Abenteuer in der Verlieswelt

Roman & Rollenspielkampagne in einer ungewöhnlichen Fantasywelt

Die Religionen des archaischen Universums

Das archaische Universum ist eine Welt voller Magie und Wunder. Es ist eine Welt in der die Götter unter den Menschen wandeln, in der das Unmögliche alltäglich ist. Trotzdem stehen die Bewohner der zahllosen Planeten, die das archaische Universum füllen, den letzten philosophischen Fragen hilflos gegenüber.

Woher kommen wir?

Wohin gehen wir?

Und was ist der Sinn unseres Hier seins?

Der Canon Universalis

Natürlich haben die machtvollen Göttlichen Rassen auf diese Probleme eine vorformulierte Antwort. Ihre Sicht der Dinge steht niedergeschrieben im Canon Universalis. Dieses heilige Buch definiert die einzige “offizielle” Religion. Alle anderen metaphysischen Philosophien gelten als Häresie. Der Canon beschreibt die Geschichte des Universums, vom Anbeginn der Zeit an. Er berichtet, wie sich vor dem Entzünden der solaren Feuer die Götter Aion, Urial, Stahl und Daar einst an einem Ort namens Thule trafen.

Dort beschlossen sie, eine gewaltige Kugel voller Lichter zu schaffen, damit sie ihre eigenen, edlen Antlitze schauen konnten. Auf Urial entfiel die schwere Last der schmerzhaften Geburt des Lichtes. Doch als sie schließlich die ersten stellaren Feuer zur Welt gebracht hatte, setzte ein schier unendlicher Geburtsstrom ein, der Sonne um Sonne aus ihrem Schoss quellen ließ. Die rasenden Schmerzen, die sie dabei erdulden musste, gab sie als Erbe weiter an die sämtliche weiblichen Wesen des Universums. Das letzte Wesen, dass sie schließlich heraus presste, war Scarch, der Herr der Vernichtung, der von Daar als Sohn anerkannt wurde. Natürlich gibt es zahlreiche Abwandlungen dieser Geschichte, von denen viele auf die Bedürfnisse bestimmter einzelner Völker zugeschnitten sind. So wird zum Beispiel in der Version der schlangenhaften Yuan-Ti das Licht des Universums aus einem einzelnen Ei geboren, dass die große Python Uriel zuvor gelegt hatte.

Im weiteren beschreibt der Canon die ruhmreichen Geschichten einer Vielzahl der Mitglieder göttlichen Rassen. Natürlich werden die speziellen Verhaltensregeln genau definiert, die von Sterblichen eingehalten werden müssen, um ein gottgefälliges Leben zu führen. Denn entsprechend dem Canon Universalis, müssen sich die niederen Rassen Zeit ihres Lebens von falschen moralischen Einflüssen reinigen. Ist ihre Seele zum Zeitpunkt des Todes schließlich sauber und rein, so mischt sie sich mit der Energie jenes Gottes, den der Verstorbene am hingebungsvollsten verehrt hatte. Durch diesen ständigen Zustrom von Energie nimmt die Kraft der göttlichen Rassen langsam aber bestätig zu, bis ihre Macht einst groß genug sein wird um “Utopia” herbeizuführen. “Utopia” ist laut dem Canon der absolut perfekte Zustand des Universums, in dem alle Wesen und Objekte ihren vorbestimmten Platz einnehmen und im gesamten Kosmos Harmonie herrscht. Und auch über das Schicksal von häretischen, unreinen Seelen weiß das heilige Buch zu berichten: diese vergehen nutzlos in der schwärze des Allumfließenden Aethers.

Neben der “wahren” Version des Canon Universalis existieren einige geheime, häretische Glaubensrichtungen, die von den Jüngern der göttlichen Rassen erbittert verfolgt werden. Eine der bekanntesten dieser Philosphien sollen im Folgenden beschrieben werden.

Nihilismus oder der Weg ins Nichts

Angesichts eines Universums voller Wunder und Zaubererei ist es nicht allzu verwunderlich, dass die Hoffnung auf ein ruhiges, überschaubares Leben nach den Tode ein verlockendes Ziel für zahlreiche Lebewesen darstellt. Die Anhänger des Nihilismus haben diese Idee auf die Spitze getrieben. Sie sind überzeugt, dass sich ihre Seele nach dem Tod im Nichts auflöst. Die meisten Nihilisten empfinden diese Aussicht als ungeheuer befreiend und beziehen aus ihrem Glauben eine starke psychische Kraft, die sie zu den erstaunlichsten Taten befähigt.

