortete mit kalter Stimme:
„Ich hole mir nur, was mir zusteht. Ich bin euer Lehrling. Auch wenn es euch egal sein mag, eure Pflicht ist es, euer Wissen weiter zu geben. Da ihr das nicht getan habt, habe ich mir die Kunst der Zauberei selber gelehrt. Doch nun ist meine Lehrzeit vorbei und die Bücher werde ich als Arbeitslohn mit auf Wanderschaft nehmen.“ Statt zu antworten begann Nakral unkontrolliert zu kichern. Pran kniff erstaunt die Augen zusammen, beschloss aber abzuwarten.
Nachdem sich der Alte wieder beruhigt hatte, antwortete er dem Lehrling mit triefendem Hohn:
„Du hast dir die Zauberei selber gelehrt? Etwa hier aus diesen Büchern?“ Pran nickte nur, hatte aber den Hochmut deutlich im Gesicht geschrieben. Und noch während Nakral ihn weiter verspottete hob er langsam die Hände und bereitete sich auf den Beginn des Zauberduells vor. Sein Meister aber sprach:
„Magie, Junge, kann man nicht lernen. Du musst sie im Blut haben. In deinen Eingeweiden muss sie rumoren, bis sie eines Tages unhaltbar hervorbricht. Meine Aufgabe als Meister des Grauen Tempels ist es, die Spreu vom Weizen zu trennen und meine Methoden sind dabei höchst wirkungsvoll. In dir hatte ich bereits ein grosses Talent gesehen, doch du hast dich immer wieder vor der Arbeit gedrückt. Um dich genauer in Augenschein zu nehmen, musste ich ein wenig Spreu aus dem Sieb nehmen. Ich habe die Anzahl der Lehrlinge also etwas verkleinert.“ Zischend viel im Pran ins Wort:
„Ihr seid ein Mörder!“ Und ohne weiter zu zögern, incantierte er die Formel zur Trennung des Aethers in flammendes Feuer. Magie pulsierte durch seine Adern. Machtvoll und stark durch seinen Zorn bahnte sie sich einen Weg aus seinen Händen und setzte die Luft um Nakral herum in Brandt. Dieser jedoch hob nur die linke Hand und ließ die Flammen mühelos verlöschen.
„Und du bist ein Dieb, Pran. Und ein Anfänger, der noch viel zu lernen hätte. Aber dazu wird es niemals kommen.“
Pran schloss voller Konzentration die Augen und suchte nach einer Möglichkeit, seinen Meister zu überraschen, um so einen Vorteil im Kampf zu erlangen. Hinter dem Rücken des Meisters auf dem Gang spürte er die taube Präsens eines Seelenlosen, den Nakral wohl als Verstärkung mitgebracht hatte. Blitzschnell ergriff sein Geist Besitz von dem willenlosen Körper und zwang den Zombie dazu, das Schlachterbeil an seinem Gürtel zu nehmen, um den faselnden Meister der Verwesung niederzustrecken.
Doch dieser ahnte den hinterhältigen Hieb und sprang behände zur Seite, ohne auch nur nach hinten zu blicken. Mit welchen Sinnen Nakral den Angriff gespürt haben mochte, blieb für den schockierten Pran ein Rätsel. Sein Meister heulte nun in hellstem Wahnsinn, so dass dessen Stimme für den panisch erstarrten Jungen kaum verständlich war.
„Es ist die Seele Pran, verstehst du? Dort sitzt das Talent! Dort sitzt das Chaos! Dort sitzt die Magie! Meine Aufgabe ist es, sie in den Lehrlingen zu entzünden. Sie muss brennen, verstehst Du? Brennen!“
Die Luft um Nakral flimmerte, als sich der Allumfließende Aether um ihn herum zu tausend spitzen Nadeln verdichtete, allesamt auf Prans Herz gerichtet. Der Lehrling blickte voller Faszination auf das Schauspiel und erkannte mit kaltem Schauder, dass keiner seiner schwächlichen Schutzzauber ausreichen konnte, um diesem Angriff stand zu halten.
Und als der Meister der Verwesung die Incantation schließlich vollendete, strahlte seine Seele so hell und klar, dass selbst Pran verstand, dass der Wahnsinn nicht aus der Magie resultierte, sondern die Magie aus dem Wahnsinn.

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