Natürlich bedeutet der Nihilismus eine direkte Opposition zu den Lehren des Canon Universalis. Mehr noch: ein weiterer Kernpunkt der nihilistischen Philosophie ist der Widerspruch gegen den Herrschaftsanspruch der göttlichen Rassen. So ist es zu erklären, dass der Nihilismus als eine der gefährlichsten Formen der Häresie verfolgt wird. Da auf vielen Welten dieser Glaube mit Verbannung bestraft wird, ist es eine logische Konsequenz, dass die Verbreitung des Nihilismus auf der Verlieswelt besonders hoch ist.

Das Licht der Erlösung

Eine weit verbreitete Abwandlung des Nihilismus ist der sogenannte “Glauben an das Licht der Erlösung”. Das Licht gilt als ein mythischer Ort des Friedens und der spirituellen Befreiung, an dem sich Lebewesen nach ihrem Tod in reine Seelenenergie auflösen. Der Glauben wird vor allem gespeist durch zahlreiche Berichte von Lebewesen, die mit der Hilfe klerikaler Magie nach einem gewaltsamen Tod zurück ins Leben geholt wurden. Viele dieser Individuen berichten übereinstimmend von einem hellen Licht, mit dem sie sich im Tode vereinten. In diesem Licht – so lauten die Geschichten – fühlt man sich glücklich, frei und leicht und ist in Gesellschaft aller Wesen, denen man sich im Leben nahe fühlte und die ebenfalls verstorben sind. Die Priester der göttlichen Rassen hingegen interpretieren dieses Licht als die spirituelle Energie, des jeweiligen von ihnen verehrten Gottes. Viele Wiederbelebte berichten aber hinter vorgehaltener Hand, dass vom geistigen Einfluss eines Mitgliedes der göttlichen Rassen im Licht der Erlösung absolut nichts zu verspüren war. Demzufolge vernimmt man auch immer wieder Gerüchte von fanatischen Jüngern der göttlichen Rassen, denen aufgrund ihrer Treue eine Wiederbelebung zuteil wurde, die aber nach dieser Resurektion ihren vorherigen Glauben fahren ließen und sich von den göttlichen Rassen abwandten. Es muss nicht erwähnt werden, dass Anhänger dieses Glaubens im gesamten Universum erbarmungslos gejagt werden.

Die Pazifisten oder das Volk der sanften Denker

Diese ebenfalls verbotene Religion ist hauptsächlich unter den gelben Menschen verbreitet. Sie gründet sich auf eine uralte Legende aus den Urtagen der menschlichen Rassen. Auf den Alabastersteinen des unheiligen Tempels von Ror Katan findet sich die einzige bekannte Niederschrift dieser eigentümlichen Geschichte. Um das Verständnis des Glaubens der Denker zu vereinfachen, sei sie an dieser Stelle wiedergegeben:

Jenseits der Zeit und jenseits des Schwarzen Aethers lebte das Volk der sanftmütigen Denker. Es war niemals zahlreich. Ebenfalls an diesem entfernten Ort lebte das Volk der heißblütigen Krieger. Die Anzahl der Krieger war stets größer als die Anzahl der Sandkörner in der Wüste. Eines Tages trafen die Krieger auf die Denker und natürlich kam es zu einem Streit, bei dem alle Denker bis auf drei erschlagen wurden. In ihrer größten Not, umgeben von Feinden, sahen die Denker keinen Ausweg. Also fassten sie sich an den Händen, schlossen die Augen und wünschten sich an einen Ort ohne Streit und Krieg. Da es diesen Ort nirgends im Universum gab, ließen sie ihn mit der Macht ihrer vom Tode bedrohten Seelen Wirklichkeit werden, und verschwanden so just in jenem Moment, als die Schwerter der Krieger auf sie einschlugen, um sie zu töten. Der Ort an den sie kamen, war voller Ruhe und die Denker wussten, dass sie in Sicherheit waren. Also beschlossen sie, diesen Ort der Leere und Ruhe mit Hilfe ihrer Gedankenkraft mit Materie zu füllen. Schon bald war deshalb der Ort der Zuflucht erfüllt mit den selben Dingen, die die Denker auf ihrer Flucht zurück lassen mussten: den Felsen, den Flüssen, den Bäumen, dem Himmel, dem Meer und allen Lebewesen. Sie gründeten ein neues Volk, dass nur von Verstand und Liebe geleitet wurde. Doch obwohl sie im Überfluss lebten, litten die Denker schon bald an Hunger. Denn sie waren schlechte Jäger und nur mäßige Bauern und so sehr sie sich es wünschten, dass Korn wollte sich nicht selber dreschen und das Wild wollte sich nicht selber fangen. Also lernten sie Handwerk, Ackerbau und Jagd. Und aus den Handwerkern wurden Kaufleute und aus den Jägern wurden wieder Kriege; und schon bald drohte das Blutvergießen erneut zu beginnen. Doch sieben weise Denker aus den alten Tagen waren noch am Leben. Sie setzten sich zusammen in einen Kreis und schrieben sieben Gesetzte der Vernunft auf einen mächtigen Obelisken. Die Gesetze waren:

1. Kein Mensch tötet einen anderen Menschen.

2. Kein Mensch fügt einem anderen Menschen Schaden an Leib oder Seele zu.

3. Kein Mensch nimmt sich eines anderen Menschen Habe, gegen dessen Willen.

4. Kein Mensch ist besser oder schlechter als ein anderer.

5. Kein Mensch macht alleine Gesetze.

6. Die jungen Menschen ehren die alten.

7. Die alten Menschen schützen die jungen.

Die sieben Gesetze der Vernunft ließen den Frieden für kurze Zeit zurück kehren. Bald aber brach wieder der Krieg aus und wieder jagten die Krieger die Denker. Und wieder wurden die Denker bis auf drei erschlagen. Und wieder flohen diese letzten drei durch die Macht ihrer Gedanken und erschufen wieder eine neue Welt im Aether, die zuerst voller Frieden war. Doch zurück ließen sie eine weitere Welt unter Tausenden, auf der das Schwert des Krieges regiert.

Die Pazifisten sehen sich selber in der Tradition der “sanftmütigen Denker” aus der Legende, obwohl sie nicht soweit gehen, sich als direkte Nachfahren dieses Volkes zu bezeichnen. Dem seltsamen Märchen wird im Allgemeinen keine wirkliche historische Relevanz beigemessen. Bemerkenswert ist auch, dass in der Religion der Pazifisten die Göttlichen Rassen keinerlei Rolle spielen. Einzig wichtig für die Pazifisten ist das Einhalten der sieben Gesetze der Vernunft und die Perfektionierung des eigenen Geistes. Viele Pazifisten glauben, dass ihre Seele so lange wiedergeboren wird, bis sie schließlich dem Vorbild der sanftmütigen Denker folgen kann und dieses Universum für immer verlässt, um mit der Hilfe reinster Gedankenkraft einen Ort des Friedens zu finden.

Der Glauben an den göttlichen Aufstieg

Dieser Glaube ist bei den hohen Völkern des archaischen Universums weit verbreitet. Insbesondere die Mercanes, die Yuan-Ti und die Riesenvölker sind davon überzeugt, dass in jedem Wesen der Funke der Göttlichkeit steckt. Sie glauben, dass ein Sterblicher auf bestimmten Wegen in der Lage ist, in den Kreis der Göttlichen Rassen aufzusteigen. Dieses Ziel kann zum Beispiel durch das Sammlung von Jüngern und Anhängern erreicht werden, deren gebündelter Glaube einem Individuum genug Energie liefern kann, um zur Unsterblichkeit aufzusteigen. Die Anhänger dieser Philosophie verweisen auf einige Fälle in der langen Geschichte der göttlichen Rassen, bei denen Sterbliche in den Kreis der Götter aufgenommen wurden. So schaffte es zum Beispiel Tjo Annissat, der größte Hexer im Volke der Yuan Ti, die Aufmerksamkeit von Anaspora, der Mutter der Langen Rache, zu erlangen. Anaspora machte ihn zu ihrem Gefährten u nd Leibwächter und schenkte ihm schließlich die Unsterblichkeit. Der Glaube an den göttlichen Aufstieg ist nicht verboten. Allerdings wagt es niemand, die Mitglieder der Göttlichen Rassen auf das Thema offen anzusprechen, da Respektlosigkeiten dieser Größenordnung im Allgemeinen mit sofortiger Desintegration bestraft werden.

Die Sprache der Musterkundigen

Anmerkung: warum sollte man sich die Mühe machen, eigene Sprachen für Fantasywelten zu basteln? Weil Tollkien es auch gemacht hat? Seien wir ehrlich, die elfischen Gedichte im Herrn der Ringe wurden doch von den meisten Leser angenervt überblättert. Man kann sich auf jeden Fall darauf verlassen, dass ein halbwegs normal veranlagter RPG-Spieler diese Arbeit nicht zu schätzen weiss und kaum die Zeit hat, eine wirre Linguistik zu studieren. Ich habe mir trotzdem diesen Design-Klotz ans Bein gebunden. Für mich lag die Haupt-Motivation darin, dass Rollenspiel-Begriffe extrem sperrig und technisch klingen. Besonders im Deutschen. Das stört mich ganz besonders im Zusammenhang mit Zauber-Sprüchen, die aus amerikanischen Rollenspielen (D&D) übersetzt wurden. Irgendwann hing es mir zum Hals raus, meine Spieler mit theatralischen Sätzen anzuschreien, die in etwa so klangen: ‘Der Magier hebt die Hand und beginnt hektisch einen Beliebiges Verwandeln-Zauber zu sprechen. Gemeint war ein Polymorph Any Object-Zauber. Der klingt schon auf Englisch vollkommen blöde, aber auf Deutsch…? Sagen wie es mal so: Magie hört sich für mich anders an.
Die Mustersprache wird also in meiner Kampagne hauptsächlich genutzt, um Zauber-Namen zu ersetzen. Das System ist vollkommen optional für mich und meine Spieler. Wir nutzen es nur, wenn es uns gerade mal einfällt. Ansonsten greifen wir wieder zurück auf unser chaotisch-denglisches-RPG-Kauderwelsch. Gehört ja auch irgendwie dazu…

Die Mustersprache ist ein alter Dialekt von Universalis, der großen Sprache des archaischen Universums. Da sie schon zu den Zeiten Lekamons kompliziert und verschachtelt war und sich seitdem kaum dem Wandel der lebenden Sprachen angepasst hat, ist dieser Dialekt für in der Musterkunde ungebildete Menschen heute nicht mehr verständlich.

Die Schrift der Mustersprache besteht nicht aus Buchstaben, sondern bildet Worte und Begriffe aus zusammenhängenden Linien, die den Gängen und Kammern von Labyrinthen gleichen. Die Bedeutung der Worte verändert sich durch die Mächtigkeit, der Linien oder durch die Orientierung der Linien zueinander.

Begriffe zu Labyrinthen und Verliesen

Arnir Rune, kleines Muster
Lardaal Großes Muster, Labyrinth
Viaar Tor, Portal
Demoras Wand
Darom Haus, eigenes Höhlensystem
Linom kleiner Raum
Tonom größerer Raum
Krang Zelle, Gefängnis
Thanus Abgrund, Loch
Janoch Pfad, Weg
Arden Boden
Demem Hindernis
Barok Falle
Nomillis Säule, Pfeiler
Scorchys Gargyle
Scor Statue

Verben

Voruun Herstellen, erschaffen
Ghier hervorquellen, auftauchen
Bataar Vernichten, auslöschen
Shadack Zuschlagen, angreifen
Latros Wachen, Bewachen
Larox Verbergen
Liras Kontrollieren
Tendir Heilen, reparieren
Wokor bewegen
Umoos Mischen
Valluur stürzen, fallen
Scholar Zeigen, sehen
Vudraa lesen, verstehen
Tristar entdecken
Tark sprechen
Lantinas Formen, verändern
Kodaar öffnen
Jeraar schliessen

Gewöhnliche Gegenstände

Kal Ding, Gegenstand
Olom Kreis
Kheolom Kugel
Vallir Wasser
Kial Eis
Jennir Wind, Luft
Scaaror Feuer
Urdor Stein
Urodas Erde (Erdreich)
Imon Eisen
Vries Sand
Lassir Blitz, Eletrizität
Lumir Licht
Zulon Blut
Scholam Auge
Halor Lebewesen
Dahr Mensch
Guul Gold
Kelethas Stahl
Zherem Waffe
Zher Klinge
Johrem Pfeil
Torem Gift
Hemos Rüstung
Quart Schild
Scaamathos Fackel
Scholas Karte

Adjektive und immaterielle Begriffe

Stalas Ordnung
Kratuur Chaos
Ladim Neutralität/Ausgleich
Quor Still
Halem Leben
Ori Seele
Nomias Ort
Boros Kraft
Nimiel Schwäche
Geschicklichkeit Tjuras
Sitras Punkt
Dasor Schmerz
Malaquor Liebe
Niedas Hass
Diam Freiheit
Hergh Zustand, Bedingung
Melos Schwerkraft
Vaar Mächtig
Nimin Klein
Eregor Zahlreich, viel
Hemarim Schutz
Guulos Prächtig
Diaar Hervorragend, gut
Kiaas Minderwertig
Xadis Geheim
Itrascholar Unsichtbar
Vaaruun Meister
Sudax Betrug
Jumoor Unendlich
Quodus Magnetisch, anziehend
Narquodus Abstossend
Herdieel Verstärkung, Widerstand
Xodax Eine Zahl
Xodax An Die Zahl 1
Xodax In Die Zahl 2
Xodax Un Die Zahl 3
Xodax Nor Die Zahl 4
Xodax Mar Die Zahl 5
Xodax Dor Die Zahl 6
Xodax Kri Die Zahl 7
Xodax Far Die Zahl 8
Xodax Run Die Zahl 9
Xodax Anor Die Zahl 10
Shaluur Kälte
Hadaar Wärme oder Hitze
Adax Schrift
Kendu Wissen
Merox Zeit

Hilfswörter

Sar aus, gemacht aus, besteht aus
Ji und
Jor oder
Tror gegen
Doa zum
Lhar durch

Vom Niedergang der Engel

Vor urlanger Zeit, als das Licht der Sterne noch jung war, erschien im archaischen Universum das mächtige und edle Volk der Engel.
Die göttlichen Rassen waren auf das höchste betroffen, wähnten sie sich doch als meisterhafte Speerspitze allen intelligenten Lebens und als Herren des bekannten Alls.
Vielleicht waren die Engel nicht so stark wie die Götter, was sich an ihrem Zögern zeigte, wenn es zum Beispiel darum ging, ein paar Sterbliche zu Pulver zu zermahlen, aber ihre Zahl war groß! Obwohl die Engel jederzeit versicherten, dass der alte Herrschaftsanspruch der göttlichen Rassen unangetastet bleiben sollte, wurden diese umgehend misstrauisch und gerieten in grosse Sorge um die Sicherheit im Universum.

hypnos

Also berief man ein göttliches Quorum ein und versammelte sich hierzu auf einem weit entfernten Mond namens Jarmahl, irgendwo im verdunkelten Teil des Kosmos.
Lange dauerte die Beratung und zahlreiche weise Aussprüche wurden getan, doch fand man keinen Weg, sich vor jener Gefahr, die die Engel mit ihrem friedfertigen Gebaren offensichtlich zu verschleiern versuchten, zu schützen.



Ein wohlvorbereiteter Vernichtungskrieg schien schließlich den meisten Göttern der beste Weg zu sein, um den Frieden im Universum zu bewahren. Doch fürchtete man, dass eine Vielzahl der begriffsschwachen sterblichen Bewohner eben dieses Universums, die Sinnhaltigkeit dieses Handelns nicht ganz begreifen könnten und als Folge die moralische Überlegenheit der göttlichen Rassen in Frage stellen würden.
Just vor dem Ende der Beratungen trat Anaspora, die wohlbedachte, vor die grosse Versammlung und sprach. Wohlgewählt waren ihre Worte, denn sie war eine Meisterin der hohen Redekunst, und alle Anwesenden lauschten auf ihren schicksalhaften Vorschlag.

Ein Opfer, so schlug sie vor, müsste das Volk der Engel bringen, um seine Friedfertigkeit unter Beweis zu stellen. Ein grosse, schmerzhafte Aufgabe sollte es sein, die ihre Herzen wahrhaftig auf die Probe stellen würde. Begründet wäre diese Prüfung allein im alten Herrschaftsanspruch der göttlichen Rassen, die seit zahllosen Äonen im Universum für Frieden gesorgt hatten. Sollten die Engel diese Aufgabe ablehnen, wäre ihr rebellischer Geist und ihre Hinterlist bewiesen, wodurch ein Vernichtungskrieg gegenüber den verständnisschwachen Sterblichen wesentlich leichter zu erklären wäre.

Anerkennendes Raunen ging durch die Versammlung. Dann trat Stahl, der unnachgiebige, neben Anaspora und lobte ihre unermessliche Weisheit. Er riet den Versammelten, den Plan anzunehmen und steuerte sogleich seinen eigenen Beitrag hinzu: als Gott der Gerechtigkeit und Ordnung legte er die Prüfung für das Volk der Engel auf zwölf mal zwölftausend Jahre der bedingungslosen Knechtschaft im Dienste der göttlichen Rassen fest.

Während sich eine großherrliche Delegation für die offizielle Überbringung der Forderung bereit machte, rüstete sich das gesamte archaische Universum zum Krieg. Allenthalben wurde angenommen, dass die noblen Engel die Knechtschaft ablehnen würden. Die Götter riefen sterblichen und unsterblichen Feldherren zusammen und musterten ihre Armeen. Botschaften wurden zu den mächtigen Dämonenprinzen gesandt, um sie zu einer Allianz gegen die lichten Engel zu bewegen. Reiche Kriegsbeute an Gold und Sklaven versprach man den Riesen und den schlangenhaften Yuan-Ti, um sich ihrer Gefolgschaft zu versichern. Schätze und Geschmeide wanderten bergeweise in die Horte der ältesten Drachen, um die gefährlichen Urechsen auf die Seite der Götter zu ziehen. Die Rasse der machtgierigen Betrachter überzeugte man durch dunkle Geschenke und Geheimnisse von der Gefahr durch die Engel. Selbst die niedersten und widerwärtigsten Monstrositäten holte man sich als Söldner in die göttliche Armee der Gerechtigkeit.

Als schließlich die großherrliche Delegation auf Arcadia, der Welt der Engel, eintraf, hielt das ganze Universum den Atem an und wartete gespannt auf die Antwort, die Krieg oder Frieden bedeuten würde.

Madriel, der höchste solare Engel in seiner strahlenden Pracht, stieg auf den Berg Iem, um der Delegation der Götter vor den Augen aller Völker entgegen zu treten. Das Licht der hohen Gesandten jedoch strahlte noch heller als Madriels, so dass alle Sterblichen, die zu dem Berg aufsahen, geblendet die Augen schließen mussten.
So kam es, dass bis auf den heutigen Tag niemand zu sagen weiß, wie das Angesicht des Engels war, als er die Herausforderung hörte und nach kurzer Bedenkzeit mit ruhiger Stimme den göttlichen Botschaftern die Antwort seines Volkes verkündete.
Es war der Ratschluss der freien Engel, sich der Herrschaft der alten Götter zu beugen und mit bestem Wissen und Willen zwölf mal zwölftausend Jahre zu dienen, um ihren Friedenswillen unter Beweis zu stellen.
Als aber Madriel dieses aussprach, da sahen alle menschlichen und nichtmenschlichen Diener der Götter in allen Winkeln des Kosmos, wie sich das Antlitz ihrer Herren vor Wut und Angst verzerrte. Und jeder konnte vermuten, das dieses nicht der Ausgang des kunstvoll ersonnenen Planes war, den sich die Meister des Universums erhofft hatten.

Natürlich wagte es niemals ein Sterblicher, diese Tatsache zu erwähnen oder niederzuschreiben. Insbesondere nicht gegenüber Anaspora, der wohlbedachten.

Diese verkündete nach einer Schweigepause von vollen drei Tagen, dass große Freude unter den göttlichen Rassen herrschte, weil ein Krieg vermieden werden konnte und ein goldenes Zeitalter des Aufbaus und der Schöpfung anbrechen würde. Alle Rassen würden von nun an vereint an der Schaffung von Utopia arbeiten. Utopia, so verkündeten Anasporas Boten auf allen Welten, wäre der finale, großartige Zustand, den die Götter schon seit Anbeginn der Zeit für das Universum vorgesehen hatten, der aber aus Mangel an Arbeitswilligen bisher nicht erreicht werden konnte. Jetzt aber mit der Hilfe der mächtigen Engel, wäre das große Ziel der Glückseligkeit für alle Rassen endlich in greifbare Nähe gerückt. Die Götter verkündeten weiterhin, dass aus planerischen Gründen die Zahl der dienenden 36.363 Engel auf die Götter aufgeilt werden müsste, damit an jeder möglichen Stelle im Universum das notwendige schöpferische Potential zur Verfügung stände. Weitere Details des großen Planes zur Schaffung von Utopia wurden den Sterblichen nicht verkündet.

So geschah es, dass fast alle Engel ihre Heimstatt Arcadia verlassen mussten, als sie sich in den Dienst der Götter stellten.

In den Jahrtausenden, die folgten, arbeiteten die Engel eifrig im Auftrage der Götter. Niemals verweigerten sie den Dienst, denn der universelle Friede stand auf dem Spiel. Doch insgeheim fragten sie sich, ob ihre Arbeit Utopia wirklich näher brächte. Und es waren wahrhaftig schwere Aufgaben, die man ihnen abverlangte. Die körperlichen Frondienste, wie das Ordnen von Planetoidenringen, die Anlage kontinentaler Kristallwälder oder die Verschiebung ganzer Planeten bewältigten die Engel mit Kraft, Magie und vor allem stoischer Ruhe.
Die schlimmeren Leiden erfuhren sie durch die göttlichenVerwaltungsaufgaben, die sie im Namen ihrer Herren zu erledigen hatten. Dazu gehörte das Eintreiben von Tributen auf hungernden Welten oder die Beschwörung von Fluten oder Erdbeben zur Strafe ungläubiger Völker. Schon bald erkannten die Götter einen großen Vorteil darin, die Engel diese überaus wichtigen Aufgaben erledigen zu lassen. Die Engel gerieten bei den sterblichen Völkern dadurch in Verruf und wurden gehasst als Unglücksbringer oder gnadenlose Vollstrecker. Man sandte sie aus, um Häretiker zu jagen. Man trug ihnen auf, selbstgerechte Tyrannen vor dem wütenden Volk zu schützen. Sie leiteten reißende Flüsse um in die belebten Strassen grosser Städte. Sie lenkten gefrorene Kometen um in die Bahnen bewohnter Planeten. Nach und nach begannen die Seelen der Engel zu brechen. Viele wurden stumpf und teilnahmslos und müde. Werkzeuge und Opfer zugleich. Geschundene Kreaturen, deren Leiber sich schließlich beugten und verformten, bis sie nicht mehr als Engel zu erkennen waren.

Einigen wenigen, die in den Diensten besonders ruchloser Herren standen, erging es noch schlimmer. Sie erlagen den dunklen Verlockungen ihrer verdorbenen Meister und wurden deren willige Diener. Zu diesen meisterlichen Verführern, die es schafften, die nobelsten Wesen im Universum zu pervertieren, gehörten Raash, der mörderische, Sisskass, die Königin der Schlangen oder Ladaviel, die singende Hexe. Die gefallenen Engel wurden zu Kreaturen voller Hass und Tücke, gefährlicher als jeder Dämon. Ihr Zorn richtete sich gegen sämtliches Leben im Universum.
Minnveilla, die sanfte, wurde zu Grathiél der hinterlistigen. Ihre Form blieb hell und licht, doch ihre Seele wurde schwarz wie ein galaktischer Kern.
Sivathil, der gerechte wurde zu Chrome, dem Kopfjäger. Seine Haut, dereinst weiß wie reinste Milch wurde kalt und glitzernd wie Metall.
Corvelius, der großherzige wurde zu Corvex dem Verführer.

Während nun die Engel überall im Universum gefürchtet wurden, während sie taub wurden, während sie dem Bösen verfielen, schritt der Plan zur Errichtung von Utopia in großen Schritten voran. So antworteten jedenfalls die göttlichen Rassen den begriffsschwachen Sterblichen, wenn sie begannen, Fragen zu stellen. Man pries dann den Eifer der Engel, ihre grosse Kraft und sogar ihre Treue. Sicher wäre es jedoch nicht, das Utopia in den 12 mal 12.000 Jahren errichtet werden könnte, denn die Aufgabe war ja wahrhaftig titanisch. Aber solche Sorgen brauchten die Sterblichen natürlich nicht zu kümmern, denn sie waren vom Schicksal ja mit dem kürzesten aller Leben und deshalb mit der kleinsten aller Verantwortungen gesegnet worden. Die Kinder späterer Äonen würden Utopia mit Sicherheit erkennen, wenn es eines fernen Tages mit einem Schlag vollendet wäre.

Die Engel jedoch hatten schon vor langer Zeit aufgehört, Fragen dieser Art an ihre Herren zu stellen. Trotzdem arbeiteten sie weiter und weiter und weiter.

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